Reformationsorte in Mitteldeutschland: Allstedt Mit der "Fürstenpredigt" Bogen überspannt

von Franz Kadell

Mal Sachsen, mal Thüringen, heute Sachsen-Anhalt. Unter der Regentschaft Kaiser Ottos II. war Allstedt die meistbesuchte Pfalz Sachsens. Unter Kaiser Friedrich I. Barbarossa wurde hier letztmalig ein Reichstag abgehalten. Das Kyffhäuser-Denkmal erhebt sich nur wenige Kilometer von Allstedt entfernt.

Untrennbar verbunden ist die 8.500 Einwohner umfassende Kleinstadt mit dem Namen und Wirken des Radikalreformers und Führers des Bauernaufstandes Thomas Müntzer. Über dessen frühe Jahre wissen wir erstaunlich wenig. Er stammte aus Stolberg (Sachsen-Anhalt) im Harz. Geboren wurde er wahrscheinlich 1489.

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Wir finden Müntzers Spuren in Leipzig, Frankfurt an der Oder und dann in Wittenberg als Theologie-Student. Er war ein Bewunderer Luthers, der erst am Beginn seiner Laufbahn stand. Besonders die Lust an der Debatte, befördert durch die Veröffentlichung der 95 Thesen im Jahr 1517, imponierte ihm.

Luther verschaffte Müntzer 1520 eine Stelle als Hilfsprediger in Zwickau. Dort kam Müntzer in Kontakt mit den extremistischen Kreisen der "Propheten", die zum Kreis der "Wiedertäuferbewegung" zählen.

Müntzer eilte voraus

Eine vollwertige Stelle erhielt er im März 1523 in Allstedt als Pfarrer der Stadtpfarrkirche St. Johannis. Dort konnte er auf sich gestellt loslegen. Hier sah er die Chance, eine "wahrhaft" christliche Gemeinde aufzubauen, wie sie vermeintlich in der Anfangszeit der Kirche bestanden hatte.

Lutherblog Burg Allstedt
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Ein Tagesausflug nach Allstedt. MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Susanne Reh nimmt sie mit.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Di 13.12.2016 15:25Uhr 03:49 min

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Aufsehen erregte Müntzer durch energische Neuerungen, die der reformatorischen Bewegung vorauseilten. Als erster hielt er in Allstedt einen Gottesdienst vollständig in deutscher Sprache und arbeitete dazu eine genaue Gottesdienstordnung für die Werktage und die Sonn- und Feiertage aus.

Wie in den urchristlichen Gemeinden feierte Müntzer den Gottesdienst mit dem Gesicht zur Gemeinde gerichtet, nicht mit dem Rücken, wie sich im Hochmittelalter die Praxis herausgebildet hatte. Dazu ließ er den Altar in die Mitte des Kirchenraumes stellen.

Priesterehe mit einer entlaufenen Nonne

Neu war auch, dass er Mädchen und Frauen im Chor mitsingen ließ. Außerdem verfasste in dieser Zeit etliche Schriften, die in der Reformbewegung lebhaft diskutiert wurden. Noch im selben Jahr, 1523, heiratete Müntzer die entlaufene Nonne Ottilie von Gersen. Ein weiteres Beispiel für eine Priesterehe, aber immer noch eine Art revolutionärer Akt. Zwei Jahre später heiratete Luther ebenfalls eine geflohene Nonne.

Sogar aus Mansfeld, Luthers Heimatstadt, kamen jetzt die Besucher, um den neuen Mann zu sehen. Müntzer fühlte sich bestätigt, heizte die Stimmung an. Und der große Zuspruch stärkte sein Selbstbewusstsein noch mehr.

Inzwischen wollten ihn auch die "hohen Herrschaften" erleben und seinen Predigten zuhören. Und genau an dieser Stelle überspannte Müntzer den Bogen, als er am 13. Juli 1524 in der Hofstube des Schlosses von Allstedt seine "Fürstenpredigt" hielt, eines der wichtigsten Ereignisse der Reformationszeit.

Luther wettert gegen "Satan von Allstedt"

Da stand also der Stadtpfarrer Thomas Müntzer und sprach. Vor ihm saßen Kurfürst Friedrichs Sohn Johann der Beständige sowie dessen Sohn, der Kurprinz, und auch der Graf Ernst von Mansfeld. Sie mussten sich anhören, wie Müntzer die "arme, zerfallende Christenheit" beklagte und die Rückkehr zu einem gottgläubigen urchristlichen Leben forderte – in einer "Gemeinschaft Auserwählter". Er bot den Fürsten großzügig an, sich der Gemeinschaft anzuschließen. Andernfalls werde das Volk die Obrigkeit entmachten. Punkt.

Die Obrigkeit schaltete Luther ein. Der missbilligte nicht nur Müntzers Radikalität, sondern konnte und wollte es sich nicht mit seiner ihn schützenden Obrigkeit verderben. Es folgte ein Briefwechsel zwischen Luther und Müntzer mit gegenseitigen Beleidigungen. Die Kluft zu den Wittenberger Reformatoren um Luther war unüberbrückbar geworden.

Luther forderte Friedrich den Weisen auf, etwas gegen den "Satan von Allstedt" zu unternehmen. Daraufhin schrieb Müntzer seine "Hochverursachte Schutzrede", eine Generalabrechnung mit Luther, den er darin "Doktor Lügner" und "geistloses, sanftlebendes Fleisch zu Wittenberg" nannte. Im August 1524 wurde der Schnitt vollzogen: Müntzer musste das kursächsische Allstedt verlassen.

Radikalisierung in Mühlhausen

Müntzer ging in die Freie Reichsstadt Mühlhausen. Dort tummelten sich zahlreiche "Extremisten", ein Milieu, das nicht abschwächend auf Müntzer wirkte, sondern im Gegenteil. Immer mehr verbanden sich in Müntzers Denken religiöse und sozialrevolutionäre Ideen.

Der Boden dafür war durch die wachsende Unzufriedenheit insbesondere bei der Landbevölkerung bereitet. Der Adel war nicht bereit, sich dem Wandel zu stellen oder die Lasten erträglich zu halten. Die Aufstände der Bauern im süddeutschen Raum griffen auf Mitteldeutschland über.

In der Schlacht bei Frankenhausen am 25. Mai 1525 wurden die Bauern, militärisch chancenlos, vernichtend geschlagen. Müntzer wurde gefangen genommen, auf Burg Heldrungen gefoltert und am 27. Mai in Mühlhausen enthauptet.

Über dieses Thema berichtete auch: MDR Sachsen-Anhalt Heute | Fernsehen | 23.09.2016 | 19:00 Uhr
MDR Sachsen-Anhalt | Radio | 13.12.2016 | 15:25 Uhr

Wer mehr wissen will:

Buchtipp: Stade, Heinz und Seidel, Thomas A.: Unterwegs zu Luther, Eisenach und Weimar 2010