Nah dran | 09.11.2017 Wiedersehen nach 25 Jahren: Gegner von einst

Film von Margarethe Steinhausen

Im Herbst '89 waren sie knapp 20 Jahre alt und standen sich an der Berliner Gethsemanekirche gegenüber: Frank Ebert gehörte zur Oppositionsbewegung und organisierte Mahnwachen. Riccardo Barkawitz aus Leipzig war wie schon sein Vater bei den "bewaffneten Organen". Beim Einsatz an der Kirche hatte er Angst, dass die SED den Schießbefehl erteilt. Während Frank Ebert nach dem Mauerfall die Stasi-Archive besetzte und die neue Reisefreiheit genießen konnte, brach Barkawitz' Welt zusammen. 25 Jahre später begegnen sie sich.

Als sich im Oktober 1989 Tausende auf die Straße trauten, reagierten Polizei und Stasi brutal. Die Situation drohte zu eskalieren. Riccardo Barkawitz war 18 Jahre, als er mit 25 weiteren Gefreiten des Wachregiments der Staatssicherheit vor 10.000 Demonstranten stand. Frank Ebert war damals 19 und gehörte zur Jugendopposition in der DDR. Mit anderen hat er in der Gethsemanekirche Mahnwachen organisiert. 25 Jahre später wollen sie über ihre verschiedenen Lebenswege reden.

Opportunismus versus Rebellentum

Rick Barkawitz ist als jüngstes von fünf Kindern in Döbeln, einer Kleinstadt nicht weit von Leipzig entfernt, aufgewachsen. Ricks Vater hat fast 30 Jahre lang für das Ministerium der Staatssicherheit in der Kreisdienststelle Döbeln gearbeitet. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass einer der drei Söhne ebenfalls Stasi-Offizier werden musste. Schon in der achten Klasse wurde mit Rick das erste Bewerbungsgespräch geführt.

Ich wollte Berufsoffizier werden, weil ich das sollte. Es war eben so. Es wurde auch nicht hinterfragt. Ich hatte auch nicht das Selbstbewusstsein, auf Konfrontation zu gehen.

Rick Barkawitz

Während Rick im Jahr 2014 zum ersten Mal die Gethsemanekirche in Berlin betrat, war für Frank das Gebäude im Herbst 1989 eine Art zweites Zuhause. Nur hier war er vor Verhaftungen sicher, denn Frank war Mitglied der Oppositionsbewegung. Frank war immer mittendrin.

Wir wollten eine reformierte DDR, das war unser Ziel.

Frank Ebert
Riccardo Barkawitz und Frank Ebert in der Berliner Gethsemanekirche
Einst auf politisch entgegengesetzten Seiten aktiv, treffen sich Frank Ebert (re.) und Riccardo Barkawitz (li.) heute in der Gethsemanekirche in Berlin. Bildrechte: rbb

Schon während seiner Schulzeit ging Frank auf Konfrontationskurs. Ein Grund: die Militarisierung des gesamten Unterrichts. Durch seine Schwester Bettina hatte Frank als Jugendlicher Kontakt zur Jungen Gemeinde gefunden. Die Eltern waren eher angepasst, ließen die Kinder aber eigene Wege gehen. Er druckte in der Umweltbibliothek illegale Schriften, traf sich mit Mitgliedern der Jungen Gemeinde. Frank gehörte zur Jugendopposition, die sich nicht einschüchtern ließ und immer in der ersten Reihe Flagge gegen den SED-Staat zeigte. Während Frank dafür mehrfach verhaftet wurde, begann für Rick im September 1989 der Wehrdienst beim Wachregiment der Staatssicherheit. Nur fünf Wochen später fiel die Mauer.

Der 9. November - Der Fall der Mauer

Unter den Tausenden, die in dieser Nacht in den Westen strömten, war auch Frank Ebert. Er ging allerdings mit gemischten Gefühlen, war doch nicht absehbar, welche Folgen die Grenzöffnung haben würde. Für Rick als Stasi-Mitarbeiter war der Westen noch lange ein Tabu. Erst im Dezember wagte er sich mit einer Freundin auf das unbekannte westliche Terrain. Kurze Zeit später löste sich auch das Wachregiment der Stasi auf und Rick stand auf der Straße. Er ging zurück nach Döbeln. Aber die schon eine Weile getrennt lebenden Eltern sind mit sich beschäftigt. Jeder wird von den Ereignissen überrollt.