Thema der Woche : Gott im Freibad
Sommerzeit ist Badezeit. In den Freibädern herrscht Hochsaison. Doch nicht für alle ist es eine persönliche Entscheidung, wie knapp bekleidet man sich im Schwimmbad zeigt. Besonders Frauen und Mädchen muslimischen Glaubens stehen da vor einer Herausforderung. Für sie gilt eine strenge Kleiderordnung.
Was also tun, wenn die Temperaturen steigen, wenn der See, das Schwimmbad oder der Pool ruft? Vor allem ältere Muslima verzichten dann häufig auf den öffentlichen Badebetrieb. Wer jünger ist, selbstbewusster und modern, springt schon mal im Burkini vom Beckenrand. Erfunden wurde der bis zu vierteilige Schwimmanzug für Musliminnen in den 1990er-Jahren, gefertigt zumeist aus Mikrofaser. Bis auf Gesicht, Hände und Füße ist alles bedeckt, auch Nacken, Haar und Kopf. So funktioniert Baden ohne Scham und im Einklang mit den religiösen Regeln. Burkinis gibt es längst nicht nur in dunklen Farben. Wer mag, kann sich in Pink oder knalliges Grün hüllen. Ein Anflug von Chic ist also erlaubt, Hauptsache die weiblichen Kurven bleiben im nassen Zustand verborgen. Allerdings kostet ein solches Badedress auch rund 100 Euro. Das Wort Burkini übrigens setzt sich aus Burka, dem traditionellen Gewand der morgenländischen Frauen, und Bikini zusammen.
Wie nackig darf man sich machen?
In mitteldeutschen Freibädern ist der Burkini eher ein seltener Anblick. In Berlin, Köln oder Frankfurt erregt er längst keine Aufmerksamkeit mehr. Unsere "Nah dran"-Reportage kommt deshalb aus dem Offenbacher Waldbad Rosenhöhe. Irmgard Arnold, eine beherzte Mittsechzigerin, ist Vorstandsmitglied des Schwimmvereins und hat in Sachen Kulturenvielfalt manches erlebt: "Da kam ein Mädel mit so einem Kleid an und mit langer Hose. Da hab ich gesagt, sie möchte bitte ihre Badekleidung anziehen. Da meint sie, das sei ihre Badekleidung. Und ich frag, ja was ist denn da drunter? Und da hat sie komplette Unterwäsche angehabt. Das ist für ein Schwimmbad gar nicht zulässig." Zu dem Plausch auf der Liegewiese gesellt sich Schwimmtrainerin Rita Bachinger: "Also ich hab jetzt einen Kurs mit Moslem-Mädchen. Die durften vom Alter her nicht mehr im Badeanzug zu uns kommen und da hab ich denen einen Neopren-Shortie empfohlen. Der geht bis an die Ellbogen und an die Knie, der ist am Hals total zu und überall. Zusätzlich haben sie sich eine Bademütze gekauft. Das kostet im Sportladen zusammen um die 19 Euro. Eine Superlösung!"
Die Eltern ihrer Schützlinge kommen aus Bangladesch. Schwimmen mussten die Mädchen bisher nie, doch im nächsten Schuljahr ist es Pflicht. Ihre Mütter haben sie deshalb zu einem Ferienschwimmkurs angemeldet. Ab achteinhalb Jahren gelten für muslimische Mädchen die Bekleidungsregeln. Sie wissen, dass sie später Kopftuch tragen, nicht mehr so offen herumlaufen und eigentlich nicht so viel zeigen dürfen. Ihre Mütter möchten aber, dass die Töchter schwimmen lernen. Sie selbst können es nicht.
Grundschüler müssen schwimmen lernen
Ab dem Eintritt der Geschlechtsreife haben muslimische Mädchen in Deutschland grundsätzlich einen Anspruch auf Befreiung vom Schwimmunterricht. Grundschülerinnen jedoch müssen teilnehmen. Maßgeblich ist ein Urteil des BVerwG aus dem Jahre 1993. Inzwischen gibt es neuere Entscheidungen, die dieses konkretisieren. Das Oberverwaltungsgericht Bremen befand im Juni 2012, dass ein Antrag auf Nichtteilnahme ab dem 14. Lebensjahr gestellt werden kann - aus religiösen und Gewissensgründen. Noch jüngere haben keinen Anspruch. Manche Schulen befreien trotzdem.
Einheitliche Baderegeln für alle
Auch wenn es seltsam anmutet, Frauen nahezu komplett verschleiert im Schwimmbecken abtauchen zu sehen, so ist zumindest das Argument der Hygiene geklärt. Denn in deutschen Hallen und Bädern ist es nicht erlaubt, in Straßenkleidung, Schlafanzug oder Unterwäsche ins Wasser zu gehen. Doch selbst wenn Burkini-Trägerinnen den Rauswurf nicht mehr fürchten müssen, ist Mobbing durch andere Gäste nicht ausgeschlossen. Juristisch gesehen übt der Schwimmmeister das Hausrecht aus und bei Widersetzung gegen seine Anweisungen kann er die Polizei rufen. Einige Bäder gestatten den Musliminnen überm Badeanzug weiße Leggins und langes T-Shirt, damit Sitten und Anstandsregeln weder aus dem christlichen noch aus dem muslimischen Kulturkreis verletzt werden. Gegen das Argument, in Baumwolle blieben Bakterien eher haften als in Elastan und High-Tech-Geweben, spricht der Umstand, dass in jedem Bad gefiltert und gechlort wird. Muslimischen Frauen wird dennoch empfohlen, direkt an der Kasse die Kleidung anzusprechen, damit nicht im Bad Enttäuschung und Diskussion entstehen.
Trotz sinkender Geburtenzahlen ist 2011 die Einwohnerzahl in Deutschland zum ersten Mal seit 2002 wieder gestiegen. Grund ist die Zuwanderung. Das prägt unser Stadtbild und das gesellschaftliche Leben. Burkinis im Schwimmbad sind da nur eine kleine, bunte Facette. Das Zusammenleben so zu gestalten, dass Vielfalt und Mitmachen möglich sind, so wie im Offenbacher Freibad, ist eine Aufgabe. Die katholische Kirche leistet sich seit vielen Jahren das Institut CIBEDO. Hier wird der christlich-islamische Dialog dokumentiert, vor allem aber für Verständnis geworben: In der Kirche für muslimische Lebensformen und Traditionen, bei den Muslimen, dass die Toleranz in der Bevölkerung mitunter noch fehlt.
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