Die Schuhe mussten teilweise bis zum völligen Verschleiß abgelaufen werden.
Die Schuhe mussten teilweise bis zum völligen Verschleiß abgelaufen werden. Bildrechte: © MDR/RBB

Nah dran | MDR FERNSEHEN | 21.01.2016 | 22:35 Uhr Laufen bis zum Umfallen - Die Schuhtester von Sachsenhausen

Ein düsterer Ort, der ein dunkles Geheimnis birgt: Die so genannte Schuhprüfstrecke im KZ Sachsenhausen. Hier mussten Häftlinge in Testschuhen unter brutalen Bedingungen Kilometer um Kilometer zurücklegen. Warum das ahnten die Häftlinge nicht. Schikane oder Experiment? Noch Jahrzehnte nach Ende des Weltkrieges gab es keine Aufklärung. Bis eine Historikerin und gelernte Schuhmacherin begann zu recherchieren. – Ein Film von Silke Meyer und Susanne Heim über Verantwortung und Versöhnung.

Die Schuhe mussten teilweise bis zum völligen Verschleiß abgelaufen werden.
Die Schuhe mussten teilweise bis zum völligen Verschleiß abgelaufen werden. Bildrechte: © MDR/RBB

Unter Häftlingen war die Arbeit im Strafkommando an der Schuhprüfstrecke im KZ Sachsenhausen besonders gefürchtet. Elf Stunden und von sechs Uhr morgens an mussten sie auf einer speziell angelegten Bahn Schuhe testen. "Das waren mal Turnschuhe, mal Stiefel, mal Holzschuhe. Immer verschieden. Und die, die du bekamst, musstest du anziehen," erinnert sich Joop Snep.

Dr. Anne Sudrow, Historikerin und Schuhmacherin deckte die Zusammenhänge zwischen der Schuhprüfstrecke und der Beteiligung deutscher Firmen auf.
Dr. Anne Sudrow deckte die Zusammenhänge zwischen der Schuhprüfstrecke und der Beteiligung deutscher Firmen auf. Bildrechte: © MDR/RBB

700 Meter war die Prüfstrecke lang, abwechselnd mit Split, Schotter, Lehm, Schlacke und anderen Straßenbelägen ausgelegt. Bis zu 48 Kilometer am Tag liefen sie ab. Manchmal mussten die Gefangenen dabei singen oder zusätzlich schwere Rückenlasten tragen. Hunderte starben hier den Erschöpfungstod oder durch Folter der SS-Wachmannschaften.

Für die Schuhläufer war es eine weitere willkürliche, besonders brutale und Schikane im Lagersystem. Auch nach dem Ende des Weltkrieges und Jahrzehnte danach gab es keine Aufklärung. Bis durch einen Zufall eine Historikerin und gelernte Schuhmacherin auf die Schuhprüfstrecke stieß:

Als Studentin bin ich hier mal zu Besuch in der Gedenkstätte gewesen und hab hier diese Schuhprüfstrecke vor mir gesehen. Das ist ja komisch, hier eine Teststrecke für Schuhe? Was hat es wohl damit auf sich? Ich hab versucht, Informationen darüber zu finden, aber nur relativ wenig gefunden. Dann hab ich angefangen selbst zu recherchieren.

Anne Sudrow

Experimente für eine Industrie im Umbruch

Die Historikerin Anne Sudrow deckte auf: Die Schuhprüfstrecke diente fast der gesamten damaligen deutschen Schuhindustrie und ihren Zulieferfirmen dazu, ihre Produkte zu testen. Der Ort ermöglichte ihnen von 1940 bis 1945, eine preiswerte Forschung und Entwicklung durchzuführen. Die Testreihen auf der Schuhprüfstrecke sind die einzigen nicht-medizinischen Humanexperimente, die in einem KZ durchgeführt wurden und nur wirtschaftlichen Zwecken dienten.

Sudrows Recherchen stießen auf Widerstand. Zugang zu Informationen aus erster Hand erlaubten zunächst nur wenige Unternehmen (mehr dazu im Film).

Weil nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges Leder für militärische Zwecke reserviert war, wurde das Leder knapp. Die Hersteller von Zivilschuhen mussten reagieren, neue Materialien mussten her. Doch die daraus gefertigten Schuhe enttäuschten die Verbraucher. Die Schuhindustrie geriet unter Druck. Bevor das neu entwickelte Schuhwerk auf den Markt kam, sollten die neuen Werkstoffe unter realistischen Bedingungen untersucht werden. Viele dieser damals entwickelten und erprobten synthetischen Stoffe sind bis heute in Gebrauch.

Aber mit den neuen Werkstoffen traten neue Probleme auf. So konnten die Schuhe nicht mehr wie Leder vernäht, sondern mussten verklebt werden. Welcher Klebstoff einer Alltagsbelastung standhalten konnte, wurde in Versuchen mit Sohlen aus PVC, Synthesekautschuk und Holz untersucht. "Diese Versuchsreihen fanden im KZ statt, weil generell in der Kriegszeit Arbeitskräfte in der deutschen Industrie rar waren," erzählt Historikerin Sudrow, die bei ihren Recherchen auch mit den letzten Überlebenden der Schuhprüfstecke gesprochen hat.

Nur wenige lebende Zeitzeugen

Joop Snep, heute 93, überstand die Qualen. Er ist einer, von heute noch fünf Überlebenden.
Joop Snep, heute 93, überstand die Qualen. Er ist einer, von heute noch fünf Überlebenden. Bildrechte: © MDR/RBB

Heute leben noch fünf Zeitzeugen dieser menschenverachtenden Experimente. Einer von ihnen ist der Joop Snep. Er wurde in Bonn geboren. Seine Mutter war Deutsche, der Vater, ein Niederländer. Er ahnte früh, wohin sich Deutschland entwickelte und wanderte mit der Familie nach Holland aus.

Als Holland von den Deutschen besetzt wurde, verhalf der Vater Juden zur Flucht und brachte sie über Belgien in die Schweiz. Ab 1942 unterstützt Joop ihn dabei. Juden zu helfen, war für den damals 21-jährigen Christen ein Gebot der Menschlichkeit, auch wenn darauf die Todesstrafe stand. Doch er und sein Vater wurden verraten, verhaftet und ins KZ nach Sachsenhausen geschickt. Gleich am ersten Tag im KZ wurde Joop dem berüchtigten und unter Häftlingen gefürchteten Strafkommando zugeteilt.

"Es gibt einen Weg zur Freiheit"

Ein weiterer noch lebender ehemaliger Schuhläufer ist Karol Gdanietz. Er hat vermutlich nur deshalb überlebt, weil er kurzfristig "Ersatzmann" auf der Prüfstrecke war. Er erinnert sich: "Abends wusste man nicht, was man mit den Füßen machen sollte. Man war sehr müde. Ich kann mich entsinnen, die Baracken standen im Halbrund und an den Baracken war ein großes Wort geschrieben, gotisch gedruckt: 'Es gibt einen Weg zur Freiheit. Seine Meilensteine heißen Gehorsam, Fleißigkeit und Ordnung, Nüchternheit, Wahrhaftigkeit, Opfersinn und Liebe zum Vaterland. – Ich hab die Zeit gehabt, das beim Marschieren auswendig zu lernen."

Zeichnung eines Überlebenden der Schuhprüfstrecke im KZ Sachsenhausen. Die Gefangenen mussten zum Teil mit schweren Gewichten über 40 km am Tag laufen.
Zeichnung eines Überlebenden der Schuhprüfstrecke im KZ Sachsenhausen. Die Gefangenen mussten zum Teil mit schweren Gewichten über 40 km am Tag laufen. Bildrechte: © MDR/RBB

Literatur Anne Sudrow: Der Schuh im Nationalsozialismus. Eine Produktgeschichte im deutsch-britisch-amerikanischen Vergleich. 877 S., Wallstein Verlag, 2010, ISBN 978-3-8353-0793-3

Zuletzt aktualisiert: 25. Januar 2016, 05:07 Uhr