Tag der offenen Moschee | 03.10.2017 Auf gute Nachbarschaft

Unter dem Motto "Gute Nachbarschaft - Bessere Gesellschaft" beteiligen sich bundesweit rund 1.000 Moscheen und öffnen ihre Türen. Dass es für einen Dialog zwei Seiten braucht, zeigte der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung.

Zahlreiche Besucher sitzen am 03.10.2015 in Berlin in der Sehitlik-Moschee. Den bundesweiten Tag der offenen Moschee nutzten zahlreiche Menschen, um einen Blick in die Moschee am Columbiadamm zu werfen oder mit Muslimen zu sprechen.
Der bundesweite Tag der offenen Moschee als Einladung - hier kommen zahlreiche Besucher in die Berliner Sehitlik-Moschee am Columbiadamm. Bildrechte: dpa

Der Vorsitzende des Islamrates in Deutschland, Burhan Kesici, hat die Moscheegemeinden aufgerufen, sich stärker zu öffnen. So forderte Kesici in der "tageszeitung" auf, den Tag der offenen Moscheen am 3. Oktober zum Dialog zu nutzen.

Unter dem Motto "Gute Nachbarschaft - Bessere Gesellschaft" beteiligen sich laut dem Koordinationsrat der Muslime diesmal bundesweit rund 1.000 Moscheen daran. In dem Gremium sind seit 2007 die vier größten deutschen Moscheeverbände - Ditib, Islamrat, Verband der Islamischen Kulturzentren und Zentralrat der Muslime zusammengeschlossen. Ditib ist eng mit der türkischen Religionsbehörde verbunden.

"Deutliche Fortschritte" und Nachholbedarf

In Deutschland leben derzeit rund 4,7 Millionen Muslime. Deren Integration sieht der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung für 2017 "trotz gesellschaftlicher Spannungen" auf einem guten Weg und nimmt Kriterien wie Sprachkompetenz, Teilhabe an Bildung und am Arbeitsleben sowie interreligiöse Kontakte von Muslimen als Gradmesser. Zugleich merken die Forscher, die die Situation von Muslimen in fünf westeuropäischen Ländern untersuchten, an, dass deren Akzeptanz nicht im gleichen Maße Fortschritte mache, da "Teile der Gesellschaft" die Integrationserfolge zu wenig anerkenne.

Mit Deutsch als erster Sprache wachsen dem Religionsmonitor zufolge 73 Prozent der hier geborenen Kinder von muslimischen Einwanderern auf. Ihr Anteil steige von Generation zu Generation. Das gelte auch für das Niveau der Schulabschlüsse. Besonders erfolgreich verlaufe in Deutschland die Integration der hier lebenden Muslime in den Arbeitsmarkt. Rund 60 Prozent arbeiteten in Vollzeit, 20 Prozent in Teilzeit, die Arbeitslosenquote gleiche sich ebenfalls an. Einwanderer profitierten maßgeblich vom hohen Arbeitskräftebedarf. Die Öffnung des Arbeitsmarktes, kommunale Initiativen zur Job-Vermittlung und Sprachkurse machten sich positiv bemerkbar.

Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass nicht die Religionszugehörigkeit über den Erfolg von Integration entscheide, sondern die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Hier aber sehen sie in Deutschland Nachholebedarf und verweisen auf das Beispiel hochreligiöser Muslime, die hierzulande schwer einen Job fänden, der ihrem Qualifikationsniveau entspreche. Zudem verdienten sie erheblich weniger als Muslime, die ihre Religion nicht ausübten. Das sei in Großbritannien anders. Das Bekenntnis zum Glauben und die Ausübung der Religion seien dort im Arbeitsleben kein Tabu, erklärt dazu die Islam-Expertin der Bertelsmann Stiftung, Yasemin El-Menouar. In Großbritannien sei der Islam mit anderen christlichen Konfessionen und dem Judentum institutionell gleichgestellt.

Yasemin El-Menouar
Yasemin El-Menouar, Islam-Expertin der Bertelsmann Stiftung Bildrechte: MDR

Religiöse Symbole sollten nicht für Nachteile bei Bewerbungen sorgen, und religiöse Bedürfnisse wie Pflichtgebete und Moscheegänge sollten auch mit Vollzeitjobs vereinbar sein."

Yasemin El-Menouar, Islam-Expertin der Bertelsmann Stiftung

El-Menouar fordert weitere Schritte in der rechtlichen Anerkennung muslimischer Religionsgemeinschaften und in der Antidiskriminierungspolitik hierzulande. Dies würde einem bedeutenden Teil der Muslime die Integration erleichtern. 40 Prozent von ihnen bezeichnen sich als hochreligiös.

Ablehnung trotz Integration?

Der Religionsmonitor 2017 verweist auch darauf, dass jeder zweite Muslim hierzulande einen deutschen Pass besitzt und 96 Prozent von ihnen die enge Verbundenheit mit Deutschland betonten. Die voranschreitende Integration ließe sich auch daran ablesen, dass 84 Prozent der in Deutschland geborenen Muslime ihre Freizeit regelmäßig mit Nicht-Muslimen verbrächten. Fast zwei Drittel geben der Studie zufolge an, dass ihr Freundeskreis mindestens zur Hälfte aus Nicht-Muslimen bestehe. Zugleich wollten aber 19 Prozent der Bürger in Deutschland keine Muslime als Nachbarn haben.

Bereits vor zwei Jahren hatte der Religionsmonitor festgestellt, dass die Verbundenheit einer großen Mehrheit der Muslime mit Deutschland und seinen gesellschaftlichen Werten nicht im gleichen Maße dazu beitrage, Vorurteile gegenüber dem Islam abzubauen. Sie waren einer repräsentativen Studie im Aufrag der Bertelsmann Stiftung dort am größten, wo die wenigsten Muslime lebten.

Stichwort: Tag der offenen Moschee Seit 1997 wird der Tag der offenen Moschee jährlich am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, begangen. Derzeit gibt es in Deutschland den Angaben zufolge etwa 2.500 Moscheen und rund 4,7 Millionen Menschen muslimischen Glaubens. Der größte Anteil von Muslimen in Deutschland ist türkischstämmig. Allerdings hat sich die Zusammensetzung der muslimischen Gemeinschaften in den vergangenen Jahren durch eine wachsende Zahl von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten verändert.

Stichwort: Religionsmonitor 2017 Der Religionsmonitor untersucht die Bedeutung von Religion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und basiert auf repräsentativen Bevölkerungsumfragen. Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung untersuchten Professor Dirk Halm und Dr. Martina Sauer vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen anhand dieser Daten die Sozialintegration von Muslimen in fünf westeuropäischen Ländern.

Die Studie "Muslime in Europa - Integriert, aber nicht akzeptiert?" vergleicht Deutschland, die Schweiz, Österreich, Frankreich und das Vereinigte Königreich. Sie ist die zweite Veröffentlichung einer Publikationsreihe zum Religionsmonitor 2017.

Um Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern, nennt der Religionsmonitor drei zentrale Hebel: Erstens die Chancen auf Teilhabe zu verbessern, insbesondere im Bildungssystem. Zweitens die institutionelle Gleichstellung der islamischen Religionsgemeinschaften mit den christlichen Konfessionen und dem Judentum gleichzustellen und somit religiöse Vielfalt anzuerkennen. Das heißt beispielsweise, dass muslimischer Religionsunterricht an Schulen, Regelungen zum Bau von Moscheen und zu islamischen Bestattungen die praktische Ausübung der Religion erleichtern würden. Und drittens interkulturelle Kontakte und interreligiösen Austausch in Schule, Nachbarschaft und Medien zu fördern.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im: MDR SACHSENSPIEGEL | 03.10.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Oktober 2017, 15:54 Uhr