Nah dran - Die Reportage | 23.03.2017 Die Aufstocker - Trotz Arbeit Hartz IV

Film von Lars Ohlinger

Etwa eine Million Menschen leben in Deutschland trotz Arbeit an der Armutsgrenze. Sie brauchen zusätzlich Geld vom Amt. Was läuft da schief und welche Chancen haben Betroffene, der "Aufstocker-Falle" zu entkommen?

Die alleinerziehende Mutter

Für Juliane M. beginnt der Tag früh am Morgen. Nachdem die alleinerziehende Mutter ihre zwei Kinder zur  Schule gebracht hat, arbeitet sie als Altenpflegerin. Dennoch muss sie sich immer wieder bei der Arbeitsagentur melden, um sich ihren Lohn mit Hartz IV aufstocken zu lassen.  Trotzdem bleibt für die Kinder nicht viel übrig. Die Großeltern helfen finanziell sehr. So wie Juliane geht es vielen: Etwa eine Million Menschen sind in Deutschland davon betroffen.

Lange Warteschlange vor dem Jobcenter.
Allein in Berlin sind rund 120.000 Menschen auf Leistungen vom Jobcenter angewiesen - obwohl sie einer Arbeit nachgehen. Bildrechte: MDR/SR/Lars Ohlinger


Ob jemand Hartz-IV-Aufstocker ist, ist jedoch nicht unbedingt eine Frage der Qualifikation. Oft trifft es sogar gut Ausgebildete. Für die Aufstocker ist es nicht leicht, dass sie zum Job-Center gehen müssen, um das zu geringe Einkommen durch ergänzende Hilfe vom Staat aufzubessern. Die Einführung des Mindestlohns von 8,50 Euro pro Stunde hat vielen einen stattlichen Sprung nach oben gebracht. Doch die Zahl der Aufstocker sank trotzdem nur um gerade mal 50.000.

Mit 8,50 Euro ist in der Regel keine Familie zu ernähren. Das ist allgemein bekannt und die Menschen landen bei mir in der Beratung. Wenn man eine vierköpfige Familie nimmt, da wird der verheiratete Familienvater, der Vollzeit arbeitet mit Mindestlohn, in aller Regel nicht genug verdienen, um die Miete und den Lebensunterhalt sicherzustellen. Das hat stark zugenommen: Menschen mit Mindestlohn in prekären Arbeitsverhältnissen oder mehrere Minijobs parallel.

Rudi Geisel, Diakonische Beratungsstelle Berlin

Zwei Jobs parallel

Auch Carina W. hat nur wenig von der Anhebung profitiert und kommt finanziell kaum über die Runden. Die 51-Jährige arbeitet als Roadie auf Festivals und zusätzlich als Putzfrau. Ein Auto kann sie sich nicht leisten und die letzte Woche im Monat ist besonders hart für sie. Oft hat sie kaum mehr etwas zu essen im Kühlschrank. Beim Jobcenter muss sie jeden Cent und jede noch so kleine Ausgabe genau erklären.

Wege aus der "Aufstocker-Falle"

Viele Aufstocker schämen sich für diese Situation. Das Beratungsmobil des Berliner Arbeitslosenzentrums bemüht sich um Kontakt mit den Betroffenen. Regelmäßig fahren die Berater zu den Schlangen vor den Jobcentern. Auch im Kreis Lauenburg gibt es ein freiwilliges Beratungsprojekt, das dabei hilft, Wege aus der "Aufstocker-Falle" zu finden. Diese sind nicht leicht, denn dazu gehört auch Mut und Selbstvertrauen bei den Betroffenen.

Die Betroffenen empfinden sich beim Jobcenter, wenn sie dort Leistung beantragen wie Bittsteller, wie Menschen zweiter Klasse, die jetzt hier eine Leistung erbitten müssen, obwohl sie doch arbeiten.

Rudi Geisel, Diakonische Beratungsstelle Berlin


Der Film zeigt, was es heißt, trotz harter Arbeit an der Armutsgrenze zu leben, und welche Chancen und Schwierigkeiten es gibt, dort wegzukommen.

Ein Mann und eine Frau reden vor einem Beratungsbus miteinander.
Beratungsbus des Berliner Arbeitslosenzentrums Bildrechte: MDR/SR/Lars Ohlinger

Zuletzt aktualisiert: 12. April 2017, 08:56 Uhr