Persönlichkeiten der Reformation: Julius von Pflug, Bischof von Naumburg und Zeitz Mann des Ausgleichs in den Mühlen der Macht

Eine der interessantesten Persönlichkeiten der Reformationszeit war Julius von Pflug. Er war ein Mann hoher Bildung und des Ausgleichs, fast ein Gegenbild zum cholerischen und polarisierenden Luther. Doch er geriet in die Mühlen weltlicher und kirchlicher Machtpolitik.

von Franz Kadell

Die Grabplatte von Bischof Julius von Pflug im Dom der Moritzburg zu Zeitz
Die Grabplatte von Bischof Julius von Pflug im Dom der Moritzburg zu Zeitz Bildrechte: IMAGO

Julius von Pflug (in älterer Zeit wurde der Familienname meist Pflugk geschrieben) ist in der Vergangenheit oft leicht übergangen, übersehen oder gar vergessen worden, wie auch sein Heimatort verschwunden ist, allerdings erst seit jüngerer Zeit. Er wurde 1499 in Eythra geboren, einem Dorf bei Leipzig, das Anfang der 1980er Jahre dem Braunkohlebergbau weichen musste. Sein Vater war Berater des sächsischen Herzogs Georg des Bärtigen (1471-1539).

Pflug studierte in Leipzig und dann in Bologna. Anschließend wurde er Kanoniker des Domkapitels zu Meißen. Kanoniker oder Kanonissen waren Menschen, die ordensähnlich nach festen Regeln lebten, aber kein Gelübde ablegten. 1521 – das Jahr, in dem Luther vor dem Reichstag in Worms den Widerruf seiner Thesen verweigerte und auf der Wartburg Schutz fand – berief ihn Herzog Georg als Rat; ein Jahr später machte er ihn zum Dompropst in Zeitz.

Nach einem Zwischenspiel in Mainz arbeitete Pflug ab 1532 wieder in Zeitz und nahm an allen wichtigen Zusammenkünften teil. In Leipzig disputierte er in dieser Zeit mit Melanchthon ähnlich wie einst Luther mit Eck. 1537 folgte der nächste Schritt, als Pflug zum Domdechanten in Meißen ernannt wurde. 1539 holte Albrecht von Brandenburg ihn sich als Rat.

Im selben Jahr wollte Herzog Heinrich von Sachsen (1473-1541) im Bistum Meißen die Reformation einführen. Pflug stellt sich im Auftrag und in Absprache mit dem Bischof von Meißen dagegen. Seine Begründungsschrift lautete "Eine gemeinschaftliche Lehre von vier Artikeln, die einen jeden Christen zu wissen vonnöthen".

Domkapitel wählt Pflug zum Bischof, aber der Kurfürst...

Dann spitzten sich die Dinge dramatisch zu. Nachdem Pflug 1540 zum Domkapitular von Naumburg ernannt worden war, wählte ihn das Domkapitel 1541 zum Bischof von Naumburg. Die Wahl war nach dem Tod des aus der Kurpfalz stammenden Bischofs von Freising, Philipp von Wittelsbach, erforderlich. Von Wittelsbach hatte als Administrator das Bistum Naumburg-Zeitz mitverwaltet, sich dort aber kaum sehen lassen. So hatte sich viel Unmut angestaut, und der ausgleichende Julius von Pflug schien dem Domkapitel auch deshalb eine gute Wahl zu sein.

Das aber empfand der lutherfreundliche Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen (1503-1554) als politische wie auch persönliche Herausforderung. Naumburg als Ort gehörte zwar weder zum ernestinischen sächsischen Kurfürstentum noch zum albertinischen Herzogtum Sachsen, allerdings agierte der Kurfürst als Schirmherr des Naumburger Stifts und beanspruchte eine Art Mitspracherecht in allen einschlägigen Angelegenheiten. Das Bistum war 968 von Kaiser Otto und Papst Johannes XIII. mit Sitz in Zeitz gegründet worden, doch wegen der unsicheren Grenzlage war der Bischofssitz schon 1029 nach Naumburg verlegt worden.

So passierte im Januar 1542 schließlich die rechtliche und kirchenpolitische Ungeheuerlichkeit: Der Kurfürst setzte den Naumburger Stadtrat unter Druck und ernannte seinerseits den evangelischen Prediger und Luther-Vertrauten Luther Nikolaus von Amsdorf (1483-1565) zum Bischof von Naumburg. Jetzt hatte Naumburg zwei Bischöfe! Mit großem Aufwand wurde von Amsdorf in Naumburg und Zeitz als Bischof eingeführt. Die „Ordination“ des ersten evangelischen Bischofs nahm Martin Luther persönlich vor.

Der rechtmäßige Bischof geht ins Exil

Pflug musste dem unrechtmäßigen Treiben ohnmächtig zusehen und ging für die nächsten fünf Jahre ins Exil nach Mainz. Dort hatte sich im Jahr zuvor auch Kardinal Albrecht niedergelassen, nachdem ihn die lutherische Bewegung aus Halle vertrieben hatte. In Mainz beschäftigt sich Pflug intensiv mit den Schriften und Thesen Luthers. Er fühlte sich jedoch dem Theologen Georg Witzel (war anfangs von Luthers angetan, wandte sich dann aber wieder ab) und vor allem dem Humanisten Erasmus von Rotterdam mehr verbunden. Er wollte vermitteln.

Der Reichstag in Speyer 1542 brachte keine Lösung angesichts der Doppelbischofstatsache. Nikolaus von Amsdorf blieb Gegenbischof von des Kurfüsten und Luthers Gnaden. Bis 1546, als es zum Schmalkaldischen Krieg kam. Jetzt kam die Retourkutsche. Herzog Moritz von Sachsen ermöglichte es Pflug, wieder in Naumburg einzuziehen.

Schon im Januar 1547 ging es wieder anders herum. Kurfürst Johann Friedrich vertrieb Pflug abermals. Und abermals ging es andersrum, nachdem Karl V. in der Schlacht von Mühlberg am 24. April 1547 den Protestanten den Garaus machte. Pflug war wieder Bischof. Die Jahre hatten die Verhältnisse aber längst im Sinne der Wittenberger verändert, vor allem in der Glaubenslehre war eine Restauration kaum möglich. Nur noch ein Pfarrer in seinem Bistum war unverheiratet.

Luther bekam das alles nicht mehr mit. Er war Anfang 1546 gestorben.

Auch in späten Jahren gefragt und einflussreich

Pflug konnte jedoch die Lage immerhin beruhigen. Er hätte gern mehr erreicht. Er wandte sich an den Papst, die geschlossenen Ehen der Pfarrer zu akzeptieren, was Rom natürlich ablehnen musste. Auch der Wunsch, das Abendmahl in beiderlei Gestalt zu erlauben, wurde abgelehnt. Manche katholischen Kirchenhistoriker des 19. Jahrhunderts verdächtigten ihn deshalb sogar als "Kryptocalvinisten".

Jedenfalls machte er auf den Kaiser durch seine Debattenauftritte Eindruck. Er bat ihn 1548, das Augsburger Interim mit zu formulieren. Julius Pflug nahm außerdem 1551 und 1552 am Trienter Konzil teil, doch war er da schon gesundheitlich angeschlagen. Gleichwohl führte er das Wormser Religionsgespräch 1557 als Vorsitzender.

1564 stirbt Pflug in Zeitz. Er wird im Dom der Moritzburg beigesetzt. Dort ist auch seine Grabplatte zu sehen. Er war der letzte Bischof des Bistums, das später ganz im Kurfürstentum Sachsen aufging.

Ab Juni große Sonderausstellung zu Julius von Pflug

Julius von Pflug hat der Nachwelt eine der wichtigsten Bibliotheken der deutschen Kirchengeschichte hinterlassen, die heute in der Zeitzer Stiftsbibliothek im Torhaus der Moritzburg untergebracht ist. Sie zeugt von der ernsthaften und genauen Auseinandersetzung Pflugs mit den Themen der Zeit. So enthält sie sehr seltene Drucke der Werke Luthers und Melanchthons im Original.

Im Zuge der Jubiläumsdekade "500 Jahre Reformation" erlebt auch Julius von Pflug eine Wiederentdeckung unter neuen Vorzeichen und Betrachtungsweisen. Weil er auf gegenseitigen Respekt und die Wahrung der Einheit der Kirche bedacht war, gilt er inzwischen als früher Vorreiter und Vorbild der Ökumene.

In diesem Sinne ist auch die große Sonderausstellung "Dialog der Konfessionen. Bischof Julius Pflug und die Reformation" vom 5. Juni 2017 bis 1. November 2017 in Zeitz angelegt.

Über dieses Thema berichtete auch: MDR Sachsen-Anhalt Heute | Fernsehen | 28.02.2017 | 19:00 Uhr

Buchtipps: Corinna Wandt und Roland Rittig (Hrsg.): Julius von Pflug, Bischof von Naumburg-Zeitz. Wegbereiter der Versöhnung in der Reformationszeit. Ein Lesebuch. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2014

Kristin Otto, Corinna Wandt und Roland Rittig (Hrsg.): Bescheidenheit und Maß. Bischof Julius Pflug in der Reformationszeit. Kolloquium zum 450. Todestag. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2015

Otfried Müller: Bischof Julius Pflug von Naumburg-Zeitz in seinem Bemühen um die Einheit der Kirche. In: Franz Schrader (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte des Erzbistums Magdeburg (Studien zur katholischen Bistums- und Klostergeschichte, Bd. 11), Leipzig 1968

Werner Raupp: Julius von Pflug. In: Biographisch Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 15, Herzberg 1999

Heinz Wießner: Das Bistum Naumburg 1. Die Diözese 2. In: Max-Planck-Institut für Geschichte (Hrsg.). Germania Sacra, Neue Folge 35,2. Die Bistümer der Kirchenprovinz Magdeburg. Ber-lin/New York 1998

Zuletzt aktualisiert: 15. März 2017, 14:30 Uhr