Eine Frau steht in einer Zelle vor einer Arbeit des chinesischen Künstlers Ai Weiwei.
Eine Frau steht in einer Zelle vor einer Arbeit des chinesischen Künstlers Ai Weiwei. Bildrechte: dpa

Ausstellung "Luther und die Avantgarde" | 19.5.2017 – 17.9.2017 | Wittenberg Gegenwartskunst im Gefängnis

Eine Frau steht in einer Zelle vor einer Arbeit des chinesischen Künstlers Ai Weiwei.
Eine Frau steht in einer Zelle vor einer Arbeit des chinesischen Künstlers Ai Weiwei. Bildrechte: dpa

Am Freitag eröffnet die internationale Kunstausstellung "Luther und die Avantgarde" im ehemaligen Gefängnis in Wittenberg. Internationale Gegenwartskunst trifft hier auf den streitbaren Vordenker Luther.

Vom Ort der Unfreiheit zur lebendigen Auseinandersetzung

66 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt gestalten mit ihren Arbeiten das einstige Frauengefängnis in ein Zentrum der geistigen Freiheit um. Ihre Werke sind in den 38 Zellen zu sehen, wo sie eine besondere Wirkung auf den Betrachter haben sollen, so ein Kurator der Ausstellung, Walter Smerling:

Die Kunstwerke wirken hier anders als im Ausstellungsraum eines Museums. Dieser Ort ist Geschichtsbeladen. Hier haben Gefangene bis vor ihrem in ihren Zellen über ihr Schicksal nachgedacht. Und hier kann man sich in jeder Zelle auf das konzentrieren, der jeweilige Künstler zu sagen hat.

Walter Smerling, Kurator

Luther hat die Kunst von religiöser Instrumentalisierung befreit und damit der künstlerischen Moderne den Weg bereitet, aber kann er als Ideengeber seiner Zeit heutzutage gesellschaftliche und künstlerische Inspiration geben? Wie verhält sich die Kunst dazu, 500 Jahre nach der Reformation?

Künstler wie Ai Weiwei, Monica Bonvicini, Markus Lüpertz und Jonathan Meese präsentieren Werke zu Themen wie Freiheit, deren Gefährdung, Widerstand, Verantwortung und Toleranz vor dem Hintergrund gravierender politischer, sozialer und religiöser Konflikte.

Die Themen, die vor 500 Jahren aktuell waren, sind es heute auf einer anderen Ebene immer noch. Heute stehen wir nicht vor dem neuen Medium Buchdruck, sondern vor der Digitalisierung, die sich weiter, schneller entwickelt, als die Gesellschaft damit zurechtkommt. Probleme der Integration, Flüchtlingsproblematik, Individualität sind ein großes Thema. Die Künstler greifen sich die verschiedenen Themen heraus, die sie interessieren.

Walter Smerling, Kurator
Walter Smerling
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Walter Smerling - Kurator der Ausstellung "Luther und die Avantgarde" "Künstler nutzen Luther als Vehikel"

Walter Smerling - Kurator der Ausstellung "Luther und die Avantgarde"

In soziokultureller Hinsicht war Luther auch ein Avantgardist. In der Ausstellung "Luther und die Avantgarde" zeigen 67 Künstler von fünf Kontinenten ihre Positionen von heute.

05:43 min

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Die 95 Thesen der Kunst

Der Künstler Jonathan Meese hat seine Zelle mit seinem Manifest, seinen 95 Thesen der Kunst ausgekleidet. Darin fordert er die komplette Abschaffung aller Ideologien, inklusive aller Religionen:

Luther war schon ein toller Typ, aber hat sich für das Falsche eingesetzt, und das sind sozusagen auch Gegenthesen, zu religiösen Thesen oder politischen Thesen. Also hier wird man keine Politik finden, oder keine Religiösität oder keine Anbetung, kein Niederknien. Hier in diesem Raum ist das alles nicht vorhanden. Hier gibt’s keine Ideologie.

Jonathan Meese, Künstler

Die Gefängniszelle wird zum Tresorraum

Die Italienerin Marzia Migliora hat ihre Gefängniszelle in einen Banksafe mit Schließfächern verwandelt. In der Mitte des Raumes befindet sich eine mit rotem Samt bezogene Stufenleiter ähnlich einer Kirchenbank. Migliora verlagert die historische Schuld der Kirche in eine Bank und spielt auf die moralischen und ökonomischen Verflechtungen im Zeitalter des Kapitalismus an. Damit beziehe sie sich auf ein Zitat von Walter Benjamin vom Kapitalismus als Religionsersatz.

Wir sind hier an einem Ort von Luther, da liegt die Frage nach dem Bezug von Kirche und Geld nicht fern – und heute fragen wir uns: Hat der Kapitalismus die Religion bereits verdrängt? Diese Zelle liegt im Untergeschoss und erinnert mich auch an eine Krypta. Ich assoziiere gleichzeitig den gesicherten Ort einer Bank, wo die Goldbarren in den Schließfächern liegen – doch so abgeschlossen von der Welt ist es vielleicht auch ein Ort der Meditation wo man allein ist, mit seinem Geld oder mit Gott oder beidem.

Marzia Migliora

Eine besondere Draufsicht

Das Ambiente liefert weitere Assoziationen. So hat der Konzeptkünstler Achim Mohné seine Freiluftarbeit zwischen Amtsgericht und Gefängnis installiert. Sein Mosaik zeigt aus der Vogelperspektive das Porträt des Whistleblowers Edward Snowden. Eine Drohnenaufnahme im Gefängnis erleichtert den Blick.

Ich habe mich gefragt ,wer wäre ein wichtiger Reformator von heute? Das wäre Snowden, denn ich glaube dass Whistleblower ein wichtiges Regulativ in der Demokratie darstellen. Luther und Snowden haben beide Systemkritik geübt und sind beide dafür geächtet worden. Beide haben einen hohen Preis bezahlt, zwar auf unterschiedlichen Gebieten – der eine religiös der andere Techniker, aber letztlich gibt es Analogien zwischen beiden.

Die Bandbreite der gezeigten Arbeiten reicht von Gemälden, Skulpturen, Installationen, Wandmalereien, Fotografie, Zeichnungen, Video- und Sound-Arbeiten bis hin zu Performances.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | 19.05.2017 | 18:05 Uhr

Die Themen der Sendung:

  • Die Ausstellung "Luther und die Avantgarde"
  • Die Reformation und die schönen Künste: Bilderstürmer und Kunst-Mäzene - Christen im Gefolge der Reformation waren beides. Das Verhältnis zwischen Kirche und Kunst lässt sich nicht auf einen Nenner bringen, sagt der EKD-Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen.
  • Schlicht und karg - protestantische Kirchenräume: Schlicht, karg, auf das Kanzelwort bezogen... Wie hat die Reformation die Kirchenräume verändert? Was ist aus den vielen Malern und Bildschnitzern geworden? Wir fragen nach bei Prof. Armin Kohnle vom Institut für Kirchengeschichte in Leipzig.

Zuletzt aktualisiert: 12. Juli 2017, 16:17 Uhr

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