Acht Fragen an Eduard Prinz von Anhalt : "800 Jahre Geschichte kann man nicht zerstören"
Vor 800 Jahren hat ein Vorfahre von Eduard Prinz von Anhalt das gleichnamige Fürstentum begründet. MDR.DE hat mit dem Chef des Hauses Anhalt-Askanien über Anhalt, seine Geschichte, seine Herrscher und Bewohner, aber auch über die Zukunft jenes Landes gesprochen, das für ihn bis heute Heimat ist.
Prinz von Anhalt, im Jahr 1212 hat Ihr Urahne, Graf Heinrich I., das Fürstentum Anhalt begründet. Wie fällt 800 Jahre später die Bilanz seines Nachkommen aus?
Als Heinrich I., mit Zustimmung seiner askanischen Verwandtschaft, im Jahr 1212 die Grafschaft Anhalt als unabhängiges Herrschaftsgebiet begründete, waren die Askanier eine der mächtigsten Familien des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Zwei von sieben Kurfürsten, die den deutschen König wählten, waren Askanier. Umso bewunderungswürdiger ist die Tatsache, dass nach dem Aussterben der Askanier in Brandenburg 1320 und Sachsen-Wittenberg 1422, die Fürsten von Anhalt es schafften, ihrem Land bis 1918 die Unabhängigkeit zu bewahren. Historisch anerkannte Gründe dafür sind, dass die anhaltischen Fürsten sich stets Ehefrauen aus mächtigen Adelsdynastien nahmen, als Feldherren erfolgreich den Kaisern und preußischen Kurfürsten dienten und damit – sozusagen als Gastarbeiter – ihren Unterhalt verdienten, weshalb sie die Bürger und Bauern nicht mit Steuern erdrücken mussten. Dies ist eine Gesamtleistung der anhaltischen Fürsten über Jahrhunderte, die sich wirklich sehen lassen kann.
Zu Ihren Vorfahren und Ahn-Verwandten gehören so bedeutende Persönlichkeiten wie Albrecht der Bär, der "Exerziermeister" des Preußischen Heeres Leopold I. von Anhalt-Dessau, Katharina die Große oder Leopold III. Friedrich Franz, der Schöpfer des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs. Ist eine solche Ahnengalerie bester Ansporn oder auch Last?
Mit so bekannten und erfolgreichen Vorfahren verglichen zu werden ist nicht so einfach für einen Nachfahren, der ohne Schloss und Grund und Boden leben muss. Ich wäre gerne so großzügig zu meinen Landsleuten wie es bekanntlich mein Vater war. Doch lese ich gern Biographien und natürlich die meiner Vorfahren am liebsten. Aus menschlichen Lebensläufen kann man vor allem lernen, wie viele Höhen und Tiefen, wie viel Kampf und Leid auch der erfolgreichste Mensch durchleben musste, bevor er am Ziel war. Wenn man die Lebensläufe von erfolgreichen, aber auch gescheiterten Ahnen kennt, kann das einen nur demütig, vor allem aber nicht überheblich machen!
Nach dem tragischen Unfalltod Ihres Bruders Friedrich wurden Sie 1963 Chef des Hauses Anhalt-Askanien. Inwiefern hat das Ihr Leben verändert?
Mein Bruder, Erbprinz Friedrich, verunglückte tödlich im Alter von 25 Jahren. Ich war 21 Jahre alt als ich Chef des Hauses Anhalt-Askanien wurde. Ich lebte damals in England und Kalifornien und kehrte nach der Beerdigung meines Bruders gleich wieder in die USA zurück. Mein Leben und Denken schien mir so weit weg von all den gesellschaftlichen Konventionen und Verpflichtungen in Europa, denen ich plötzlich nachkommen sollte. Ich hatte Public Relations gelernt und arbeitete als erfolgreicher PR-Kaufmann von einem Beruf, mit dem man damals in Deutschland überhaupt nichts anfangen konnte. Erst 1969, sechs Jahre nach dem Tod meines Bruders, kam ich nach München zurück, versuchte die Familie vom bayerischen "Exil" aus zu vertreten und als Banklehrling und Stahl-Kaufmann einen seriösen deutschen Beruf zu erlernen. Leider fehlte mir die kaufmännische Ader und so begann ich eine Karriere als Gesellschaftsjournalist. Praktisch machte ich aus meiner gesellschaftlichen Stellung einen Beruf und berichtete für verschiedene Wochenmagazine, später im Fernsehen über die großen Ereignisse in Adel und Showgeschäft. Man sieht also, ein typischer Vertreter einer alten, edlen Dynastie war ich auf keinen Fall.
Rechnet man die Zeit vor 1212 dazu, so hat Ihre Familie gut 1.000 Jahre lang die Geschicke Anhalts gelenkt. 1918 wurde sie zur Abdankung, 1945 zur Flucht gezwungen. Ihr Vater, obwohl Gegner der Nazis, starb im sowjetischen Speziallager Buchenwald. Der Empfang, den Sie nach Ihrer Rückkehr 1990 erlebten, fiel nicht nur herzlich aus. Warum engagieren Sie sich dennoch im Land?
Der Empfang im Spätherbst 1989 in Ballenstedt war nicht gerade herzlich, aber abwartend freundlich. Weder die "Ossis" noch ich, der "Wossi", konnten wissen oder auch nur erahnen, was da in den folgenden Jahren auf uns zukommen würde. Bald stellte sich heraus, dass uns die Kohl-Regierung das von Braunen und Roten geraubte Eigentum nicht zurückgeben würde. Aber dafür konnten die Ostdeutschen ja nichts. Also versuchten wir mit unseren bescheidenen Mitteln, als Bürger, die ihr Geld wie jeder Bürger verdienen mussten, in der alten Heimat unseren bescheidenen Beitrag beim Aufbau zu leisten. Auch hofften wir darauf, dass die Zeit die alten Wunden heilen und die gegenseitigen Vorurteile abbauen würde. Ich glaube, heute gehen wir in Anhalt recht unverkrampft miteinander um!
Mit der Kreisreform 2007 hat die seit den 30er-Jahren währende Zerschlagung anhaltischer Verwaltungsstrukturen gewissermaßen ihre Vollendung gefunden. Sind Sie dennoch optimistisch, dass anhaltische Tradition und anhaltische Identität auch in Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten fortbestehen werden?
Die Kreisreform von 2007 in Sachsen-Anhalt wurde von Politikern gemacht, die geschichtlich wenig interessiert waren, die aber auch wenig Vorstellung von der Bedeutung und Kraft historisch gewachsener Regionen gerade in unserer Zeit der wirtschaftlichen Globalisierung gehabt haben. Trotz der Kreisreform glaube ich, dass der Anhalter weiß, woher er kommt und wohin er gehört. Unsere 800-jährige, ja 1.000-jährige Geschichte und Kultur kann man nicht so schnell zerstören, auch durch diese Kreisreform nicht. ANHALT800 wird dies beweisen!
Angenommen, Sie wären heute noch regierender Herzog. Was würden Sie im Sinne Anhalts gern anders machen?
Im aufgeklärten Sinne meines Vorfahren "Vater Franz" würde ich heute kleine Schulklassen mit wirklich qualifizierten Lehrern schaffen. Das muss sich ein reiches Land wie Deutschland unbedingt – nicht nur aus sozialer Verpflichtung, sondern aus Vernunft – leisten. Eine erstklassige, für alle Kinder gleich gute Ausbildung ist meiner Überzeugung nach die einzige, realistische und wirkliche soziale Gerechtigkeit, zu der ein sozialer Staat verpflichtet ist. Nach einer umfassenden Ausbildung kann sich ein junger Mensch dann erst wirklich frei entscheiden, ob er Professor, Geschäftsmann oder Handwerker werden will.
Wenn ich die finanziellen Mittel meiner Vorfahren hätte, würde ich mitten in Sachsen-Anhalt ein Fußballstadion für 100.000 Fans bauen und innerhalb einiger Jahre einen zweiten FC Bayern aufbauen. – Dies ist der große Traum eines prinzlich-anhaltinischen Fußballfans!
Und drittens: Ich würde in Sachsen-Anhalt eine Infrastruktur aufbauen, die für alle Generationen das Leben in unserem Lande wirklich lebenswert macht. Dazu gehören Kitas für alle Kleinkinder, Freizeiteinrichtungen wie Diskos, Kaffees und Sportstätten für Jugendliche und erschwingliche Fitnessmöglichkeiten für uns ältere Menschen. Diese Infrastruktur würde auch wieder viele Touristen aller Generationen in unser schönes Land locken.
Was kann Sachsen-Anhalt, was kann Deutschland aus der anhaltischen Geschichte lernen?
Anhalt war seit dem Mittelalter ein Land, durch das wichtige Handelsstraßen von West nach Ost, von Süd nach Nord verliefen und sich kreuzten. Hier an Saale, Elbe und Mulde gab es die nötigen Furten und Brücken, die den Übergang über diese Flüsse erlaubten. Durch die über Jahrhunderte währende Berührungen der Anhalter mit den verschiedenen Mentalitäten von Kaufleuten und Reisenden aus allen Teilen Europas entwickelten sich große Toleranz und Offenheit in der Bevölkerung. Diese Tugenden könnten Vorbild für viele andere Teile der Welt sein, in denen heute noch Vorurteile und Feindschaft unter den Menschen an der Tagesordnung sind.
Was wünschen Sie dem Land Ihrer Vorfahren zum 800-jährigen Bestehen?
Die Besinnung auf 800 Jahre Anhalt wird vielen Menschen in Anhalt, aber auch in ganz Sachsen-Anhalt bewusst machen, in welch landschaftlich wunderschönem Land wir leben dürfen, dass die Vergangenheit nicht nur aus grauer Nazi- und Sozi-Zeit besteht und dass sich auf unserer gewachsenen Geschichte und Kultur für alle eine wirklich gute Zukunft aufbauen lässt.
