Armin Mueller-Stahl
Bildrechte: MDR/SWR/Biblio. Institut & Brockhaus

Zum 85. Geburtstag am 17. Dezember 2015 Der Mann mit den vielen Talenten: Armin Mueller-Stahl

Armin Mueller-Stahl war einer der beliebtesten DDR-Schauspieler. Als er 1976 gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann protestierte, wurde er nicht mehr beschäftigt und ging 1980 in die Bundesrepublik. Dort startete er seine zweite Karriere und wurde auch in Hollywood ein Star. Doch der Schauspieler vereint in sich noch andere Talente. Er spielt Violine und Klavier, ist ein begabter Maler und hat einige Bücher veröffentlicht. Am 17. Dezember 2015 ist der Allrounder 85 Jahre alt geworden. Ein Porträt.

Armin Mueller-Stahl
Bildrechte: MDR/SWR/Biblio. Institut & Brockhaus

Vier Begabungen lassen sich Armin Mueller-Stahl zuschreiben. Er ist Schauspieler, Maler, Musiker und Schriftsteller. Vier Mal habe der kleine Armin wohl "Hier!" geschrien, als er geboren wurde und über dem Himmel die Engel mit den Begabungen geflogen seien, erklärt sich Regisseur Heinrich Breloer diese Mehrfachbegabung. Aber während das Musizieren, Malen und Schauspielern früh zutage treten, liegt Mueller-Stahl das Schreiben zunächst fern. Zu oft hat er mit unbefriedigenden Drehbüchern zu tun. Schließlich greift er doch zur Feder.

Es kommt alles aus einer Quelle. Die Energien sind die gleichen beim Spielen, Malen, Zeichnen (...) Da ist kein großer Unterschied. Das Einzige, was ich entdeckte, was ich glaubte, nicht zu können, ist das Schreiben.

Armin Mueller-Stahl

Von der Musik zur Schauspielerei

Auf die Welt kommt Armin Mueller-Stahl am 17. Dezember 1930 in Tilsit, dem heute russischen Sowetsk. Schon sein Vater, ein Bankbeamter, spielt leidenschaftlich gern Theater, malt und musiziert. Im Kreis seiner Familie erlebt Mueller-Stahl eine unbeschwerte Kindheit. 1938 siedelt die Familie ins brandenburgische Prenzlau über. Zehn Jahre später, das Abitur in der Tasche, beginnt er, Musikwissenschaft und Geige am Städtischen Konservatorium in Ost-Berlin zu studieren. Er legt ein Examen zum Konzertgeiger und Musiklehrer ab, wird Dozent und wechselt schon nach einem Jahr zur Schauspielerei.

Doch Mueller-Stahl erster Versuch in der neuen Kunstrichtung schlägt fehl. Aufgrund "mangelnder Begabung" muss er sein Studium bereits nach einem Jahr abbrechen. 1952 engagiert ihn Helene Weigel dennoch an das Ost-Berliner Theater am Schiffbauerdamm, dessen Ensemble 1954 zur Berliner Volksbühne übersiedelt. 25 Jahre spielt er dort in klassischen Rollen ebenso versiert wie in modernen.

Erfolgreicher Charakterdarsteller in der DDR

Seine erste Filmrolle erhält Mueller-Stahl 1956 in Gustav von Wangenheims "Heimliche Ehen". Doch erst Frank Beyers Spanienkämpferfilm "Fünf Patronenhülsen" sowie der vierteilige Fernsehfilm "Flucht aus der Hölle" verhelfen ihm ab 1960 zum Durchbruch auch als Filmschauspieler. Es folgen zahlreiche weitere Rollen in DEFA-Spielfilmen, wie "Königskinder" (1962), "Nackt unter Wölfen" (1963) oder "Jakob, der Lügner" (1974). Auch im Fernsehen ist Mueller-Stahl in vielen Rollen zu sehen. So spielt er in der "Wolf unter Wölfen" (1964) und in der Serie "Das unsichtbare Visier" von 1973 bis 1975 einen Stasi-Agenten, der als Gegenentwurf zu James Bond angelegt ist. Bald gilt Mueller-Stahl in der DDR als einer der erfolgreichsten Charakterdarsteller. Er spielt unter namhaften Regisseuren wie Egon Günther, Kurt Maetzig oder Günter Reisch und ist in etwa 60 Produktionen zu sehen.

Ausreise in die BRD

Wolf Biermann 1989
1976 aus der DDR ausgebürgert: Wolf Biermann. Bildrechte: dpa

Als auch Mueller-Stahl wie so viele andere Künstlerkollegen 1976 die Resolution gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann unterschreibt, wendet sich das Blatt. Zweieinhalb Jahre lang werden ihm kaum noch Rollen angeboten. Auch andere Projekte lassen sich nicht realisieren. Als er merkt, dass er selbst fast nicht mehr an sich und seine Fähigkeiten glaubt, zieht er die Notbremse. Er stellt einen Ausreiseantrag, der 1980 genehmigt wird. Seine neue Heimat ist nun nach West-Berlin.

Ich konnte nicht zusehen, wie es in der DDR alles so lief. Ich fühlte mich gegängelt. Ich fühlte mich mit meinen Talenten allein gelassen.

Armin Mueller-Stahl

In der BRD kann Mueller-Stahl schnell an seine Erfolge anknüpfen - sowohl im Fernsehen, als auch im Kino. So spielt er 1981 die männliche Hauptrolle des Baudezernenten von Bohm in Rainer Werner Fassbinders "Lola". Auch international renommierte Regisseure verpflichten ihn gerne für ihre Produktionen. Er spielt unter der Regie von Agnieszka Holland in "Bittere Ernte" (1985) und wird als bester männlicher Darsteller beim Weltfilmfestival in Montréal ausgezeichnet. Er ist neben Klaus Maria Brandauer in "Oberst Redl" (1985) in der Regie von István Szabó zu sehen, in Alexander Kluges "Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit" (1985) und in dem TV-Film "Hautnah", der 1986 in Locarno wegen seiner schauspielerischen Leistung besondere Erwähnung fand. Angebote, Serienrollen zu übernehmen, lehnt er aber konsequent ab.

Neubeginn in Hollywood

Ende der 1980er-Jahre entschließt sich Mueller-Stahl zu einem weiteren Neubeginn in den USA. In Hollywood avanciert er zum erfolgreichsten deutschen Schauspieler. In seinem ersten Film-Engagement "Music Box - Die ganze Wahrheit" (1989) von Costa-Gavras spielt er einen ungarischen Einwanderer, dem 30 Jahre nach dem Nationalsozialismus wegen Naziverbrechen in den USA der Prozess gemacht wird. Der Film wird in Amerika ein großer Erfolg, in der BRD erreicht er aber nicht das Publikum.

Helmut Grokenberger (Armin Mueller-Stahl) hat in Ostdeutschland als Clown gearbeitet. Jetzt versucht er sich in New York als Taxifahrer und lernt dabei als Yo-Yo (Ciancarlo Esposito) kennen.
Armin Mueller-Stahl als Helmut Grokenberger in "Night on Earth". Bildrechte: MDR/Degeto

Leben und Schicksal jüdischer Emigranten ist Thema seines zweiten Films "Avalon" (1990) in Amerika. Mueller-Stahl spielt darin das Oberhaupt einer eingewanderten jüdischen Familie - und sich in die Herzen des amerikanischen Publikums. Dafür wird er sogar für einen Oscar nominiert. Ein Jahr später ist Mueller-Stahl in der komischen Rolle eines aus Dresden stammenden New Yorker Taxifahrers in Jim Jarmuschs "Night on Earth", in Soderberghs "Kafka" und in der Romanverfilmung "Bronsteins Kinder" zu sehen.

1992 bekommt Mueller-Stahl einen Silbernen Bären für seine Rolle in "Utz". 1997 erhält er für seine Nebenrolle in "Shine – Der Weg ins Licht" seine zweite Oscar-Nominierung. Mueller-Stahl, den nach eigener Aussage eigentlich die "leisen, widersprüchlichen, sensiblen Figuren" interessieren, wirkt schließlich sogar in Action-Filmen mit, so in "The Game" (1997).

Arbeiten in der Heimat

Trotz seiner internationalen Karriere arbeitet Mueller-Stahl auch immer wieder in seiner Heimat. 1996 gibt er mit dem Spielfilm "Gespräch mit dem Biest" sein Regie- und Drehbuch-Debüt. Die Kritik reagiert verunsichert und zwiespältig. Ein positives Echo unter Kritikern rufen seine Darstellungen in Heinrich Breloers Dreiteiler "Die Manns – Ein Jahrhundertroman" (2001) und ""Buddenbrooks" (2008) hervor.

Im Jahr 2006 kündigt der Schauspieler seinen allmählichen Abschied aus dem Filmgeschäft an. Er will sich nun mehr der Malerei, der Musik und der Förderung junger Künstler zu widmen. Er präsentiert eigene Zeichnungen und Aquarelle in Ausstellungen, schreibt Romane und Erzählungen, lässt sich in den Hochschulrat der Hochschule für Musik und Theater Rostock wählen. 2010 veröffentlicht er die CD "Es gibt Tage ..." mit Liedern, die er vor über vierzig Jahren in der DDR komponiert und in Konzerten vorgetragen hatte. Nur wenige Rollen nimmt er seitdem noch an. Das Filmen kann er doch nicht ganz lassen.

Armin Mueller-Stahl
Armin Mueller-Stahl in seinem Atelier. Bildrechte: MDR/SWR/Tabel-Gerster

Buchtipps: Armin Mueller-Stahl (Auswahl) "Dreimal Deutschland und zurück"
238 Seiten,
Hamburg: Atlantik Verlag 2015,
ISBN: 978-3-455-75008-9

"Die Jahre werden schneller. Lieder und Gedichte"
220 Seiten,
Berlin : Aufbau-Verlag 2011
ISBN: 978-3-351-03353-8

"Verordneter Sonntag"
290 Seiten,
Berlin: Aufbau-Taschenbuch 2010
ISBN: 978-3-7466-2658-1

"Kettenkarussell. Erzählungen"
152 Seiten,
Berlin: Aufbau-Taschenbuch 2008,
ISBN: 978-3-7466-2427-3

Über Armin Mueller-Stahl Volker Skierka: "Armin Mueller-Stahl. Die Biographie"
Hamburg: Hoffmann und Campe 2015,
ISBN: 978-3-455-50389-0

Gabriele Michel: "Armin Mueller-Stahl. Die Biographie"
Berlin: Aufbau-Taschenbuch 2010,
ISBN: 978-3-7466-2659-8

Zuletzt aktualisiert: 23. September 2016, 16:54 Uhr