WGT: Gerd Lehmann
Selbstporträt: Gerd Lehmann auf einer älteren Polaroidaufnahme Bildrechte: MDR/János Krüger

Interview mit Gerd Lehmann Der Fotograf der Nachtschwärmer

Gerd Lehmann zählte zu den bekanntesten Mode-Fotografen der DDR. Seit den 1990er-Jahren fotografiert er in der Untergrundszene Leipzigs und hielt seit 1994 die Gothic-Szene auf Schwarzweiß-Bildern fest. Wir haben Lehmann, heute Pensionär, 2014 zum Interview getroffen und gefragt, wie er so intensive Bilder der "Gruftis" geschaffen hat, was ihn an der Gothic-Szene so begeistert und was ihm inzwischen daran vielleicht nicht mehr so gefällt.

WGT: Gerd Lehmann
Selbstporträt: Gerd Lehmann auf einer älteren Polaroidaufnahme Bildrechte: MDR/János Krüger

Sie nennen sich selbst "Lichtbildner". Deutet diese Formulierung eine Abgrenzung zum herkömmlichen Fotografenberuf an?

Ich habe in der DDR als Werbe- und Pressefotograf gearbeitet. Später hat mir ein Bekannter den Tipp gegeben, mich aus steuerlichen Gründen als "Fotodesigner" zu bezeichnen. Jeder zweite Fotograf nannte sich so. In einem Branchenbuch wurde ich dann als "Design-Designer" geführt. Jetzt ist Schluss, dachte ich. Was soll das sein, ein Design-Designer? Gewissermaßen aus Protest habe ich mich Mitte der 1990er-Jahre ganz klassisch wie die frühen Fotografen als "Lichtbildner" bezeichnet, da sie schließlich mit Hilfe des Lichtes Bilder herstellten.

Was hat Ihr fotografisches Interesse an der Gothic-Szene geweckt? Empfinden Sie eine besondere Verbundenheit mit den Gothic-Fans?

1994 habe ich in Leutzsch gewohnt. An einem Pfingsttag wollte ich frühstücken gehen und kam am Haus Auensee vorbei. Die Mai-Wiesen waren flaschengrün. Da hab ich mich gewundert: alles so geheimnisvolle Gestalten! Ich komme von der Modefotografie und war von der Grufti-Mode begeistert. Ich habe schnell zu Hause meine Kamera geholt und mich unter die Leute geschlichen und fotografiert. Das habe ich drei Jahre lang gemacht. Nur, was mache ich damit? Ein Buch ist zu teuer. Da kam ich auf die Idee für einen Foto-Kalender fürs WGT, den ich dann zehn Jahre gemacht und als Mondkalender weiterentwickelt habe.

Ich lernte die Gruftis besser kennen. Und dachte, in bin in einer verkehrten Welt: Sie waren zuvorkommend, elegant, höflich, friedlich und sehr kreativ. Sie haben zwar gut getrunken, aber viel diskutiert und sich nicht gekloppt. Ich kenne da aus anderen Szenen ein ganz anderes Verhalten beim Feiern. Es ist da laut und brutal. Bei den Gruftis mag ich die Ruhe, sie finden sich nicht mit allem ab und hinterfragen die Dinge lieber. Das und das Individuelle passen gut zu mir.

Die Szene hatte sich verändert, unter anderem deshalb wollte ich mit dem WGT-Kalender aufhören. Die Kalender waren sehr individuell - so wie die Szene. Doch das war dann nicht mehr gefragt. Mit einem auf Zahlen beruhenden christlichen Foto-Kalender habe ich eine letzte Ausgabe produziert. Der ging ins Minus; das war dann der Schlusspunkt.