Religion und Gesellschaft | Thema der Woche : Reformation und Musik
2017 feiern die evangelischen Christen das 500. Jubiläum von Martin Luthers Thesenanschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg im Jahr 1517 und damit den Beginn der Reformation, der christlichen Erneuerungsbewegung, die entscheidend zur Neugestaltung der Kirchenordnung und der Ordnung der Welt beigetragen hat. Seit 2007 bereiten sich die Protestanten auf dieses Ereignis mit jährlich wechselnden Themenschwerpunkten vor. Das Jahr 2012 ist dabei der Musik gewidmet.
Reformation und Musik sind untrennbar miteinander verbunden. Wie sonst auch hätte man die Botschaft Luthers verbreiten sollen – in einer Zeit, in der große Teile der Bevölkerung weder lesen noch schreiben konnten. Es war der Komponist Johann Walter, den Luther beauftragte, das Wittenberger Liederbuch herauszugeben und die deutsche Messe musikalisch auszuarbeiten. Walter wurde damit zum "Kantor der Reformation", dem viele große Kirchenkomponisten wie Michael Prätorius, Johann Crüger und Heinrich Schütz nachfolgten.
Musik im Dienst des Evangeliums
Musik erzeugt Gefühle. Sie kann Traurige fröhlich und Fröhliche traurig stimmen, weiß "Zorn, Zank, Haß, Neid, Geiz, Sorge […] und Mord" zu mindern. So hat es Martin Luther einst formuliert. Als einer der ersten seiner Zeit hat er das Potential der Musik als Möglichkeit der Verkündigung erkannt und begonnen, sie in den Dienst des Evangeliums zu stellen. Ab 1523 schrieb Martin Luther Kirchenlieder: Er dichtete und komponierte Katechismuslieder, vertonte Psalmen, übersetzte lateinische Hymnen oder erweiterte die Texte schon vorhandener Lieder aus dem Mittelalter.
Luthers Lieder fanden schnell Verbreitung in den Gemeinden, was zur Entwicklung einer eigenständigen protestantischen Musikkultur führte, in der die Gemeinde im Gottesdienst wieder selbst sang und sich nicht mehr darauf beschränkte, dem Gesang der Geistlichen zuzuhören. Von nun an konnte jeder Gläubige selbst die frohe Botschaft verkünden, jederzeit und an jedem Ort.
Gemeinsames Singen als Bekenntnis
Die Kultur, gemeinsam zu singen und seinen Glauben zu bekennen, ist bis heute ein wichtiger Teil der protestantischen Liturgie. Sie zu organisieren ist Aufgabe von Kantorinnen und Kantoren. Wörtlich übersetzt ist ein Kantor ein Sänger, und in jüdischen Gemeinden hat der Kantor auch genau diese Funktion: Er ist ein Vorsänger. In den christlichen Gemeinden sind Kantorinnen und Kantoren hauptamtliche Kirchenmusiker mit vielfältigen Aufgaben: Sie leiten Chöre, spielen sonn- und feiertags die Orgel, geben Musikunterricht, begleiten Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen.
Die wichtige Aufgabe des Kirchenkantors
Einer der bekanntesten Kantoren Mitteldeutschlands war Johann Sebastian Bach. Von 1723 bis 1750 war er Thomaskantor in Leipzig, und damit für die Durchführung der allwöchentlichen Motetten und für die musikalische Ausgestaltung der Gottesdienste in der zuständig. Auf diese Weise setzte er Luthers Streben nach einer eigenständigen protestantischen Musikkultur fort.
Die Situation heutiger Kantoren ist weitaus schwieriger. Ähnlich wie bei den Pfarrerinnen und Pfarrern sind immer weniger Kantorinnen und Kantoren für immer mehr Gemeinden zuständig, werden Stellen gekürzt oder gestrichen. Die Höhen und Tiefen eines Lebens als Kantor sind auch Thema in der Sendung nah_dran. Das Magazin. Ob sie auch während des Themenjahres Beachtung finden, das wird sich zeigen.
