Nah dran | 25.06.2017 Weder brav noch fromm

Film von Ulli Wendelmann und Christian H. Schulz

Ist das Pfarrhaus ein besonderer Ort? Wachsen Kinder hier unter anderen Bedingungen auf als in anderen Familien? Diese Fragen beschäftigen die beiden Filmemacher. Sie kommen ins Gespräch mit prominenten Pfarrerskindern, die Auskunft über ihre Kindheit geben.

Fromm, bieder, verklemmt? Pfarrerskinder sind für jede Menge Klischees gut. Der Nachwuchs von Ärzten oder Feuerwehrleuten kennt dieses zweifelhafte Privileg nicht. Unter den einflussreichen und wichtigen Deutschen sind Pfarrerskinder auffallend häufig vertreten.

Aktuell ist Angela Merkel ihre prominenteste Vertreterin. Zur Ahnenreihe berühmter Pfarrerskinder gehören der Philosoph Friedrich Nietzsche, der Schriftsteller Hermann Hesse, der Humanist Albert Schweitzer, aber auch die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin. Auffallend häufig waren Pfarrerskinder auch in der DDR-Opposition aktiv. Wird also, wer im Pfarrhaus aufwächst, besonders rebellisch? Oder sind Pfarrerskinder doch in der Regel diszipliniert und pflichtbewusst? Wie erlebten heute prominente Pfarrerskinder ihr Elternhaus?

Christine Lieberknecht

Thüringens Ex-Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU)
Thüringens ehemalige Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU). Bildrechte: dpa

Thüringens ehemalige Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht war die erste Frau auf dem Chefsessel eines ostdeutschen Bundeslandes. Auch sie ist, wie Angela Merkel, eine Pfarrerstochter, wuchs als ältestes von vier Geschwistern auf und lernte früh, Konflikte auszuhalten. So wurde sie nicht, wie in der DDR üblich, Pionier in der sozialistischen Kinderorganisation der DDR.

Vor ihrer Wahl zur Landeschefin im Oktober 2009 arbeitete Christine Lieberkneht als Pfarrerin, war seit 1990 im Landtag. Im Herbst 2013 stand sie unter öffentlichem Druck. Der Wechsel ihres Regierungssprechers sorgte für Wirbel. Was gibt ihr in stressigen Situationen Rückhalt und Sicherheit? Was hat sie auf  ihrem Weg in die Politik stark gemacht?

Gerhard Schöne

Gerhard Schöne 2009 auf dem Theaterkahn
Der Liedermacher Gerhard Schöne auf der Bühne. Bildrechte: MDR/Nüssler

Gerhard Schöne wuchs mit fünf Geschwistern in einem Pfarrhaus in Coswig bei Dresden auf. Das Elternhaus war eine kleine Insel. In der DDR erzwungene Anpassung und Doppelmoral hatten hier wenig Platz. Schon als Schüler schrieb Gerhard Schöne eigene Texte und Geschichten. In seinen Liedern nahm er die im Elternhaus erlebte Freiheit auf. Hier lernte er Menschen aus aller Welt kennen, Bischöfe aus Afrika oder regimekritische Freunde aus Ungarn oder Polen.

Er empfand das Leben im Pfarrhaus als geschützten Raum, aber nicht als Idylle. Dass Gerhard Schöne in der DDR nicht über den Sieg des Sozialismus, sondern von Kinderträumen sang, hatte auch mit eigenen Sehnsüchten zu tun. Er wollte schon damals mit Liedern und Geschichten Menschen für das Abenteuer Leben begeistern.

Christiane Jörges

Christiane Gerboth-Jörges
Journalistin Christiane Jörges. Bildrechte: IMAGO

Auch Christiane Jörges gehört zu den Pfarrerskindern. Sie wuchs in Wippra, einem 300-Seelendorf in Thüringen, auf. Der Vater war Gemeindepfarrer, die Mutter Ärztin. Christiane Jörges erlebte ihre Familie als einen Gegenentwurf zum sozialistischen Alltag. Hier wurde über alles und jeden offen diskutiert. Dabei ging der Blick weit über die Mauer hinaus.

1990 begann Christiane Jörges als Sprecherin beim Deutschen Fernsehfunk. Sie war die Glücksfee im Telespiel und Mitte der 90er-Jahre Moderatorin der MDR-Talkshow "Riverboat". Hat sie die im Elternhaus erlebte Diskussionslust in die Welt des Fernsehens geführt? Denn "Sendungsbewusstsein" und Selbstvertrauen hatte Christine Gerboth-Jörges schon in Kindertagen verspürt. 

Steffen Möller 

Steffen Moeller
Kabarettist Steffen Möller. Bildrechte: MDR/SW-Film/Ulli Wendelmann u. Christian Schul

Steffen Möller wuchs in einer Pfarrersdynastie auf. Bereits die Großväter sind Pastoren. Irgendwann ging dem Pfarrersohn das Gutmenschentum auf den Geist. Er wollte die festgefügten Familientraditionen mit den gewohnten Denk- und Glaubensbahnen verlassen. 1994 ging der Wuppertaler Pfarrersohn nach Krakau. Hier wurde er vom polnischen Fernsehen entdeckt, Steffen Möller begann, als Fernsehmoderator und Talkmaster zu arbeitetn. Mit Kabarettprogrammen gastierte er im ganzen Land. Dass jemand als deutscher Gastarbeiter in Warschau lebt und gleichermaßen Witze über Deutsche und Polen reißt, begeistert jenseits der Oder.

Der Wuppertaler Steffen Möller hat sich scheinbar weit von seiner alten Heimat, den Prägungen der Familie entfernt. Doch entdeckt er immer wieder erstaunliche Gemeinsamkeiten zwischen Pfarrhaus und Bühne.

Zuletzt aktualisiert: 26. Juni 2017, 12:04 Uhr