Botschafterin in Wittenberg "Wenn's hier Quietsche-Entchen gibt – von mir aus"

Wer in diesen Tagen nach Wittenberg kommt, erkennt die Stadt kaum wieder – vor allem, wenn er länger nicht hier war. Stimmen- und Sprachengewirr in den herausgeputzten Straßen und Gassen, bei Sonnenschein volle Straßencafés und Selfie-Alarm vor den Luther-Welterbestätten und dann noch diese Weltausstellung. Gemeinsam mit Margot Käßmann als Botschafterin des Reformationsjubiläums hat MDR-Studioleiterin Dagmar Röse für einen Tag Wittenberg erobert – mit einer Rikscha- und einer Riesenradfahrt.

von Dagmar Röse, MDR SACHSEN-ANHALT

Punkt 10 Uhr kommt Margot Käßmann aus dem Lutherhotel, sorgfältig zurechtgemacht, energisch, freundlich. Ich stelle ihr Rikscha-Uwe vor. Der Wittenberger hat sich vor Jahren mit seiner Rikscha selbstständig gemacht. Heute soll er uns durch Wittenberg radeln. Käßmann trägt ein kurzes Kleid, ist gut aufgelegt, lässt sich auf die Rikscha-Tour ein.

Ein Segen vom Roboter

Wir einigen uns darauf, den Ausflug mit einem Segen zu beginnen. Rikscha-Uwe hält auf unseren Wunsch hin beim Segensroboter. Der steht mitten in der Weltausstellung, im so genannten Torraum "Globalisierung", was nichts anderes ist als ein Themenbereich dieser Schau unter freiem Himmel. Der Segensroboter gehört zu den eher populäreren Stücken der Weltausstellung. Hier herrscht schon morgens um 10 Uhr Betrieb. Kinder einer Wittenberger Kindertagesstätte umringen das digitale Segensgerät. Dann sind wir dran. Margot Käßmann drückt routiniert die richtigen Knöpfe, der Roboter hebt die Arme, um uns zu segnen. Wir reden über Sinn und Unsinn dieser Art von Segen. Ich merke, dass sie hier schon öfter war.

Also am Anfang dachte ich, das ist voll bescheuert. Aber inzwischen erlebe ich, dass die Menschen anfangen zu diskutieren: Was ist das? Segen? Und kann ich mich von einem Computer segnen lassen? Also für mich ist es schon der Mensch, der segnet. Aber trotzdem finde ich den Roboter interessant.

Margot Käßmann über den Segens-Roboter

Margot Käßmann im Interview mit dem MDR
Käßmann ist seit sechs Jahren Reformationsbotschafterin. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wiedersehen in Wittenberg

Das erste Erinnerungsfoto mit Margot Käßmann ist fällig. Eine Dame aus Hessen bittet darum. Und das wird den ganzen Tag noch so weitergehen. Margot Käßmann grüßt nach links, winkt nach rechts, wird erkannt, angesprochen.

Ich bin ja ganz viel durch Deutschland gefahren, zu den Partnerkirchen, habe Vorträge gehalten in Gemeinden und sonstwas. Und da habe ich immer gesagt zum Schluss: Ich bin jetzt zu ihnen gefahren nach Bottrop, Dortmund, in den Bayrischen Wald oder was weiß ich, und jetzt erwarte ich, dass Sie nach Wittenberg kommen und da sehen wir uns. Und jetzt kommen ganz oft Leute und rufen: Frau Käßmann, wir sind gekommen, sehnse!

Eine Botschaft aus der "Telefonzelle"

Anschließend stehen wir vor einem schwarzen Kasten. Containergroß, begehbar. Mitten im gepflegten Grün einer Wittenberger Parkanlage. Im Torraum "Gerechtigkeit". Margot Käßmann nennt ihn "ihren" Lieblingspavillon. Nur: Er ist noch geschlossen, obwohl 10 Uhr längst vorbei ist. Käßmann hängt sich an ihr Handy, ruft irgendwen von den Organisatoren der Weltausstellung an und Augenblicke später biegt ein junger Mann um die Ecke, öffnet die Türen zum schwarzen Kasten und knipst Licht und Ton an. Deckenhoch sind hier Schuhputzerkisten gestapelt von den Listros, den Schuhputzerjungen aus Äthiopien. Ihre anrührenden Geschichten erzählt uns die Stimme vom Tonband.

Unsere eigene Botschaft an die Welt ist ein paar Meter entfernt in einer Art Telefonzelle gefragt. Ein roter Knopf ist zu drücken. Der Mann, der uns mit pastoralem Duktus vom Computer begrüßt und ermuntert, lispelt. Ich muss schmunzeln. Margot Käßmann hat ihre Botschaft für die Welt auf Knopfdruck parat:

Zwei Frauen (eine mit MDR-Mikrofon in der Hand) schauen auf einen Display, der in einem Holzkasten eingebaut ist.
In der sprechenden Telefonzelle. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich heiße Margot und komme aus Berlin. Ich wünsche der Welt mehr Gerechtigkeit und Frieden und dass wir die Schöpfung bewahren können.

Dann albern wir ein bißchen herum über rote Knöpfe, die Länge von Botschaften an die Welt und Donald Trumps Twittergebaren. Auch das ist Margot Käßmann, die Botschafterin von (fast) allem, was die Welt in diesem Jahr von Wittenberg haben und erfahren soll. 

Humor gehört dazu – und der Regenschirm auch

Martin Luther hat gesagt: 'Das Evangelium kann man nur mit Humor predigen'. Und ich finde, ein bisschen Humor gehört auch dazu. Ich hab' mich auch nie aufregen können über die Playmobil-Luthers. Ich find' das toll, und es zeigt doch: Luther ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.... und wenn's hier Quietsche-Entchen gibt und Lutherwein und Lutherbier und Lutherwürstchen – von mir aus.

Vermutlich geben wir ein seltsames Bild ab, wie wir da so zu zweit unter einem transparenten Regenschirm den Parkweg entlanglaufen. Aus der Kuppel des Schirmes tropfen aus einem kleinen Lautsprecher Gedanken von Wittenbergern über das Leben und das Sterben. Eine spezielle Erfahrung an diesem sonnigen Tag in Wittenberg. Und es gehört zur Weltausstellung.

Der Sockel für die Menschen

Margot Käßmann ist in ihrem Botschafter-Element. Zum Schwanenteich müssten wir noch, wo ein Flüchtlingsboot liegt, das uns daran erinnern soll, dass jeder Flüchtling ein Botschafter des Elends in seinem Land ist. Und auf den Bibelturm, 27 Meter und 162 Stufen hoch, direkt beim Bahnhof.

Erstmal aber kurvt uns Rikscha-Uwe durch die Innenstadt am Markt vorbei, wo die Herren Luther und Melanchthon auf Sockeln stehen und ein dritter Sockel jetzt – während der Weltausstellung – auf Menschen wartet, die nicht anders können, als darauf zu klettern und fürs Foto zu posieren. Und wenn sie, Margot Käßmann, dort oben stünde und nicht anders könnte, was würde sie der Menschheit zu sagen haben?   

Na, ich würde mich hinstellen und die jungen Leute ermuntern, Kinder zu kriegen. Wenn ich auf mein Leben zurückgucke, denke ich, dass das das Wichtigste war. Also vier Kinder zu haben, ist ein großes Glück. ... Und ich erlebe doch, wie die jungen Leute heute hin- und herüberlegen: Wann ist der richtige Zeitpunkt? Und passt das? Was kostet das? Wie kriegen wir das hin? Dann möchte ich einfach sagen: 'Kriegt einfach die Kinder! Irgendwie schafft ihr das schon!'

Seelsorge zwischen Himmel und Erde

Dann setzt uns Rikscha-Uwe beim Riesenrad ab. Bayrischer Biergarten. Teil der Ausstellungsfläche der Bayrischen Landeskirche mit der längsten Krippe der Welt im Torraum "Ökumene". Donnerstagabend geht hier immer die Luzie ab, wenn DJ Scholle auflegt. Tagsüber ist es hier eher beschaulich. Dann dreht das Riesenrad seine Runden zur Münchner Freiheit oder Udo Jürgens' "Griechischem Wein". Margot Käßmann findet gut, dass das Riesenrad die Weltausstellung bereichert.

Es ist ja so, dass die Schaustellerseelsorge die Idee dazu hatte. Wer hier Seelsorge braucht, kann umsonst mitfahren und es fährt'n Pfarrer, 'ne Pfarrerin mit. Es ist immer jemand hier, den du bitten kannst, mit dir zu fahren. Und einer sagte auch: Manche möchten hier über ihr Eheproblem sprechen. Das ist hier ganz anonym, keiner kennt dich. Keiner weiß, woher du kommst. Und du kannst dein Herz ausschütten zwischen Himmel und Erde. Das finde ich gut.

Zwei Frauen sitzen in der Gondel eines Riesenrads und führen ein Interview.
Auf dem "Seelsorge-Riesenrad" kann man zwischen Himmel und Erde sein Herz ausschütten – oder Interviews führen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Margot Käßmann genießt es ein bisschen, in Wittenberg inzwischen so eine Art "bunter Hund" zu sein. Sie hat ein Zimmer im Lutherhotel, kennt nicht nur den Portier, auch den Chef der Wittenberger Feuerwehr, ist mit dem Oberbürgermeister per du und vielen anderen auch. Jedem Wunsch nach einem gemeinsamen Foto begegnet sie geduldig und freundlich. Und scheint aber auch gelegentlich überrascht. Beispiel: Als die junge Gärtnerin mit entwaffnendem Lachen aus einer Grünanlage beim Schwanenteich springt und ihr zuruft, dass "ihre Schwester vor Neid platzen würde, wenn sie ihr erzähle, dass sie Margot Käßmann getroffen habe".

Italienisches Flair in Wittenberg

Wenn wir allein in der Rikscha sitzen und vor uns nur Rikscha-Uwe strampelt und die Wittenberger Welt vorbei zieht, ist sie ein bisschen mehr Margot als Reformations-Botschafterin Käßmann. Dann kommen wir aufs Mutter- und Großmuttersein zu sprechen, auf Lippenstifte und Damentaschen, die Sehnsucht nach Stille und "Bei-sich-Sein", die sie so gern auf Usedom stillt. Dann gerät sie ins Schwärmen. Und sie schwärmt von Wittenberg und davon, was dieses Jahr 2017 mit dieser kleinen Stadt und ihren Menschen gemacht hat – und noch macht.

Ich finde, Wittenberg ist sehr passend für die Weltausstellung. Ich meine, es geht ja schließlich um Wittenberg. Und dann muss man sagen: Hier merkt man wenigstens was davon. Wenn ein Kirchentag in Berlin stattfindet, dann merkt man das nur teilweise. Berlin ist eh groß und so voll. Und wenn sie das jetzt hier sehen, dann hat das fast so'n Flair von In-Italien-Sitzen. Es ist Sommer, es ist schön, du isst 'n Eis, sitzt draußen ....also Wittenberg hat sich unwahrscheinlich entwickelt und was mir auch große Freude macht: Es ist so weltoffen.

Dabei findet sie, wie ich, dass bei den Besucherzahlen der Weltausstellung noch Luft nach oben ist. Gemeinsam aber kommen wir am Ende unserer Tour zu dem Schluss, dass es langsam wird. So etwa nach dem Prinzip des Schneeballs, der größer wird, je länger man ihn rollt. Margot Käßmann – zu diesem Schluss komme ich – rollt mit Hingabe.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE| 06.08.2017 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/cw,mg

Zuletzt aktualisiert: 06. August 2017, 17:18 Uhr

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7 Kommentare

08.08.2017 15:06 von Pappe 7

Also immer wieder das gleiche von den gleiche Leuten. Total unqualifiziertes durch die Scheiße ziehen egal um wen es sich handelt. Die Person muss nur eine Position in der Gesellschaft haben.
Frau Käßmann war Bischöfin. Und als solch eine sehr glaubwürdige Persönlichkeit. Sie hat einen Fehler gemacht. Sie war damals selbst erschrocken über ihre Fehleinschätzung. Sie hat aber damals sofort erkannt das dieses eine Bischöfin nicht passieren darf und ist zurückgetreten. Es ist nun mal so das auch glaubwürdige Persönlichkeiten Fehler machen können. Der Unterschied liegt aber in den Konsequenzen die gezogen werden.

08.08.2017 08:46 Bernd 6

@Horst, ja es gibt auch andere Sachen die dann Leuten zu Last gelegt werden obwohl sie eventuell zu Zeiten des Ereignesses noch gar nicht gelebt haben.
Ich kann verstehen dass man die Kirche nicht mag / braucht. Ich selbst kann aber akzeptieren wenn jeman das anders sieht. Und nicht zu vergessen, in der DDR waren Leute die in der Kirche abtiv waren auch aktiv an der friedlichen Revolution beteiligt, so auch welche aus Wittenberg. Allerdings waren es nicht alle, die spaeter vorgaben beteiligt gewesen zu sein.

07.08.2017 16:06 Horst 5

07.08.2017 13:12 Bernd

" Also man muss nicht gut finden was da vor 5 Jahren passiert ist aber irgendwo sollte es auch mal gut sein. "

Ach' was. Warum sollte etwas nach nur fünf Jahren "mal gut" sein, wenn man beinahe täglich an den WW2 erninnert wird? In diesem Fall, wird dieses "herrliche" Land wohl immer das Büsserhemd anhaben, bzw. sich permanent selbst anziehen!

Die Kirche, egal welche, ist so verlogen wie die damalige SED und die heutige Politik!

07.08.2017 14:30 Barbara 4

was sagt diese den zu der neuen Ehe wo diese ja selber 4 Kinder hat, würde mich interessieren und
übrigens zu ihrem Satz mehr Gerechtigkeit gibt es s. Jahren nicht mehr, kann sie voll und ganz vergessen
übrigens war die Kirche noch nie gerecht sondern
nur Geld und Macht besessen , es sind ja auch viele deswegen ausgetreten. Die Kirche sollte sich zurück halten was die Asylanten anbetrifft.

07.08.2017 13:12 Bernd 3

@Baldur, könnten Sie mir bitte mal mitteilen aus welchem Deutschland Sie kommen. Denn sehe ich den täglichen Verkehr in dem Deutschland in dem ich lebe haben da nicht nur eine Dame irgendwelche Probleme mit irgendwas, ob es nun Geschwindigkeitsbegrenzungen, Ampelfarben, durchgezogene Linien etc. sind. Also man muss nicht gut finden was da vor 5 Jahren passiert ist aber irgendwo sollte es auch mal gut sein.
Ansonsten habe ich schon geschrieben, MK wäre nicht meine erste Wahl beim Lutherbotschafter, ich hätte da einen regionalen Bezug gewünscht. Aber nun ist sie es und auch meiner Sicht ist sie in der Rolle sehr aktiv. Ansonsten muss man Wittenberg zweiteilig sehen, die Lutherstädten haben riesigen Zuspruch, die Weltausstellung weniger. Und ich selbst Frage mich was da die Installationen in einem bis dato schönen Park so sollen. Kein Wunder dass diese nicht so den Zuspruch bekommen.

07.08.2017 07:33 Zahnkranz 2

@1 ja genau diese Frau, eine sehr glaubwürdige Instanz. Aber schön das die Menschen im Osten so aufgeklärt sind und der Verlutherung widerstanden, mit den Füssen abgestimmt haben und beim Kirchentag gezeigt haben was sie von ihr halten.

06.08.2017 20:34 Baldur von Ascanien 1

War nicht die Frau Käßmann, die Dame mit dem Alkoholproblem beim Autofahren? Scheinbar hebt dies den Medienwert.


ANMERKUNG MDR SACHSEN-ANHALT:

Margot Käßmann ist Botschafterin des Reformationsjahrs. So eine Position hebt den Medienwert.