Scherben verschiedener Trinkbecher aus Ton liegen am 16.12.2016 am Rande einer Grabung im Schlosshof von Lutherstadt Wittenberg (Sachsen-Anhalt).
Bei Grabungen auf dem Schlosshof in Wittenberg haben Archäologen Dutzende alte Scherben gefunden. Sie stammen vermutlich von Trinkgelagen. Bildrechte: dpa

Schlosshof in Wittenberg Archäologen entdecken Überreste 500 Jahre alter Trinkbecher

Wie haben Herrscher vor mehr als 500 Jahren in der Lutherstadt Wittenberg gelebt? Darüber gibt jetzt ein Fund von Archäologen Aufschluss. Auf dem Schlosshof haben sie Überreste von mehr als fünf Jahrhunderte alten Trinkbechern gefunden. Allerhöchstens einmal seien diese Becher genutzt worden, ist Grabungsleiter Holger Rode überzeugt – und zieht den Vergleich zum Umgang mit Pappbechern heutzutage.

Scherben verschiedener Trinkbecher aus Ton liegen am 16.12.2016 am Rande einer Grabung im Schlosshof von Lutherstadt Wittenberg (Sachsen-Anhalt).
Bei Grabungen auf dem Schlosshof in Wittenberg haben Archäologen Dutzende alte Scherben gefunden. Sie stammen vermutlich von Trinkgelagen. Bildrechte: dpa

Ein Sommertag vor über 500 Jahren. Im Schlosshof in Wittenberg sind lange Tische aufgebaut. Der Duft von Hirschbraten liegt in der Luft. Die Leute trinken und trinken. Sind ihre Becher leer, werfen sie die Trinkgefäße auf den Boden – sie zerschellen auf dem Schlosshofpflaster. Diener reichen neue Becher, gefüllt mit Wein. So jedenfalls stellen sich Archäologen das Treiben auf dem Schlosshof in Wittenberg vor, wo sie nun einen reichen Fund gemacht haben.

"Wir haben ganze Schichten mit Bechern gefunden und auch Tierknochen, die haben sehr viel Wild, meist Hirsch, gegessen", sagt Grabungsleiter Holger Rode. "Die Feiern haben hier im Schlosshof, im Sommer, stattgefunden. Die Becher wurden dann einfach weggeworfen. Das ist vergleichbar mit dem heutigen Umgang mit Pappbechern."

Becher nur einmal benutzt

Reste verschiedener Trinkbecher aus Ton stehen am 16.12.2016 am Rande einer Grabung im Schlosshof von Lutherstadt Wittenberg (Sachsen-Anhalt).
Bei Grabungen in Wittenberg wurden mehrere hunderte Jahre alte Reste von Trinkbechern gefunden. Bildrechte: dpa

Die Trinkbecher stammen aus dem 15. Jahrhundert. Etliche sind mit Rollstempelmustern, manche mit Maskenauflagen verziert. Andere haben wiederum eine glatte Oberfläche. Die Farbe der Tonbecher variiert zwischen grünlich, grau bis rotbraun. "Dass sie nur einmal benutzt wurden, das sieht man. Von Seiten der Herrschaft wurde dies bewusst gewollt, um zu zeigen, was man sich leisten kann", sagt Rode.

Diese Becher kommen nur im Schloss vor, kaum in der sonstigen Stadt. "Das war auf diese Gelage beschränkt und dafür wurden die Becher auch hergestellt", sagt Rode. "Gefeiert haben alle Adelsgeschlechter, die Askanier bis 1422, danach die Wettiner, die haben das alle so mit den Bechern gemacht."

Grabungen seit November 2016

Im Wittenberger Schlosshof wird seit Anfang November gegraben, bevor eine Abwasserleitung gelegt wird. "Was wir nachweisen können, ist die Ringmauer, die das gesamte Areal umgab", sagt Rode. "Ebenso fanden wir Reste der Hofpflasterung der askanischen Burg. Aber das Problem ist, dass uns immer noch typische Mauerwerke fehlen, wie ein Turmgrundriss."

Der Wettiner Friedrich der Weise (1463-1525) begann auf dem askanischen Burggelände um 1480 mit dem Bau seines Schlosses und der Kirche. Von der außergewöhnlichen Ausstattung des Schlosses zeugen jetzt gefundene farbige Ofenkacheln. "Sie gehören zu den wenigen erhaltenen Stücken, die die Erstausstattung des kurfürstlichen Schlosses repräsentieren", sagt der Archäologe.

"Unfassbar teure Öfen"

Zu sehen sind farbige Ofenkacheln mit weltlichen und biblischen Motiven. Einen baugleichen Ofen wie Friedrich der Weise hatte auch Luther. "Derartige Öfen waren aufgrund der mehrfarbigen Kacheln unfassbar teuer. Luther konnte den Ofen nur von einem Herrscher oder Kardinal geschenkt bekommen haben", sagt Landesarchäologe Harald Meller.

Archäologe Holger Rode sortiert gefundene Ofenkacheln bei einer Grabung am 16.12.2016 im Schlosshof von Lutherstadt Wittenberg (Sachsen-Anhalt).
Archäologe Holger Rode und seine Kollegen suchen seit November nach historischen Zeugnissen in der Lutherstadt Wittenberg. Bildrechte: dpa

Bei der Grabung kamen auch einzigartige bunte Bodenfliesen aus dem Schloss zutage. "Das ist sehr selten in Europa", sagt Rode. Die Glasur hat sich abgelöst, das sei wahrscheinlich auch der Grund, dass sie schon nach wenigen Jahren bei Umbauarbeiten als Bauschutt aus dem Fenster geworfen worden seien.

"Die Glasur war einfach nicht für eine Laufoberfläche geschaffen. Außerdem sind die Fliesen natürlich auch dem Zeitgeschmack unterworfen. Wahrscheinlich war es nicht besonders schlimm, sie nach wenigen Jahren durch einen moderneren Bodenbelag zu ersetzen", sagt Rode und meint: "Die Fürsten mussten ja mit der Zeit gehen. Sie konnten nicht mit altem Zeug repräsentieren."

Recherchen von Thomas Schöne (dpa)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | Regional Dessau |
09.01.2017 | 08:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Januar 2017, 09:58 Uhr

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1 Kommentar

09.01.2017 14:34 Morchelchen 1

Man fragt sich, ob unsere Scherben in etlichen Jahrzehnten ebenfalls so eine Euphorie auslösen werden? Ob sich dann überhaupt noch Menschen damit beschäftigen werden, mit so einem Vergnügen in der Erde herum zu buddeln, um die Abfallgruben durchzugraben?