Reformationsorte in Mitteldeutschland: Zeitz Neu-Bischof und Lutheriden

von Franz Kadell

Wenn Luther auf seinen vielen Reisen irgendwo übernachtet hat, so findet sich heute zumindest eine Tafel an dem betreffenden Haus. In Zeitz darf es etwas mehr sein. Hier gibt es ein richtiges "Luther-Haus". Es steht in der Rahnestraße 18. Eine Luther-Rose schmückt die Front. Das ist nicht übertrieben, denn in Zeitz wurde aufregende Reformationsgeschichte geschrieben.

Schloss Moritzburg in Zeitz
Schloss Moritzburg in Zeitz Bildrechte: IMAGO

Nicht nur das Schloss mit dem Dom und eine prachtvolle Bibliothek zeugen davon. Als Luther 1542 Zeitz erreichte – fast 25 Jahre nach seinem Thesenpapier gegen den Ablasshandel – betrat er eine für die Kirchengeschichte ganz besondere Stadt. Der Ort selbst war aus einer alten slawischen Siedlung an der Elster hervorgegangen und wurde 967 erstmals urkundlich erwähnt. 968 hatten Kaiser Otto und Papst Johannes XIII. das Bistum Zeitz gegründet, doch wegen der unsicheren Grenzlage wurde der Bischofssitz schon 1029 nach Naumburg verlegt.

In diesen beiden Städten, Naumburg und Zeitz spielten sich 1542 dramatische Vorgänge ab, die letztlich nur ein paar Jahre später in den Schmalkaldischen Krieg (1546/47) mündeten.

Leute schleppten Leitern an die Kirchenfenster

Zwei Tage vor seiner Ankunft in Zeitz, am 20. Januar 1542, hatte Luther seinen gleichaltrigen und engen Freund Nikolaus von Amsdorf (1483-1565) als Bischof im Naumburger Dom "ordiniert". Damit gilt von Amsdorf als erster evangelischer Bischof überhaupt. In Zeitz hielt von Amsdorf seine Antrittspredigt. Der Ort konnte nicht symbolträchtiger sein: Der Dom mit der ottonischen Krypta und der gewaltigen Bischofsburg. Das Schloss stand damals noch nicht.

Die Stimmung in der Stadt war reformfreudig, aber nicht radikal. Der Dom war überfüllt. Nicht nur die Stadtprominenz war da, um den neuen Bischof zu sehen und zu hören. Schließlich war auch Luther mit Tross gekommen, darunter Philipp Melanchthon und Johannes Bugenhagen. Der Aufwand spiegelte die hohe politische Brisanz wider, die mit dem ganzen Vorgang verbunden war.

Am Nachmittag desselben Tages predigte Luther in der Franziskanerkirche. Sie war damals schon fast 200 Jahre alt und ist eine der größten Hallenkirchen in Mitteldeutschland. Alle wollten den berühmten Wittenberger sehen und hören. Auch mehrere Rom-treue Geistliche waren anwesend. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. Angeblich schleppten Bürger sogar Feuerleitern heran, um wenigstens durch die Fenster Blicke auf den Star werfen zu können. Luther hatte seine Predigt unter den Titel "Die große Macht und Kraft des Wortes Gottes" gestellt.

Die Franziskanerkirche, einst Klosterkirche des Franziskaner-Ordens, wird seit den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr als Gotteshaus genutzt. Sie kann nur auf besondere Anfrage besichtigt werden.

Ein wahrer Schatz: Die Bibliothek des Julius Pflug

Die Grabplatte von Bischof Julius von Pflug im Dom der Moritzburg zu Zeitz
Grabplatte von Bischof Julius Pflug im Dom der Moritzburg Zeitz Bildrechte: IMAGO

Wer über den ersten evangelischen Bischof Nikolaus von Amsdorf in Zeitz spricht, muss auch über den katholischen, eigentlich rechtmäßigen Bischof Julius von Pflug (1499-1564) in Naumburg und Zeitz reden. Er war nicht nur hochgebildet, sondern stets auf Ausgleich, gegenseitigen Respekt und Wahrung der Einheit der Kirche bedacht. Heute wird er deshalb als Vorkämpfer der Ökumene in Anspruch genommen.

Die Bibliothek von Pflug war eine der größten Privatbibliotheken der Welt aus der Reformationszeit und ist auch heute noch fast vollständig erhalten. Wie ernsthaft sich Pflug mit Luther auseinandergesetzt hat, zeigt der Umstand, dass seine Bibliothek eine der größten zeitgenössischen Sammlungen an Drucken und Werken Luthers sowie Melanchthons und damit heute sehr seltene Originale einschließt. Sie befinden sich heute in der Zeitzer Stiftsbibliothek im Torhaus der Moritzburg.

Hier lagern auch die Bestände der Bibliothek der "Lutheriden", wie sich die direkten Nachfahren des Reformators nennen. In Zeitz haben sie auch – ansonsten weltweit verstreut – ihren Vereinssitz. Luther hielt ein Auge auf die weitere Entwicklung und suchte Zeitz wiederholt auf. So ist es zumindest für 1544 und 1545 belegt. Natürlich predigte er dann auch dort.

Katholische Gemeinde nutzt heute den Dom

Ansicht des Doms St. Peter und Paul in Zeitz
Doms St. Peter und Paul Bildrechte: MDR/Carlo Böttger

Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Bischofsburg zerstört. Die Herzöge von Sachsen-Zeitz errichteten zwischen 1657 und 1678 auf der alten Burghöhe das barocke Schloss und bauten den Dom zur Schlosskirche um. Das lässt sich heute am besten anhand der Fürstenloge besichtigen. Im Büchlein "Unterwegs zu Luther" wird empfohlen: "Man denke sich im Innern die barocke Ausstattung und die Fürstenloge weg, dann hat man in etwa ein Bild vom Dom zur Lutherzeit." Der Dom St. Peter und Paul wird übrigens von der katholischen Gemeinde als Pfarrkirche genutzt.

Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an blühte Zeitz wirtschaftlich auf. Klaviere wurden dort hergestellt und Kinderwagen produziert. Ein Kinderwagen-Museum lockt heute Besucher der Moritzburg zusätzlich an. Aus Zeitz stammt übrigens auch die zweite Frau Johann Sebastian Bachs. Das Geburtshaus von Anna Magdalena in der Messerschmiedestraße 22 wurde 1888 abgerissen, die Stelle neu bebaut. Dafür gibt es allerdings eine Anna-Magdalena-Bach-Straße in Zeitz.

Wer die Stadt besucht, sollte sich die Mühe machen, die Stadt aus fast 52 Metern Höhe zu überschauen. So hoch nämlich ist der Turm des 500 Jahre alten Rathauses. Wer Glück hat, sieht sogar bis zum Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Natürlich nur, wenn das Wetter danach ist. Heute gehört Zeitz zur "Straße der Romanik".

Über dieses Thema berichtete auch: MDR Sachsen-Anhalt Heute | Fernsehen | 28.02.2017 | 19:00 Uhr

Wer mehr wissen will ...

Buchtipp Heinz Stade und Thomas A. Seidel: Unterwegs zu Luther, Weimar und Eisenach 2010

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