Religion & Gesellschaft | Thema der Woche : Kinder der Tundra
10.000 Kilometer von Deutschland entfernt, am nordöstlichsten Rande Sibiriens, leben die Tschuktschen - ein kleines Volk von etwa 15.000 Angehörigen, bei denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Diesen Eindruck jedenfalls gewann der Filmemacher Juri Rescheto bei seiner Reise durch den arktischen Osten Sibiriens. Bei "Religion & Gesellschaft" berichtet er von dieser Reise durch das Land des ewigen Eises.
Religion & Gesellschaft: Warum haben Sie diesen Film gemacht?
Juri Rescheto: Das war mein Kindheitstraum. Ich bin in Sibirien groß geworden, wir hatten jede Menge Bücher über Schnee und Eis. Mein Lieblingsbuch erzählte die Geschichte des kleinen Tschuktschen-Jungen Aywam. Er lebte in der Tundra. Eines Tages war Aywam auf einer Eisscholle unterwegs, er spielte mit seinem Hund Lili. Es kam ein fürchterlicher Schneesturm und das Eis trennte sich von der Küste und trieb den Jungen und den Hund ins Meer. Es ging ums pure Überleben im Eis - "Überleben im Eis" ist ja auch der Untertitel meines Films. Irgendwann kamen natürlich ruhmreiche sowjetische Hubschrauberpiloten und retteten die beiden aus der Luft. Im Film fliege ich übrigens auch über dem Eis der teilweise gefrorenen Beringsee. Ansonsten ist die tschuktschische Halbinsel einfach ein magischer Ort, weil sie wegen des extrem rauen Klimas sehr schwer zugänglich und wegen der Grenze zu Alaska für Ausländer nur mit einer Sondergenehmigung des russischen Geheimdienstes erreichbar ist. So etwas reizt natürlich jeden Journalisten und jeden Filmemacher sehr!
Hat es eine Art Schlüsselerlebnis gegeben, sich auf den Weg zu den "Ursprüngen des Lebens", wie Sie es nennen, zu machen?
Sibirien, Schnee, Eis, extreme Kälte, die raue Natur - all das hat mich schon immer fasziniert. Auch in vorigen Filmen habe ich die Taiga bereist und die russisch-chinesische Grenze am großen Fluss Amur. Immer im Winter. Was ich toll an diesen Gegenden finde - im Gegensatz etwa zu der ziemlich touristisch ausgebauten skandinavischen Tundra - dass da kaum Touristen sind und dementsprechend so gut wie gar keine Infrastruktur vorhanden ist. Keine Straßen, keine Eisenbahn, keine Hotels, nichts! Und wenn der Schneesturm kommt, dann sitzt man eben fünf Tage am Flugplatz und wartet. Einerseits ätzend, wenn man nicht weiter kommt. Andererseits faszinierend, weil alles viel langsamer und ursprünglicher ist. Und das Allerspannendste sind natürlich die Menschen, die unter diesen Umständen leben müssen. Immer. Auf die nach 20 Tagen Drehzeit kein Flieger in den gemütlichen Westen wartet ...
Welche Rolle hat Ihre russische Herkunft bei diesem Dreh gespielt?
Eine sehr große Rolle. Es geht ja bei einem solchen Dreh erstmal um die Sprache. Und um viele Sprachnuancen. Die Tschuktschen sind sehr bescheidene, höfliche Menschen, sie würden sich schämen, nein zu sagen. Wenn Sie aber trotzdem etwas nicht wollen, gibt`s ein Verständnisproblem. Die sagen ja, tun es aber nicht. Man muss vorher verstehen, wie meint er das? Macht er das wirklich? Sitzt der Nomade wirklich in seinem Wohnzelt in der Tundra morgen Abend und wartet, wenn ich mit meinem Team nach zehn Stunden Gurkerei durch die Schneewüste ankomme? Und dann die Mentalität. Ich kenne großartige deutsche Kollegen, die sehr hart im Nehmen sind und allen Widrigkeiten zum Trotz ihre tollen Filmprojekte realisieren. Aber Tschukotka ist eben doch was Besonderes. Da es dort eigentlich gar keine Ausländer gibt, außer Russen, wird man schnell selbst vom Subjekt zum Objekt. Vom Beobachter zum Beobachteten. Die Rollen werden getauscht. Das kann anstrengend sein. Als Russe wird man einfach schneller akzeptiert und in die Gemeinschaft aufgenommen. Uns Russen kennen die Tschuktschen einfach. Oft macht ja der Ton die Musik. Den richtigen Ton zu treffen ist schwer. Der muss übrigens nicht zwangsläufig freundlich sein. Manchmal muss man auch härter sein.
Was hat Sie besonders fasziniert während der Dreharbeiten?
Dass es in diesem gottverlassenen, hundekalten, extrem rauen und ungemütlichen Stück Erde doch Leben gibt. Dass die Menschen trotz extremer Armut, schwerem Alkoholmissbrauch und Ausrottung aller kulturellen Wurzeln durch diverse sowjetische Revolutionen und Umbrüche irgendwie weiter leben. Überleben. Und Witze machen. Wissen Sie, die Russen erzählen gern Witze über Tschuktschen - ähnlich wie die Deutschen sich Witze über Ostfriesen erzählen. Die Tschuktschen sind in diesen Witzen immer dumm. Aber! Die Tschuktschen selbst haben einen großartigen trockenen Alltagshumor. Er begleitet sie ständig. Sie lachen sehr viel über sich selbst. Das ist eine große Gabe! Leider wurde dieser Aspekt im Film gar nicht behandelt. Was aber hoffentlich sehr klar wird im Film, ist die andere große Gabe des Tschuktschenvolks: die Geduld.
Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie während der Dreharbeiten zu kämpfen?
Kälte, Kälte, Kälte. Deswegen flog der Flieger tagelang nicht. Deswegen ging die teure HD-Kamera aus Deutschland kaputt, fast Totalschaden. Gott sei Dank gingen irgendwann ein paar Funktionen und wir konnten das Bild drehen. Den Ton aber mussten wir in Köln zum großen Teil nachbasteln - aus dem Geräuscharchiv. Leider! Deswegen brach das Stativ zusammen. Deswegen tranken die Protagonisten viel zu viel und brachten den ohnehin schweren Zeitplan durcheinander. Es war der schwerste Dreh meines Lebens.
Was haben Sie von der Begegnung mit den Tschuktschen mit zurückgenommen?
Die Geduld und die Gelassenheit. Und - das klingt vielleicht absurd für einen von Berufs wegen notorisch neugierigen Journalisten - nicht krampfhaft versuchen, etwas zu verstehen, was man sowieso nicht verstehen kann. Warten und mitmachen und gucken, was passiert.
Juri Reschetos Film "Kinder der Tundra - Überleben im Eis" sehen Sie am 3. Januar 2013, 22:35 Uhr im MDR.
