Eine junge Frau
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Selbstbestimmt! Die Reportage | 24.09.2016 Endlich hören! - Natalie und die neue Welt der Töne

Natalie ist praktisch taub seit ihrer Kindheit. Mit 31 wagt sie eine Operation, um endlich in die Welt der Töne vorzustoßen. Eine Hörprothese soll ihr eingesetzt werden. Selbst wenn die OP gut verläuft, muss sie das Hören danach erst lernen. Autorin Simone Jung hat Natalie drei Jahre lang auf ihrem Weg aus der Stille begleitet.

Eine junge Frau
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenn Natalie morgens aufwacht, ist alles ganz still. Sie hört nicht das Rascheln ihrer Bettdecke, nicht das Motorengeknatter vor dem Fenster, auch nicht das "Guten Morgen" ihres Freundes Johannes. Natalie ist praktisch taub seit ihrer Kindheit. Trotzdem hat sie sprechen gelernt und kann von den Lippen ablesen. Auch deshalb steht sie mitten im Leben. Sie ist Architektin und hat sogar im Ausland studiert.

Wie im Niemandsland

Doch ob privat oder im Büro, ihr wird immer wieder bewusst, wie eingeschränkt sie ist: Das laut gestellte Telefon kann sie noch vernehmen, wenn es klingelt, doch was nützt das, wenn sie nicht versteht, was am andern Ende der Leitung gesagt wird? Den Gesprächen im Büro kann sie nicht mehr folgen, sobald einer der Kollegen sein Gedicht wegdreht ...

Ich fühle mich manchmal wie im Niemandsland: Ich bin zu taub, um in der hörenden Welt zu sein, aber schon viel zu sehr an der hörenden Welt orientiert, um in der gehörlosen Welt zu sein.

Natalie

Natalie will ausbrechen aus der Welt der Stille, sie ist bereit, dafür ein Risiko einzugehen: Sie will hören können und sich deshalb in der Frankfurter Universitätsklinik ein so genanntes Cochlea-Implantat einsetzen lassen. Dazu muss der Schädelknochen angebohrt werden, um den Ohrraum dafür zugänglich zu machen. Eine heikle Operation, ohne dass genau vorhersebar wäre, wieviel sie letztlich mit diesem Implantat versteht.

Ausbruch aus der Welt der Stille

Eine junge Frau sitzt auf einer Wiese
Ausbrechen aus der Welt der Stille ... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zu Beginn klappt alles gut, schon kurz nach der dreistündigen OP reagiert der Hörnerv, der 30 Jahre lang nicht gefordert wurde. Ein gutes Zeichen. Doch dann beginnt eine lange Zeit des Wartens, Hoffens - und Trainierens. Erst vier Wochen nachdem die Wunde verheilt ist, wird das Implantat eingeschaltet. Wird sie dann wirklich hören können? Wenn ja, wie wird sie die Flut der Geräusche verkraften, die sie dann überschwemmt? Und wird sie verstehen können, was sie hört? Sie weiß, wovon sie Abschied nimmt, aber nicht wofür.

Es hört sich überhaupt nicht wie Töne an ..., es fühlt sich mehr an, als würden dem Kopf mit Stromschläge versetzt ...

Natalie
Eine junge Frau sitzt einer anderen Frau an einem Schreibtisch gegenüber
... ein mühsamer Weg Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sie sei ein Hörbaby, hatte der Arzt vor der Operation zu ihr gesagt - und tatsächlich, wie ein Neugeborenes muss sie die Welt der Töne vollkommen neu kennenlernen. Zunächst fühlt es sich für sie an, als würden nicht Töne, sondern metallische Gegenstände um ihren Kopf herum fliegen. Frustierend. Manchmal schaltet sie das CI aus, dann wird es wohltuend still, sagt sie.

Jeden einzelnen Ton, jedes Wort, jede Zahl muss ihr Gehirn neu abspeichern. Nach eineinhalb Jahren wird in der Uniklinik getestet, wie gut Natalie nun mit dem CI versteht trotz absichtlicher Störgeräusche. Sie hat große Fortschritte gemacht, heißt es. Ihr Lebenspartner unterstützt sie ebenso wie ihre Familie. Langjährige Freunde üben mit ihr das Hören und schreiben lange Listen einander ähnelnder Worte, die sie ihr vorlesen. War es ein Röckchen oder ein Söckchen oder ein Stöckchen ...

Die neue Herausforderung: Auf ein Kind hören

Immer mehr zu hören und zu verstehen, hat Natalie Mut gemacht. Inzwischen ist sie selbständige Architektin. Mitten im Lärm der Baustelle muss sie mit Handwerkern absprechen. Das läuft auch immer wieder per SMS. Zweieinhalb Jahre nach der OP klappt das Telefonieren immer noch nicht, aber einzelne Geräusche kann sie immer besser herausfiltern.

Die Höhen und Tiefen des langen Weges in die Welt der Töne bewältigt Natalie mit ihrem Lebensgefährten Johannes, von dem sie bald ein Kind erwartet. "Ein bisschen wie Technomusik" klingen die ersten Herztöne des Kindes im Bauch für sie. Nach der Geburt wartet eine neue Herausforderung auf sie, nun auch auf ihre Tochter Aurelia Mathilda zu hören. Natürlich auch nachts, wo sie das bisher nicht musste.

Ich merke schon, wie ich immer die Ohren spitz halte, und versuche herauszuhören, ist sie das oder ist das ein anderes Geräusch?

Natalie

Nach drei Jahren liegen 170 Traningsstunden hinter Natalie. Das Telefonieren klappt jetzt. Doch sie lernt immer noch dazu - und überlegt schon, Gesangsunterricht zu nehmen.

Zuletzt aktualisiert: 25. September 2017, 22:15 Uhr