Religion & Gesellschaft : Toleranz
Nach dem Jahr der Musik hat die Evangelische Kirche Deutschland nun in Vorbereitung auf das kommende Reformationsjubiläum das Jahr der Toleranz ausgerufen - ein Themenjahr, das es in sich haben wird, denn Toleranz geht alle an. Schon bei der Definition zeigt sich, Toleranz ist Ansichtssache. Tina Murzik-Kaufmann hat sich Gedanken gemacht.
Die Toleranz meines Sohnes endet in letzter Zeit häufig bei Tisch: Wenn die muslimischen Kinder in seiner Kindergartengruppe Nudeln mit Tomatensoße essen dürfen, während es für den Rest der Gruppe gefüllte Paprikaschoten gibt zum Beispiel. Oder wenn am Nachbartisch im Restaurant jemand genüsslich eine Portion Rosenkohl oder Leber mit Zwiebelringen verspeist - beides Dinge, für die mein Sohn nicht mehr als ein Igitt! übrig hat. Meine eigene Toleranz endet dort, wo Menschen diskriminiert oder verletzt werden, weil sie anders aussehen, anders denken oder glauben.
Toleranz - die Kunst, andere gelten zu lassen
Andere Menschen so annehmen, wie sie sind, mit all ihren Vorlieben und Besonderheiten, ihren Anschauungen, ihren Wünschen und Träumen, das bedeutet Toleranz. Und so steht es in unserem Grundgesetz festgeschrieben: "Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten ..."
Und genau hier beginnen die Probleme, denn die Anschauungen eines Rassisten oder eines Sexisten zu tolerieren, das verbietet sich für die meisten Menschen in unserer Gesellschaft. Doch sind wir deshalb gleich intolerant? Oder sind wir es vielmehr, wenn wir Augen und Ohren verschließen oder aus Angst gar klein beigeben?
Toleranz - eine Frage der Grenzziehung
Für das Grundgesetz ist die Sache klar: Das Recht eines jeden Menschen, so zu leben, wie es ihm beliebt, findet seine Schranken "...in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.“
Mein Sohn mit seiner "Verachtung" gegenüber jemandem, der Rosenkohl oder Leber isst, verletzt sicher keines dieser Rechte. Er ist höchstens unhöflich. Ich aber mache mich im Zweifelsfalle mindestens moralisch strafbar, wenn ich einen Rassisten oder Antisemiten toleriere.
Toleranz - eine Fähigkeit, die erlernt werden muss
Toleranz ist also nicht nur die Kunst, andere - im Rahmen der gesetzlichen und moralischen Konventionen - gelten zu lassen, es ist auch die Kunst, Kritik zu üben und zuzulassen. Diese Fähigkeiten sind nicht angeboren, sondern müssen erlernt werden - ähnlich wie Fahrradfahren oder Schwimmen erlernt werden müssen.
Von daher bleibt meinem Sohn nichts anderes übrig, als zu lernen, damit umzugehen, dass andere Leute von Zeit zu Zeit andere Dinge auf dem Teller haben.
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