Ein junger Mann sitzt auf einer Mauer. Hinter ihm ist eine Ortschaft zu sehen.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nah dran | 07.09.2017 Said - Mein neues Leben in Sachsen

Mehr als die Hälfte der Geflüchteten, die seit 2015 nach Sachsen kamen, sind längst weitergezogen. Bessere Jobaussichten in anderen Bundesländern und die Erfahrung rechter Gewalt sind die Beweggründe. Wie geht es denen, die bleiben? Wie lebt es sich als Geflüchteter in Sachsen? Um diese Frage zu beantworten, begleiteten die Filmemacher Nina Mair und Robert Jahn den jungen Afghanen Said ein Jahr durch sein neues Leben in Sachsen.

Ein junger Mann sitzt auf einer Mauer. Hinter ihm ist eine Ortschaft zu sehen.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Said ist 18 Jahre alt und lebt heute in Pirna bei Dresden. Mit 15 flüchtet der gebürtige Afghane aus dem Iran, wo seine Mutter mit ihm illegal lebt. Said hat schon lange keinen Kontakt mehr zu ihr. Er weiß nicht, was mit ihr ist, wo sie sich aufhält, ob sie überhaupt noch lebt. Sein Vater ist tot. Aber Said schaffte es, sich alleine bis nach Deutschland durchzuschlagen.

Eine offene Tür

Said fand in Sachsen eine Ersatzfamilie. Imke aus Pirna hilft Said beim Neustart
Imke aus Pirna hilft Said beim Neustart. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der junge Mann lernt kurz nach seiner Ankunft in der Fremde Imke kennen. Sie wird schnell seine "Ersatzmama". Zwar lebt der 18-Jährige in einer Sammelunterkunft, aber er verbringt so viel Zeit wie möglich bei Imke und ihrer Familie. Imke hilft gerne. Sie weiß von ihrem Vater, was es bedeutet, ein Flüchtling zu sein. Denn der kam nach dem Zweiten Weltkrieg auch als Flüchtling nach Sachsen. Sein Motto "Die eigene Tür für Fremde immer offen halten" ist auch Imke zu Eigen geworden. Mit Said sei eine schöne Seite in ihrem Leben dazugekommen, die sie nicht erwartet hätte, verrät sie.

Natürlich ist es manchmal schwer. Weil man sich ganz anders darauf einlassen muss, als wenn es das eigene Kind ist. Da weiß man genau, wie das Kind ist. Aber das Kind [Said] kenne ich, seitdem es 16 Jahre alt ist. Und das hat 16 Jahre davor ohne mich gelebt. Und ich weiß überhaupt nicht, was alles gewesen ist. 

Imke

Wider die Angst

Said
Said in Freital. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dabei ist Pirna kein ungefährliches Pflaster. Freital und Heidenau, bekannt für Aufmärsche von Neonazis, sind nicht weit. Bei einem Aufmarsch der Rechten in Freital, die Said auf Seiten einer Gegendemonstration miterlebt, schlägt ihm Wut und Hass hautnah entgegen. Das erschreckt den jungen Mann.

Eigentlich war ich überall in Deutschland. Aber sowas wie in Freital oder in Sachsen habe ich nie gesehen. Wenn ich hier nicht meine neue Familie hätte, das wäre ein sehr gefährlicher Ort für mich!

Said

Um anzukommen, die deutsche Sprache zu lernen, auf andere Jugendliche zu treffen und auch um seine Angst zu bekämpfen, hat sich Said einem Theaterprojekt angeschlossen. Gemeinsam mit anderen sächsischen und afghanischen Jugendliche tourt Said dafür durch Dresden und Umgebung, ihr Thema ist "Willkommen Flucht". Anfeindungen und Pöpeleien aus dem Publikum erfahren sie auch hier.

Wir dachten, wir spielen vor vielen Leuten. Aber wir dachten nicht, dass die Leute so schlecht über uns denken. Und Hass auf uns haben. Wir haben eine solche Situation nicht erwartet.

Said

Ankommen in der Fremde

Nah dran - Reportage: Said - mein neues Leben in Sachsen
Der 18-jährige Said hat eine Bleibe in Pirna gefunden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Nah dran - Reportage: Said - mein neues Leben in Sachsen
Der 18-jährige Said hat eine Bleibe in Pirna gefunden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Nah dran - Reportage: Said - mein neues Leben in Sachsen
In Pirna fand Said auch seine "Ersatzmama" Imke, die ihn in allen amtlichen Dingen unterstützt und nicht von der Seite weicht. Sie hilft ihm auch im Asylverfahren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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In ihrer Familie fühlt er sich gut aufgehoben. Imkes Sohn hat zu Saids 18. Geburtstag eine Überraschung parat: Seine Band spielt für ihn. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Um Erlebtes zu verarbeiten, hat er sich einem Theaterprojekt angeschlossen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Im Stück "Willkommen Flucht" setzt sich die Gruppe mit Vorurteilen gegen Flüchtlinge auseinander. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Dann ist es soweit: Die Gruppe führt ihr Theaterstück in Pirna auf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Nicht überall werden sie mit herzlichem Beifall wie hier bedacht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Viel Häme erfahren die Jugendlichen des Theaterprojektes in den sozialen Medien. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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In Freital marschieren Rechte durch die Stadt. Dem Aufruf zu einer friedlichen Gegendemonstration folgt auch Said. Bevor es losgeht, trifft er Jürgen Kasek, den Landesvorsitzenden der sächsischen Grünen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Seit einiger Zeit arbeitet Said im Rahmen eines berufsvorbereitenden Jahres in einer Tischlerei. Wird seinem Asylantrag stattgegeben, kann er hier eine Ausbildung beginnen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Hürden meistern

Der Hass der anderen beschäftigt Said. Aber so leicht gibt er nicht auf. Er kämpft sich durch sein Asylverfahren und schafft die erste Hürde für eine Ausbildung. Seit einigen Wochen macht er ein berufsvorbereitendes Jahr in einer Tischlerei. Die praktische Arbeit gefällt ihm. Nur mit Mathematik hat Said Probleme, denn eine Schule besuchte er nie. Als Illegaler war ihm das im Iran verboten. Aber Lesen und Schreiben, das lernte er von seinem Vater, bevor dieser starb. Wenn alles gut geht und der Asylbescheid des Bundesamtes positiv ausfällt, kann er in der Tischlerei auch seine Ausbildung beginnen. 

Ohne Imkes offene Arme hätte Said den Neuanfang in Sachsen nicht geschafft. Und für den 18-Jährigen ist klar: Seine Zukunft liegt in Sachsen.

Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2017, 13:23 Uhr