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Voodoo auf dem Berliner Gendarmenmarkt - Zum Auftakt der Langen Nacht der Religionen im vergangenen Herbst Bildrechte: ARD Foto / MDR / rbb

Nah dran | 16.03.2016 Voodoo für Anfänger

Voodoo - das klingt nach Nagel-Puppe, Blutopfer und bösem Zauber. Was steckt hinter den Klischees und was reizt Westler an einer Religion, deren Wurzeln in Afrika liegen?

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Voodoo auf dem Berliner Gendarmenmarkt - Zum Auftakt der Langen Nacht der Religionen im vergangenen Herbst Bildrechte: ARD Foto / MDR / rbb

Voodoo - das klingt nach Nagel-Puppe, Blutopfer und bösem Zauber, nach lebenden Toten, die aus Gräbern steigen. Murah Soares, geboren in Bahia, pflegt die afrobrasilianische Variante des westafrikanischen Kultes.

Als Priester einer Gemeinde von 30 Mitgliedern in Berlin lädt der 54-Jährige manchmal auch Andersgläubige in seinen Tempel nach Kreuzberg, lässt sie Teil haben an Zeremonien, die sonst im Verborgenen stattfinden. So will er die Klischees aus Trivialliteratur und Horrorfilm überwinden helfen. "Es gibt viele Leute, die kommen her und denken, das ist Zirkus oder Magie. Aber es ist keine Wunderreligion. Wir sind nicht besser oder schlechter (als andere Religionen). Wir sind anders."

Zwischen den Welten oder: "Der Orisha muss gefüttert werden"

Doch was verbirgt sich hinter den Klischees? Der Name - Voodoo - leitet sich ab aus einem Wort des westafrikanischen Volkes der Fon für Geist oder ein beseeltes immaterielles Sein.

Rituelles Schlachten einer Ente.
Rituelles Schlachten einer Ente bei einer Zeremonie in Benin Bildrechte: IMAGO

Anders gesagt zielt der Kult auf die unsichtbaren Mächte, die sich der Mensch nicht erklären kann, die er aber gnädig stimmen will.

Es gibt eine Art Schöpfergott, der viele "Kinder" hat. Mittler zwischen den Welten, zwischen Diesseits und Jenseits ist der Priester.

Er ordnet dem Voodoosi in der Aufnahmezeremonie einen Gott oder Geist - einen so genannten Loa oder Orisha - zu und befragt das Orakel des Fa außerdem, ob die Ahnen mit der Wahl einverstanden sind.

Nach den Vorlieben der Götter richten sich die Opfergaben.

Expertin Gabriele Lademann-Priemer
Theologin Gabriele Lademann-Priemer im Hamburger Museum für Völkerkunde Bildrechte: MDR / rbb

Theologin Gabriele Lademann-Priemer, die sich als Pastorin für Weltanschauungsfragen mit Praxis und Geschichte des Voodoo beschäftigt hat, erklärt: "Das Leben muss nach dem Orisha ausgerichtet werden, in dessen Kult man initiiert ist, d.h. der muss gefüttert werden, mit dem muss die ständige Verbindung aufrechterhalten werden."

Mit dem Sklavenschiff in die Neue Welt

Mit dem Sklavenhandel kam der Voodoo-Kult aus Westafrika und Ländern, die heute Benin oder Nigeria heißen, in die Karibik und nach Lateinamerika. In Brasilien entstand daraus der Candomblé, auf Kuba die Santería. Der Kult vermischte sich in der Neuen Welt mit Elementen des katholischen Glaubens der europäischen Kolonisatoren, die ihn als bösen Zauber fürchteten und bekämpften - schon, indem sie die Priester vor der Überfahrt möglichst alle umzubringen suchten. Tatsächlich wurde etwa der Befreiungskampf gegen die Franzosen auf Haiti im 18. Jahrhundert auch mit dem Voodoo als Waffe geführt. Von Plantagen geflüchtete Sklaven gründeten Geheimgesellschaften, die fast militärisch organisiert waren. Später im 20. Jahrhundert bedienten sich die Diktatoren Duvalier dieser Truppen.

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Bildrechte: MDR / rbb

Auf Haiti ist Voodoo heute noch Staatsreligion. Gelebt wird der Kult auch im Land seines Ursprungs, im heutigen Benin. Seit 1990 gibt es mit dem 10. Januar dort einen offiziellen Feiertag. Voodoo ist somit anerkannt wie Christentum und Islam. Rund 12 Prozent der etwa 11 Millionen Einwohner, bekennen sich, Voodoosi zu sein. Experten gehen davon aus, dass viel mehr Beniner Voodoo praktizieren, zumal sie das nicht daran hindert, außerdem in die Kirche oder Moschee zu gehen. Viele verschuldeten sich sogar, um ihre Götter "zu füttern" oder in Schicksalsmomenten des Lebens den Priester das Orakel des Fa befragen zu lassen. Denn die Götter und die eigenen Ahnen nicht zu ehren, hieße, sie herauszufordern.

Voodoo in Berlin?

Es gibt Schätzungen, die immerhin von 60 Millionen Voodoo-Anhängern weltweit ausgehen. Zuwanderer aus Westafrika oder Lateinamerika brachten ihren Glauben nach Europa, vor allem nach Frankreich mit. Doch was reizt Westler an einer animistischen Religion, deren Wurzeln in Westafrika liegen?

Joaquin LaHabana Reyes
Joaquin La Habanna Reyes an seinem Altar Bildrechte: mdr/rbb

Durch einen Freund, den Kubaner Joaquin La Habanna Reyes, lernte Sören Neuroth die Santería kennen. Reyes' Tempel ist sein Wohnzimmer in Berlin-Charlottenburg, der Altar nimmt die Hälfte des Raumes ein, sein Orisha ist die Göttin des Flusses Oshun. Er beschenkt sie jeden Tag: Zum Beispiel mit Blumen auf dem Altar, der für ihn ein Ort der spirituellen Sammlung ist. Alle Gegenstände haben eine Bedeutung - so wie das Fischernetz: "Das Fischernetz bedeutet: Du bist gefangen, aber gleichzeitig hast du die Freiheit, dich klein zu machen und durch die Löcher zu gehen."

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Sören Neuroth lässt sich "taufen". Yemaya, die Göttin des Meeres ist ihr Orisha. Bildrechte: MDR/rbb

Seine Mutter führte den heute 64-Jährigen früh ein in die Religion. Reyes stammt in direkter Linie von Voodoo-Priestern ab, erzählt. In seiner Wohnung bewahrt er Andenken an seine afrikanischen Vorfahren, die als Sklaven in die Neue Welt verschleppt wurden. Wie zwölf Millionen andere beim größten Menschraub der Geschichte. "Wir haben bestimmte Zeremonien, in denen wir die Ahnen anrufen. Wir glauben, dass jedem Menschen eine Gruppe von Geistern gegeben ist, von Menschen, die vor uns gelebt haben und die Informationen haben, um Dich zu begleiten", erklärt Reyes.

Sören Neuroth kennt Reyes seit vielen Jahren, erst nach dem Verlust von nahen Angehörigen und Freunden kam sie mit ihm über die Santería ins Gespräch und fand darin Halt, in ihren Ritualen fühlt sie sich mit ihren Ahnen verbunden, lernte ihre Trauer besser zu bewältigen. Vielleicht weil das Jenseits im Voodoo auf gar nicht schauderhafte Weise immer auch ins Diesseits reicht, und weil unsagbarer Schmerz nicht in Worten gefasst werden muss, wie Gabriele Lademann-Priemer erklärt:

Afrika, tanzende Menschen
Gambada-Tänzer in Benin Bildrechte: IMAGO

Die Voodoo-Kulte sind getanzte Kulte. Das heißt, in Tänzen und in Gesängen wird die Religion gelebt, nicht am Schreibtisch, in Büchern und theologischen Abhandlungen.

Über dieses Thema berichtet das MDR FERNSEHEN auch in: Nah dran | 16.03.2017 | 22:35 Uhr
"Ab morgen mach' ich Voodoo"

Zuletzt aktualisiert: 12. April 2017, 08:57 Uhr