Regal im Stil der 70-er Jahre
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Zwei ältere Damen sitzen auf einem Sofa.
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Küchenschrank
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Ein Mann, Ende 40, steht im weißen Hemd und mit Kawatte im Freien vor einem Gebäude.
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Gunter Wolfram DDR-Erinnerungen gegen das Vergessen

"Die Hände erinnern sich an Dinge, die der Verstand längst vergessen hat." Mit diesem einfachen Satz ist das Erfolgsrezept beschrieben, für das Gunter Wolfram zu einem gefragten Interviewpartner geworden ist. In Erinnerungszimmern führt der Seniorenheim-Leiter die Bewohner seiner Einrichtung in ihre Vergangenheit - und ruft Potentiale wach, die die Demenz längst verschüttet zu haben schien.

Ein Mann, Ende 40, steht im weißen Hemd und mit Kawatte im Freien vor einem Gebäude.
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Der Alltag Demenzkranker in Seniorenheimen ist in vielen Fällen wenig abwechslungsreich: Beschäftigungsangebote sind häufig eintönig und verfolgen nur ein Ziel - nämlich, dass der Patient nicht wegläuft. Diese Art von Heimbewohnern hat auch Gunter Wolfram und seinen Kollegen lange Zeit Kopfzerbrechen bereitet. "Mobile Demenzkranke haben uns ganz schön auf Trab gehalten", sagt er. Bis man durch Zufall bemerkte, was bei ihnen Erinnerungen und Gefühle hervorruft - und zwar die Konfrontation mit Gegenständen aus ihrer früheren Alltagswelt.

Seniorenresidenz Alexa II
"Die Siebziger sind übern Hof": Vom 70er-Jahre-Raum gelangt man direkt in den großen Garten der Seniorenresidenz AlexA. Bildrechte: MDR/Piet Felber

"Zur Premiere unseres neu eingerichteten Kinos haben wir als Requisit einen alten DDR-Motorroller beschafft, einen Troll", erzählt Wolfram. "Und sofort haben sich die Bewohner darum versammelt. Auch die Demenzkranken haben dann angefangen, Geschichten über das Fahrzeug auszutauschen, haben erklärt, wie man Gas geben und bremsen konnte, oder dass sich nach 50 Kilometern die Sitzbank erhitzte". Und dieses Beispiel war der Anlass für Wolfram, die Betreuung der Demenzkranken völlig neu zu fassen. In zwei "Erinnerungszimmern" versammeln Wolfram und seine Kollegen seitdem Alltagsgegenstände und Artefakte aus der DDR der 60er und 70er Jahre.

Demente kochen Soljanka

Diese Gegenstände rufen bei den dementen Bewohnern des Heimes starke Reaktionen hervor. Das geht sogar soweit, dass sie wieder anfangen zu sprechen, wo sie längst nur noch vor sich hingeschwiegen hatten. Niemand läuft mehr weg - die Bewohner fühlen sich zu Hause, motorische und kognitive Potentiale werden wach, die die Demenz mutmaßlich längst verschluckt hatte. Sie tauschen Geschichten aus über den alten Kachelofen, hören gemeinsam Musik, machen in den Räumen Hausarbeit und kochen zusammen. "Die Soljanka der Demenzgruppe ist legendär", erzählt Wolfram. Auf diese Weise erfahren Menschen Wertschätzung, die dieses Gefühl schon nicht mehr kannten.

Diese DDR-Artefakte rufen Erinnerungen wach

Seniorenresidenz Alexa I
Der Stein des Anstoßes: Der Motorroller "Troll" war der erste Gegenstand, der bei den Heimbewohnern Erinnerungen geweckt hat. Bildrechte: MDR/Piet Felber
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Der Stein des Anstoßes: Der Motorroller "Troll" war der erste Gegenstand, der bei den Heimbewohnern Erinnerungen geweckt hat. Bildrechte: MDR/Piet Felber
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Danach entstand ein "Erinnerungsraum" im Stil der 60er Jahre. Inklusive Küchenbuffet aus dem Hause Hellerau. Bildrechte: MDR/Piet Felber
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In einem angedeuteten "Intershop" können die Bewohner die seltenen Highlights westlichen Konsumvergnügens rekapitulieren. Eine "Kaufhalle" im selben Stil gibt's auch. Bildrechte: MDR/Piet Felber
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Die Teppiche kamen aus dem sozialistischen Bruderstaat Vietnam. Bildrechte: MDR/Piet Felber
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Telefone gab's natürlich nur im Wählscheibenformat - und jeweils maximal eins pro Haus. Bildrechte: MDR/Piet Felber
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Der Kachelofen hat vor allem bei den Männern Erinnerungen wachgerufen. Es war gar nicht so einfach, den richtig zum Feuern zu bringen. Bildrechte: MDR/Piet Felber
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Als zweites Zimmer folgte der 70er-Raum. Klar - der muss natürlich farbenfroher sein. Bildrechte: MDR/Piet Felber
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Und Musik darf nicht fehlen - und ein Plattenspieler ... Bildrechte: MDR/Piet Felber
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... der Marke "Ziphona Combo" von RFT auch nicht. Bildrechte: MDR/Piet Felber
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Diese Hellerauer Schrankwand ist ein DDR-Designklassiker der 70er Jahre. Bildrechte: MDR/Piet Felber
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Zwei bequeme Club-Stühle zieren die Sitzecke im 70er-Zimmer. Bildrechte: MDR/Piet Felber
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Gewappnet für den Notfall. Bildrechte: MDR/Piet Felber
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Kittelschürzen stehen den Bewohnerinnen für die Hausarbeit zur Verfügung. Bildrechte: MDR/Piet Felber
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Wolfram hat die Leitung des Heimes mit 130 Pflegebedürftigen und weiteren 100 Bewohnern in Häusern mit betreutem Wohnen vor vier Jahren übernommen. Zuvor war er in dem Haus im Dresdner Norden schon zwölf Jahre lang verantwortlich für die Pflege. Nach einem Intermezzo beim privaten Träger der Einrichtung in Berlin ging er als Leiter zurück und übernahm die Leitung.

Alterspflege neu denken

Der gelernte Koch aus Zittau hat in der Folge begonnen, die Alterspflege in seinem Heim völlig neu zu denken: "Die Menschen sind hier zu Hause, wir haben keinen erzieherischen Auftrag", erläutert er den Ansatz. "Wir rationieren keine Zigaretten und wenn jemand denkt, schon mittags drei Bier trinken zu müssen, dann ist das eben so", sagt Wolfram.

Gunter Wolframs Ansatz hat mittlerweile Kreise gezogen - erst in der regionalen, dann in der nationalen und schließlich in der globalen Medienlandschaft. Kamerateams aus Österreich, der Schweiz, Norwegen oder Kanada waren schon da und haben Wolframs Ideen für die Altenpflege exportiert.

Gunter Wolfram ist zu Gast im Riverboat | 29.09.2017 | 22 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. September 2017, 15:06 Uhr