Mehrere Menschen in überwiegend schwarzer Kleidung sitzen und stehen hinter einem langen Tisch. Zwei Personen halten Aktenordner vors Gesicht.
Beide Angeklagte wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, die Angeklagte nach dem Jugendstrafrecht. Bildrechte: MDR/Isabell Hartung

Urteil im Dessauer Mordprozess Lebenslang für den Haupttäter

Nach 36 Prozesstagen im Dessauer Mordprozess haben die Richter am Freitag ein Urteil gesprochen. Der Hauptangeklagte wurde zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt. Das Gericht stellte auch die besondere Schwere der Schuld fest. Die mitangeklagte frühere Freundin wurde nach Jugendstrafrecht zu fünf Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Verteidigung und Nebenklage kündigten Revision gegen die Urteile an.

Mehrere Menschen in überwiegend schwarzer Kleidung sitzen und stehen hinter einem langen Tisch. Zwei Personen halten Aktenordner vors Gesicht.
Beide Angeklagte wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, die Angeklagte nach dem Jugendstrafrecht. Bildrechte: MDR/Isabell Hartung

Im Fall der getöteten chinesischen Studentin Yangjie Li muss der Haupttäter mindestens 15 Jahre ins Gefängnis. Im Prozess vor dem Dessauer Landgericht haben die Richter am Freitag ein Urteil gesprochen. Der Hauptangeklagte Sebastian F. wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Das Gericht hat zudem die besondere Schwere der Schuld festgestellt. Damit kann der Angeklagte nicht nach 15 Jahren auf Bewährung entlassen werden, sondern muss weiter im Gefängnis bleiben. Über die weitere Dauer seiner Haft wird dann entschieden.

Die mitangeklagte frühere Freundin Xenia I. wurde wegen sexueller Nötigung zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt. Die beiden hatten im Mai 2016 die chinesische Studentin Yangjie Li in eine Wohnung gelockt und dort vergewaltigt. Sie starb schließlich an den Folgen massiver Gewalteinwirkungen gegen Kopf, Rumpf und Extremitäten.

Beide Täter müssen zusammen 35.000 Euro Schmerzensgeld an die Eltern des Opfers bezahlen, Sebastian F. noch einmal zusätzlich 25.000 Euro.

Richterin begründet Urteil

Menschen stehen Schlange vor einer Sicherheitskontrolle.
Vor der Urteilsverkündung herrschte großer Publikumsandrang. Bildrechte: MDR/Isabell Hartung

Die Richterin Uda Schmidt sagte am Freitag in der Urteilsbegründung, den von der Staatsanwaltschaft dargelegten Tatablauf sei bestätigt worden. Die Tat sei lang und breit von den Angeklagten geplant gewesen. Die Richterin vollzog die Tat noch einmal im Detail nach. Die Spuren der Täter, das Video einer Überwachungskamera und DNA-Spuren haben letztendlich beide Täter überführt.

Laut Richterin sprach zu Gunsten der Täterin, dass sie mit ihrer Aussage Beweismittel bestätigt habe. Außerdem habe sie mit Einzelheiten sowie außergewöhnlichen Details geholfen, das Tatgeschehen nachzuvollziehen.

Nach der Urteilsverkündung gab die Verteidigung von Sebastian F. an, dass sie in Revision gehen will.

Eltern des Opfers: Urteil für Hauptangeklagten ist richtig

Sven Peitzner als Vertreter der Nebenklage sagte MDR SACHSEN-ANHALT am Freitagabend: "Die Eltern finden die Verurteilung des Hauptangeklagten zu lebenslanger Haft richtig, und auch, dass die besondere Schwere der Schuld festgestellt wurde. Damit kann der Angeklagte lange Zeit niemandem mehr weh tun." Zum Urteil der mitangeklagten Ex-Freundin kündigte Peitzner an, in Revision zu gehen. Peitzner sieht eine höhere Tatbeteiligung von Xenia I., als das Gericht festgestellt hat.

Zwischen zwei Köpfe hindurch blickt ein Mann in die Kamera
Der Angeklagte Sebastian F. im Gerichtssaal (hier bei einem Prozesstag am 21. Februar 2017). Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Staatsanwaltschaft ließ unterdessen noch offen, ob sie ebenfalls Rechtsmittel gegen das Urteil für Xenia I. einlegen wird.

Im Fall einer Revision muss der Bundesgerichtshof entscheiden, ob das Urteil von einem anderen Landgericht neu gesprochen werden muss. Die schriftlichen Anträge zur Revision müssen innerhalb einer Woche beim Gericht eingegangen sein.

Freispruch in weiteren Vergewaltigungsfällen

Dem angeklagten Haupttäter wurde noch eine weitere zweifache Vergewaltigung vorgeworfen. Davon wurde Sebastian F. am Freitag freigesprochen. Da die Tat so lange zurückliege, gebe es keine Beweismittel, so das Gericht. Zudem habe das Opfer damals keine Anzeige erstattet, was die Glaubwürdigkeit der Aussage mindere.

Verteidiger wollten Jugendstrafen

Die Verteidiger hatten in ihrem Plädoyer am Dienstag für den Hauptangeklagten eine Verurteilung nach Jugendstrafrecht beantragt – zehn Jahre wegen Vergewaltigung mit Todesfolge und drei Jahre für seine frühere Freundin. Die Mordvorwürfe hatten die Anwälte vehement zurückgewiesen.

Die Angeklagte Xenia I. wird am 04.08.2017 in Dessau-Roßlau in einen Saal des Landgerichts geführt.
Xenia I. wurde zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Bildrechte: dpa

Die Staatsanwaltschaft hatte am Montag in ihrem Schlussplädoyer eine lebenslange Haftstrafe für den Angeklagten und acht Jahre Haft für die Mitangeklagte gefordert. Die Forderungen der Nebenklage, die die Eltern der getöteten Studentin vertritt, waren ähnlich: lebenslange Freiheitsstrafe für den Angeklagten, und 15 Jahre Gefängnis für die mutmaßliche Mittäterin.

Angeklagte schweigen

In 36 Prozesstagen wurde die ganze Brutalität der Tat offenbar. Sebastian F. schwieg bis zum Schluss. Xenia I. gestand die Tat im Januar unter Tränen. Anschließend  schwieg auch sie wieder.

Besonders pikant war in dem Fall der Fakt, dass die Eltern des Täters Polizisten in Dessau sind. Der Verdacht, dass sie in die Ermittlungen eingegriffen haben könnten, bestätigte sich jedoch nicht. Die Eröffnung einer Gartenkneipe, wenige Tage nach dem Fund der Leiche, sorgte für zusätzliche Irritationen. Bis zum Schluss wehrte sich die Mutter mit Attesten gegen eine Aussage vor Gericht, die sie auch einfach hätte verweigern können. Ihre Rolle in dem Fall bleibt nach wie vor rätselhaft.

Der Fall sorgte auch deshalb für Aufsehen, weil es bei den Ermittlungen zu Polizeipannen kam. Offensichtliche Spuren wurden erst mit Verspätung entdeckt. Bei Videos aus Überwachungskameras sichteten die Beamten zunächst nur zwei Aufnahmen. Das entscheidende Video ließen sie jedoch zunächst außen vor.

Mehr zum Thema:

ie Angeklagte Xenia I. wird am 04.08.2017 in Dessau-Roßlau in einen Saal des Landgerichts geführt.
Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 04.08.2017 | 09:30 Uhr
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE| 04.08.2017 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/olei, ms, mg

Zuletzt aktualisiert: 04. August 2017, 19:25 Uhr

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26 Kommentare

06.08.2017 21:05 kein Otto 26

@Susan #22 "Er arbeitete bei der Polizeidirektion Süd im Polizeirevier Anhalt-Bitterfeld in Köthen." Da würde mich jetzt aber mal eine Quelle für ihre Informationen interessieren - das Polizeizrevier Anhalt-Bitterfeld gehört nämlich *nicht* zur Polizeidirektion Süd.

05.08.2017 09:57 eiermeiner 25

"Der leibliche Vater des Angeklagten war ebenfalls Polizeibeamter im gehobenen Dienst, und zwar Polizeirat. "War" deshalb, weil er seit kurzem pensioniert ist. Er arbeitete bei der Polizeidirektion Süd im Polizeirevier Anhalt-Bitterfeld in Köthen. Insofern also eine hübsche "Vorzeige"-Polizistenfamilie." ... schön wie hier in Sippenhaft ANTI-Hetze-Sprech geübt wird.
Der Handabdruck des Angeklagten mit dem Blut des Opfers ist natürlich ein real überzeugender Beweis!

05.08.2017 09:22 Ekkehard Kohfeld 24

@ Susan 22 So tragisch das ganze ist aber wenn ich euch TV - Kommissare und TV - Richter hier lese kommt mir die Galle hoch ihr könnt ständig alles besser und wisst alle besser wie viele TV - Folgen von Gerichtsshows muß man dafür gesehen haben um solche Kommentare schreiben zu dürfen?Oder betätigen sie sich hier Miß Mapel??

04.08.2017 22:01 Peter Riesler 23

Wie recht Sie haben, verehrte Kommentatorin Susan (22)!

Sie sind nicht die einzige, die ganz offenbar näheren Einblick in die Machenschaften der PD Ost, in die StAW Dessau bzw. Magdeburg und deren Verquickungen untereinander haben.

Was sie nur vermuten, bestätige ich und gehe jedoch noch weiter und beziehe den Dunstkreis von Polizei, StAW MD und Justiz MD ausdrücklich mit ein! Schwerwiegende Indizien liegen mir von anderen Fällen vor.

"Der Verdacht, dass sie in die Ermittlungen eingegriffen haben könnten, bestätigte sich jedoch nicht." ist eine bewusste Irreführung der Öffentlichkeit. Hier muss ermittelt werden - aber nicht aus Sachsen-Anhalt heraus!

Ansonsten geht es in diesem Sumpf weiter wie bisher.

04.08.2017 16:19 Susan 22

@5: Der leibliche Vater des Angeklagten war ebenfalls Polizeibeamter im gehobenen Dienst, und zwar Polizeirat. "War" deshalb, weil er seit kurzem pensioniert ist. Er arbeitete bei der Polizeidirektion Süd im Polizeirevier Anhalt-Bitterfeld in Köthen. Insofern also eine hübsche "Vorzeige"-Polizistenfamilie.

Ansonsten: Die Justiz hat ja größten Wert darauf gelegt, nichts auf die Eltern kommen zu lassen. Die Generalstaatsanwaltschaft verschickte kürzlich sogar eine entrüstete Pressemitteilung, in der sie betonte, wie heute auch Richterin Schmidt, dass die StAW MD gar keinen Anfangsverdacht fand und alles gut sei. Warum? Dass Stiefvater Jörg S., ehem. Revierleiter von Dessau und Polizeioberrat, sich gar nichts dabei dachte, die Wohnung des nun Verurteilten nach dem Mord zu räumen, also in dem Haus, neben dem die Leiche gefunden wurde, ist und bleibt unglaubwürdig. Und dass die Mutter nach 49 Telefonaten nach dem Mord mit ihrem Sohn keinen Verdacht geschöpft habe, auch.

04.08.2017 16:02 Beobachter 21

@Jürgen: Für Ihre Frage brauchen Sie nicht die DDR bemühen: Der Haupttäter geht in Revision, weil er nach einer Verurteilung zu lebenslänglich mit besonderer Schwere der Schuld nichts mehr zu verlieren hat. Ein höheres Strafmaß gibt es nicht in Deutschland, es kann für ihn also nur besser werden. Moralisch, menschlich oder gar einsichtig ist das natürlich alles nicht, aber haben Sie bei einem gefühlskalten Psychopathen solche Charakterzüge erwartet?

04.08.2017 15:31 Fragender Rentner 20

Zitat von Oben: Lebenslang für den Haupttäter

Wie MDR auf meine Nr.2 antwortete kann er nach 15 Jahren wieder raus kommen.

Wie der MDR noch schreibt, benötigte die Richterin solange um die Schwere der Schuld heraus zu finden.

04.08.2017 15:13 Mandy 19

Zum Thema Eltern von Sebastian F. , es sind beide Polizisten ( auch der biologische Vater) der ebenfalls im gleichen Polizeirevier arbeitet wie Mutter und Stiefvater!!! Also war die Aussage durchaus richtig im Bericht.

04.08.2017 14:46 Frederic 18

Lebenslang besagt; nach 15Jahren ist der frei. Lebenslang ist aber, solange er lebt, bleit der einge- sperrt. Was diese Mutter, Polizisten, sich vor Gericht geleistet hat ist unverständlich. Gut - eine Mutter ist für IHR Kind - aber IHR Sohn, ist wie das Gericht sagt, ein Mörder. Fakt; die Mutter, wie auch der Stiefvater haben in der Erziehung versagt. Es könnte auch gesagt werden, so könnten die auch, - i Ihrem Beruf versagen --

04.08.2017 14:10 Dessauerin 17

Zweimal lebenslänglich für Beide wäre noch zu wenig. Unglaublich das man hier noch in Revision geht....Steuergelder werden sinnlos verschwendet. ... der arbeitsame Bürger wird zur Kasse gebeten...von Rechtssprechung weit entfernt. ...war ja leider nicht anders zu erwarten. Das Mitgefühl gehört den Eltern des Opfers .

ANMERKUNG MDR SACHSEN-ANHALT:

Wieso ist das Urteil Ihrer Meinung nach von Rechtssprechung weit entfernt? Können Sie diesen Vorwurf begründen?