Tatorte der Reformation | MDR FERNSEHEN | 08.10.2017 | 07:30 Uhr Ausgehungert in Münster

Drei Eisenkörbe hängen am Münsteraner Turm von Sankt Lamberti in 75 Meter Höhe. Hier wurden 1535 drei Tote öffentlich zur Schau gestellt, die der Täuferbewegung angehörten. Doch wer waren sie, und was war geschehen?

Am Turm der Sankt Lambertikirche in Münster hängen drei Eisenkörbe. Vor 500 Jahren wurden hier die Überreste von drei Männern zur Schau gestellt. Die drei gehörten den sogenannten Täufern oder auch Wiedertäufern an und wollten in Münster einen Gottesstaat errichten. Sie übten ein blutiges Regiment aus, bis im Februar 1534 die Truppen des Landesfürsten die Stadt erreichen, um die selbsternannten Gotteskrieger zu bekämpfen.

Münster wird hermetisch abgeriegelt und die Eingeschlossenen erleben eine furchtbare Hungersnot. Schließlich nimmt einer der Verzweifelten das Schicksal in die eigenen Hände. Julian Sengelmann entdeckt, wie präsent dieses grausame Kapitel der Stadtgeschichte in Münster bis heute ist.

Die Tatorte der Reformation Spurensuche in Münster

Die Tatorte der Reformation Münster
Julian Sengelmann reist nach Münster. Im hiesigen Stadtmuseum will er mehr über die Geschichte der Stadt und das "Täuferreich von Münster" erfahren. Bildrechte: MDR/EIKON Nord
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Julian Sengelmann reist nach Münster. Im hiesigen Stadtmuseum will er mehr über die Geschichte der Stadt und das "Täuferreich von Münster" erfahren. Bildrechte: MDR/EIKON Nord
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Doch was hat es mit diesen Eisenkäfigen auf sich? Bildrechte: MDR/EIKON Nord
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Das Geheimnis will er in der St. Lambertikirche lüften. Bildrechte: MDR/EIKON Nord
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Es geht mit Mann und Kamera in luftige Höhen. Bildrechte: MDR/EIKON Nord
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Denn auch am Turm der Kirche hängen diese Eisenkäfige. Bildrechte: MDR/EIKON Nord
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Martje Saljé, die Türmerin von Münster, weiß, was geschah. Bildrechte: MDR/EIKON Nord
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Es hat mit einem König zu tun - einem selbsternannten. Jan van Leiden hieß er. Der Moderator schlüpft in dessen Rolle. Bildrechte: MDR/EIKON Nord
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Doch wer war dieser Jan van Leiden? Was wissen die Münsteraner? Bildrechte: MDR/EIKON Nord
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Steckbrief: Das Täuferreich von Münster Jan van Leiden, Bernd Krechting und Bernd Knipperdolling heißen die drei Toten in den Eisenkörben. Sie gehörten einer reformatorischen Bewegung an, den sogenannten Täufern oder auch Wiedertäufern. Ausgehend von ehemaligen Weggefährten des Zürcher Reformators Ulrich Zwingli hatte sich die Täuferbewegung ab den 1520er-Jahren als ein radikaler Zweig der Reformation entwickelt und bis nach Norddeutschland ausgebreitet. In Münster, das sich gerade in einem Machtvakuum befindet, wollen die Täufer einen neuen Gottesstaat, ein Täuferreich errichten. Um Mitglied dieser Gemeinschaft zu werden, soll sich jeder Erwachsene noch einmal taufen lassen, um seinen Glauben zu bekräftigen und um nach dem Tod ins Paradies zu kommen. Denn nach ihrer Auffassung steht das Ende der Welt, die Apokalypse bevor. Hungerkatastrophen und die Pest waren da nur Vorboten. Rettung verspricht nur die tausendjährige Herrschaft Christi auf Erden.

Der Niederländer Jan Matthys treibt zunächst das Projekt voran, in Münster ein Täuferreich zu schaffen. Er sendet im Januar 1534 Jan van Leiden als Apostel in die Stadt, bevor er ihm selbst dorthin folgt. Schnell radikalisiert sich die Bewegung, nachdem Matthys die Stadt zum neuen Jerusalem erklärt und die Täufer die Mehrheit im Stadtrat erringen. Kirchen und Klöster werden verwüstet, alle Bücher mit Ausnahme der Bibel vernichtet. Alle Erwachsenen sind aufgefordert, sich von ihm taufen zu lassen. Unwillige müssen Münster verlassen. Der so vertriebene katholische Bischof Franz von Waldeck beginnt Ende Februar 1534, Münster zu belagern.

Nach dem Tod von Jan Matthys am 4. April 1534 übernimmt Jan van Leiden die Führung des Täuferreiches. Er ernennt sich selbst zum König, Bernd Knipperdolling zum Scharfrichter. Eine von Fanatismus und Brutalität geprägte Zeit beginnt, in der jeder Widerstand mit dem Tod bestraft wird. Dem wird erst am 25. Juni 1535 ein Ende bereitet, als die Truppen des Bischofs Franz von Waldeck die Stadt erobern können. Die Anführer der Täuferbewegung - der selbsternannte König Jan van Leiden, der Scharfrichter Bernd Knipperdolling sowie der Prediger Bernd Krechting - werden auf dem Lamberti-Kirchplatz öffentlich hingerichtet und ihre toten Körper zur Abschreckung der Bevölkerung in den Eisenkäfigen zur Schau gestellt.

Portrait von Hans Bockhold, genannt Jan van Leiden
Jan van Leiden, der selbsternannte König von Münster, Porträt von 1536. Bildrechte: IMAGO

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2017, 13:20 Uhr