Virginie in Therapie
Virginie Blei ist seit ihrer Hirnblutung halbseitig gelähmt. Die einst fröhliche Frau wirkt heute ernsthaft und nachdenklich. Wie sehr verändern Hirnverletzungen den Charakter? Bildrechte: MDR

Nah dran | 09.03.2017 Wer wir sind - Hirnverletzte auf dem Weg zu sich selbst

Ein Film von Stephan Liskowsky und Dinah Münchow

Was macht uns aus? Was ist unser unveränderlicher Kern, der auch nach schweren Verletzungen erhalten bleibt? Wie werden wir wieder zu dem Menschen, der wir davor waren? Die Reportage begleitet Hirnverletzte auf dem Weg zu sich selbst und zurück ins Leben.

Virginie in Therapie
Virginie Blei ist seit ihrer Hirnblutung halbseitig gelähmt. Die einst fröhliche Frau wirkt heute ernsthaft und nachdenklich. Wie sehr verändern Hirnverletzungen den Charakter? Bildrechte: MDR

Es sei wie eine Explosion im Kopf gewesen, beschreibt Virginie Blei den Moment, der ihr Leben veränderte. Schuld daran war eine Hirnblutung. Seitdem ist sie halbseitig gelähmt. Ihr Handicap sieht man ihr nicht an. Nick Tschirner hatte nach einem schweren Verkehrsunfall ein Schädel-Hirn-Trauma. Danach lernte er nur mühsam wieder sprechen, und die rechte Hand kann er nicht mehr bewusst steuern. Schreiben kann er nun nur noch mit links.

Doch das sind nur die äußeren Symptome. Denn nach einer Gehirnverletzung, ob durch einen Schlaganfall oder einen Unfall, verändern sich oft auch Charakter und Persönlichkeit von Grund auf. Über 270.000 Hirnverletzungen im Jahr gibt es, so die Statistik. Jeden kann es zu jeder Zeit treffen. Sie sind viel häufiger als Querschnittslähmungen und bei jungen Menschen der Hauptgrund für eine schwere Behinderung.

Das Davor und das Danach

Nick Tschirner
Bildrechte: MDR

Nick Tschirner gibt es jetzt zwei Mal: Vor dem Unfall im November 2007 war er Gymnasialschüler, dem das Lernen leicht fiel. Karriere wollte er mal machen, ins Ausland gehen. Er sprach fließend Englisch, lernte Chinesisch. Ein 16-Jähriger, der aktiv und früh selbständig war. Und es gibt den Nick nach dem Unfall. Der Gespräche schnell vergisst, aufbrausend sein kann, kaum etwas ohne Anleitung macht und viele Impulse von außen braucht. Durch den Unfall, bei dem auch das Frontalhirn verletzt wurde, lag Nick wochenlang im Koma, konnte danach weder laufen noch sprechen. Alles musste er neu lernen.

Gerade hat Nick ein Jahr in einem Therapiezentrum verbracht mit dem Ziel einer beruflichen Integration. Doch dort wurde festgestellt: Nick ist nicht ausbildungsfähig, mit seinen Handicaps ist er für den ersten Arbeitsmarkt nicht geeignet. Zwar findet Nick nicht, dass sich seine Persönlichkeit verändert hat, sein Selbstbewusstsein und seine Gelassenheit sind erstaunlich, aber die Realität zeigt ihm immer wieder, dass etwas anders mit ihm ist. Und oft muss er sich fragen: Was kann ich noch? Was bleibt, und woran kann man arbeiten?

Ich weiß ja, dass ich meine Beeinträchtigungen habe, aber wenn man da gleich den Stempel "Behinderter" aufgedrückt bekommt, dann ist ja der halbe Weg schon entschieden. Man kann sich nicht mehr wirklich weiterentwickeln.

Der Schlüssel zum Glück

Virginie Blei
Bildrechte: MDR

Auch Virginie Blei und ihre Angehörigen stehen nach ihrer Hirnblutung vor grundsätzlichen Fragen: Als Kind und Jugendliche war sie extrovertiert, tanzte gerne, lachte immer, war fröhlich. Heute eine andere, eine ernsthafte, nachdenkliche Person, die das Lachen erst wieder lernen musste.

Wenn die Leute sich auf einmal von einem abwenden, merkt man, dass man nicht mehr derselbe ist, weil vorher kam man ja mit denen klar.

Virginies großes Ziel ist es, so wie früher zu werden. Um die Leistung ihres Gehirns zu verbessern, ist sie mindestens einmal pro Woche beim so genannten Neurofeedback. Dabei gilt es, die eigenen Hirnströme zu beeinflussen. Was einfach aussieht, ist ein Kraftakt fürs Gehirn. Aber durch das regelmäßige Training stellen sich Erfolge ein. So kann sie sich vieles besser merken. Um in einen neuen Alltag zurückzukehren, half ihr auch ein Tanztheaterstück, das eigens für Hirnverletzte konzipiert wurde. Hier fand sie neue Freunde - und wieder einen Zugang zu ihren Gefühlen: "Das Tanzen macht mich extrem glücklich", verrät sie.

Sich selbst annehmen, egal, wer man ist. Die eigenen Schwächen und Stärken kennen. Neue Wege gehen. Ist das der Schlüssel zum Glück? Virginie und Nick geben alles, um sich ein neues Leben aufzubauen.

Zuletzt aktualisiert: 10. März 2017, 09:45 Uhr