Tatorte der Reformation | MDR FERNSEHEN | 05.10.2017 | 22:35 Uhr Verbrannt in Konstanz

Konstanz, 1414: In der Stadt treffen sich Vertreter dreier Päpste, ein König und viele Reformer zu einem Konzil, um über die Erneuerung der Kirche und des Papsttums zu beraten. Einer der Vordenker einer Reform ist der Tscheche Jan Hus. Auf dem Konzil soll er seine Ideen vortragen. So will es König Sigismund. Doch es kommt anders als geplant.

Zeitgenössische Darstellung der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen von Martin Huss.
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Nah dran Do 05.10.2017 22:35Uhr 14:49 min

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Konstanz ist Schauplatz eines gemeinen Verrats. Ab 1414 war die Stadt fünf Jahre lang im Blickpunkt Europas. Hier tagte das Konzil, eine Kirchenkonferenz, die die Einheit der Christen wiederherstellen sollte. Damals hatte die Kirche drei Päpste zugleich, und eine Erneuerung der Kirche "an Haupt und Gliedern" tat Not. Mehrere tausend Menschen aller Herren Länder waren an den Bodensee gekommen. Der römisch-deutsche König Sigismund hatte sie eingeladen. Auch der tschechische Reformator Jan Hus war angereist und hatte weitreichende Vorschläge im Gepäck. Doch seine Reise nach Konstanz sollte er nicht überleben. Julian Sengelmann recherchiert, wie es Jan Hus erging und welche Spuren von ihm heute noch zu finden sind.

Die Tatorte der Reformation Spurensuche in Konstanz

Zwei junge Männer werden vor einer Wand mit Graffitis gefilmt
Julian Sengelmann ist in Konstanz. Das Konzil von 1414-1418 und Jan Hus sind hier allgegenwärtig. Auch in der Sprayer-Szene ist Jan Hus ein beliebtes Motiv. So auch bei Sprayer und Designer Emin Hasirci. Bildrechte: MDR/EIKON Nord
Zwei junge Männer werden vor einer Wand mit Graffitis gefilmt
Julian Sengelmann ist in Konstanz. Das Konzil von 1414-1418 und Jan Hus sind hier allgegenwärtig. Auch in der Sprayer-Szene ist Jan Hus ein beliebtes Motiv. So auch bei Sprayer und Designer Emin Hasirci. Bildrechte: MDR/EIKON Nord
Ein junger Mann mit Sonnenbrille in einem Boot auf einem See
Dann geht es hinaus auf den Bodensee, denn 1414 kam Jan Hus auch mit einem Schiff nach Konstanz. Bildrechte: MDR/EIKON Nord
Zwei Männer stehen vor einem großen Haus an einem See
Hier in diesem Turm wurde Jan Hus festgesetzt - trotz des freien Geleits des Königs. Was ging schief? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Mann und eine junge Frau unterhalten sich in einer Kirche
Im Konstanzer Münster Unserer Lieben Frauen hat sich Julian mit Ruth Bader verabredet. Sie erklärt ihm, wie Jan Hus hier im Juli 1415 der Prozess gemacht wurde. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein altes Buch in einer Vitrine
Denn wie es zum Prozess kam und wie der ablief, davon berichtet ein Zeitzeuge: Der Konstanzer Bürger Ulrich von Rosental beschrieb ausführlich den Verlauf des Konstanzer Konzils. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein junger Mann mit einer Atemschutzmaske und einer Sprühdose vor einer Wand mit Graffitis
Der Moderator lässt es sich nicht nehmen, selbst Hand an ein Graffiti anzulegen. Bildrechte: MDR/EIKON Nord
Dreharbeiten am Hafen von Konstanz
In Konstanz angekommen, trifft sich Julian mit dem Konstanzer Historiker Henry Gerlach. Bildrechte: MDR/EIKON Nord
Zwei Männer unterhalten sich in einem Kreuzgang
Der Historiker erzählt Julian die Geschichte des Konstanzer Konzils und von Jan Hus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Zwei Männer und eine Frau vor einer geöffneten Vitrine
Um mehr über das Konstamzer Konzil und den Prozess gegen Jan Hus zu erfahren, besucht Julian das Konstanzer Rosgartenmuseum. Hier wird eine besondere handschriftliche Chronik aufbewahrt. Was es mit dieser auf sich hat, erklärt Museumsleiter Dr. Engelsing. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Stichwort: Das Konstanzer Konzil 1414-1418 Schon ein Jahrhundert vor der Reformation Luthers gab es Bestrebungen, die Kirche zu reformieren. Reformen waren dringend notwendig, da durch Machtkämpfe innerhalb der Kirche ihre Spaltung drohte. Denn gleich drei Päpste beanspruchen damals, alleiniges Oberhaupt der Christen zu sein. In Rom saß Papst Gregor XII., in Avignon Papst Benedict XIII. und in Pisa Johannes XXIII. Sie wurden jeweils von verschiedenen Herrschern in Europa unterstützt. An wen nun sollte sich der römisch-deutsche König Sigismund wenden, um sich zum Kaiser krönen zu lassen und als solcher anerkannt zu sein? Die Krönung durfte damals schließlich nur der Papst durchführen. Es galt also, die Einheit der Kirche (causa unionis) wiederherzustellen. Dazu lud König Sigismund zu einem großen Kongress nach Konstanz. Gleichzeitig sollten dort Fragen der Kirchereform (causa reformationis) und des Glaubens (causa fidei) geklärt werden.

Tatsächlich konnte auf dem Konstanzer Konzil die Papstfrage gelöst werden. Nach langwierigen Verhandlungen dankten die drei Päpste schließlich ab und ein neuer Papst, Martin V., wurde gewählt. Doch die anderen Probleme blieben ungelöst: Die Kirchenreform sowie die Glaubensfrage. Im Gegenteil. Die causa fidei wurde mit dem Wortbruch des freien Geleits, das der König dem tschechischen Theologen und Prediger Jan Hus für die Reise zum Konzil zugesagt hatte, und dessen Hinrichtung noch während des Konzils sogar verstärkt. In Böhmen führte der Tod des Reformers zu einem Volksaufstand, der schließlich in den Hussitenkriegen endete. Und die in Konstanz versäumten Reformen der Kirche "an Haupt und Gliedern" wird Martin Luther einhundert Jahre später dramatisch anmahnen.

Darstellung von Jan Hus
Jan Hus wird abgeführt, Miniatur aus der Chronik von Ulrich Rosental (1365-1438). Jan Hus war überzeugt, dass die Bibel in Glaubensfragen die einzige Autorität ist - und nicht der Papst. Für ihn war das Haupt der Kirche Christus und nicht der Papst, und das Fundament der Kirche war ihm die Bibel. Die Kirche als Institution hatte seiner Meinung nach durch Ablasshandel und Unzüchtigkeit ihren Vertretungsanspruch verloren. In Böhmen wuchs das Ansehen des Reformers rasch, zumal er in Tschechisch predigte. 1409 wurde Hus Rektor der Universität von Prag. 1411 verhängte Papst Johannes XXIII. den Kirchenbann über Hus , der dann auch aus der Universität ausgeschlossen wurde. Er lebte danach auf verschiedenen Burgen seiner adligen Unterstützer. 1414 reiste Hus auf Drängen des böhmischen Königs Wenzel und des römisch-deutschen Königs Sigismund sowie unter Zusicherung freien Geleits zum Konstanzer Konzil, um seine Schriften zu verteidigen. Doch Hus wurde dort verhaftet und, da er seine Lehren nicht widerrief, als Ketzer am 6. Juli auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Bildrechte: IMAGO

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2017, 13:01 Uhr