Auslandsspionage Der DDR-Supergeheimdienst aus Dessau

Während der friedlichen Revolution der DDR konzentrierten sich die Bürgerrechtler auf die Auflösung der Stasi. Der militärische Geheimdienst der Nationalen Volksarmee (Mil-ND) blieb weitgehend unbehelligt. Dieser Geheimdienst war eine Art Supergeheimdienst der DDR, die NSA des Ostens. Er hatte eines seiner Hauptquartiere in Dessau. Eine Spurensuche.

von Peter Simank und Anja Schlender, MDR SACHSEN-ANHALT

Das Junkershochhaus in Dessau sieht aus wie ein typischer DDR-Plattenbau. Braune Kacheln zieren die Fassade. Ein eintöniges Fenstermeer auf sieben Etagen. Hier hat das Landesverwaltungsamt seinen Sitz.

Bis 1989 war dieser Plattenbau allerdings von großer Bedeutung für die DDR. Hier war eines der Hauptquartiere des militärischen Nachrichtendienstes der Nationalen Volksarmee Mil-ND – zuständig für die Auslandsspionage.

Die NSA der DDR

Ein Mann sitzt an einem Funkgerät
Auslandsspionage war die Mission des Mil-ND. (nachgestellte Szene) Bildrechte: Stefan Simank/MDR

Dieser Geheimdienst war eine Art Supergeheimdienst der DDR, die NSA des Ostens. Von hier aus wurde der Funkverkehr der feindlichen Länder ausgespäht.

Mit einer Reichweite von mehr als 1.000 Kilometern überwachten die Funkaufklärer den Nord- und Ostseeraum, insbesondere die Funkverbindungen der Bundeswehr und der in Westdeutschland stationierten US-Streitkräfte.

Riesige Datenmengen an Funk- und Faxverbindungen wurden von Dessau aus abgefangen, gespeichert und ausgewertet. Selbst bei den Telefonaten des US-Präsidenten in der Air-Force-One lauschte die DDR mit. Und auch das Abhören des Kanzlertelefons der BRD war technisch ein Kinderspiel.

Hunderte Aufklärungstechniker

Beim Mil-ND in Dessau arbeiteten knapp 1.000 hochspezialisierte Mitarbeiter. Peter Blümer war einer der Techniker. Er erzählt: "An der Wand standen riesige Verteilerschränke. Außerdem gab es Antennenverteiler und -verstärker für die Aufklärungsarbeitsplätze." Ab der vierten Etage sei alles mit Gittertüren gesichert gewesen. "Da kamen dann nur noch Leute durch, die den entsprechenden Code kannten", so Blümer.

Ein Mann steht vor einem Parabolspiegel
Peter Blümer war Techniker beim Mil-ND. Bildrechte: MDR/Stefan Simank

Das für den Funk nötige Antennenfeld stand in Scheuder, in der Nähe von Dessau. Heute sieht das Gelände unspektakulär aus, damals war es allerdings eine Hochsicherheitszone. Seit 1981 gab es hier ein Antennenfeld so groß wie 15 Fußballfelder. Völlig abgeschirmt von der Außenwelt, sogar mit eigener Strom- und Wasserversorgung.

"Wachposten hatten wir keine, wir hatten ja eine Hochspannungs-Sicherungsanlage um das Objekt", erzählt Blümer. Heißt: drei Zäune, ein äußerer Maschendraht-Schutzzaun, ein spannungsführender Zaun und nach innen noch einmal ein Schutzzaun.

Militärische Balance zwischen Ost und West

Ein Mann sitzt vor einer Bücherwand
Prof. Thomas Wegener-Friis forscht zu dem militärischen Geheimdienst. Bildrechte: Stefan Simank/MDR

Der Geheimdienst-Experte Thomas Wegener-Friis ist Professor an der Syddansk Universitet im dänischen Odense und forscht über die DDR und zur Militär-und Geheimdienstgeschichte während des Kalten Krieges. Dabei fand er heraus, dass sich die DDR-Nachrichtendienstler weniger als Spione, sondern vielmehr als "Kundschafter des Friedens" gesehen hatten. Die Mitarbeiter hätten die Arbeit der ostdeutschen Auslandsspionage als Balance zwischen Ost und West in Zeiten des Kalten Krieges eingeordnet, so Friis.

"Ein junger Analytiker beim Nachrichtendienst der NVA wurde von vornherein darauf geschult, dass er mit den Werkzeugen des Marxismus-Leninismus die Welt besser sieht", sagt Friis. Dazu habe auch gehört, dass der Osten von einer hohen Aggressivität des Westens ausgegangen sei. Mit der Folge des Aufrüstens und Überwachens.

Das Ende kam 1990

Bis heute schweigen die eigentlichen Spione des Militärischen Nachrichtendienstes. Die Techniker wie Peter Blümer wurden 1990 aus dem Wehrdienst entlassen, die Technik verschrottet. Einen Großteil des ehemaligen Antennenfeldes samt Gebäuden in Scheuder nutzt mittlerweile ein Landwirt als Kuhstall.

Ein paar Geräte der Spionagetechnik hat Peter Blümer allerdings erhalten. Sie funktionieren immer noch – auf Amateurfunker-Niveau. Und auch der Parabolspiegel in Dessau hat überlebt. Auch er ist immer noch in Betrieb und funkt die Signale der Hobbyfunker.

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm: MDR Fernsehen | Der Osten - entdecke wo Du lebst | 12.09.2017 | 20:45 Uhr

Quelle: MDR/as

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2017, 17:53 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

43 Kommentare

14.09.2017 16:09 K. Morasch 43

Ich erlaube mir mal darauf hinzuweisen, dass ein Militärischer Nachrichtendienst eine Abteilung/Amt oder wie auch immer ist, was so gut wie jede Armee der Welt hat (auch die Bundeswehr). Dies im Falle der NVA nun wieder zu dramatisieren und implizit als besonders perfide herauszustellen ist einfach nur lächerlich. Und jedes Land hat seine Ideologie, egal wie sie sich nennt.

14.09.2017 09:57 Gert Alsleben 42

Die Rechere zum Beitrag war mehr als mangelhaft. Es wurden verschiedene Themen vermischt, die mit dem FuAR-2/ZFD nichts zu tun haben. Auch einen Historiker zu Wort kommen zulassen, ist ja nicht schlecht, scheinbar fehlen dem Historiker aber einige Kenntnisse über Publikationen die zu diesen Themen bereits nachweislich veröffentlicht wurden. Ich verweise nur auf Dr. Bodo Wegmann "Die Militäraufklärung der NVA".

14.09.2017 04:44 Franky 41

die Informationen sind in dieser Reportage außerhalb des seriösen Journalismus! Bei solchen Halbwahrheiten und reißerischen Überschriften kein Wunder !!! Immer schön die DDR so darstellen wie ihnen beliebt !!!

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT: Möchten Sie Ihre Kritik noch konkretisieren? Das würde uns weiterhelfen. Vielen Dank.

13.09.2017 21:44 Ex - Thüringerin 40

Wenn man einige Kommentare hier liest, hat man das Gefühl: sie ist wieder da - die "alte Garde" - war niemals wirklich weg - hat sich nur mal kurz den Staub von der Uniform geschüttelt - und im Hintergrund klingt leise das Tschekisten-Lied...

13.09.2017 20:21 Dirk Köhler 39

Ab wann ist der Film "Lauschangriff aus Dessau" in der mdr Mediathek zu sehen . Ich kann ihn dort nicht finden . Oder wird er im mdr-Fernsehen noch einmal wiederholt ?

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT: Der Beitrag sollte ab Freitag in der Mediathek sein.

13.09.2017 18:18 Betroffener 38

Der MDR sollte die Interessen der Ostdeutschen vertreten, nach diesem Beitrag hat er die Glaubwürdigkeit verloren.
Ich habe selbst fast 10 Jahre in Dessau, FuAR2 gedient, es war eine normale, regulere Dienststelle der NVA.
Keine Tarnung, keine spezielle, Sicherung des Objekts,
sogar die Aufklärer-Waffenfarbe "weiß" wurde getragen, - wie kann mann da von einer Geheimdienstzentrale reden?
Diese Art der Berichterstattung ist beschähmend!

Selbst die ehemaligen Mitarbeiter der BRD- Funkaufklärung legen Wert auf den Begriff "Aufklärung" und nicht Spionage!"

Diese Aufklärung, egal von welcher Seite, diente der Verhinderung eines Atomkriegs!

Mich würde nur der Auftraggeber des Beitrags interessieren.

Der MDR hat jedenfalls mein Vertrauen verspielt.

13.09.2017 18:13 Manfred B. 37

Eine Frage an die Redaktion:
Warum ist dieser Film in der Mediathek (immer noch) nicht abrufbar ??
Er ist auch nicht in der Rubrik "Der Osten - Entdecke wo du lebst" abrufbar, wo bisher alle anderen Filme der Reihe verfügbar sind.

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT: Ab Freitag sollten Sie den Beitrag in unserer Mediathek finden.

13.09.2017 17:53 RADUGA 36

Zusammengefasst: Eine sehr schlechte Sendung, schlecht und auf unterstem Niveau? Wer genehmigt so etwas? Und für so etwas werden Gebühren eingezogen!! Lieber MDR- bitte lasst von solchen Themen die Finger, das ist nicht die erste Sendung, bei der man die Ahnungslosigkeit zu Fachthemen spürt!

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT: Wollen Sie Ihre Kritik noch konkretisieren? Das würde uns weiterhelfen. Vielen Dank.

13.09.2017 15:41 entejens 35

@Ein Insider: "Faxverbindungen konnten gar nicht überwacht werden" - das ist schlichtweg falsch, denn die konnten aufgezeichnet und mittels entsprechender (sowjetischer) Technik rekonstruiert werden. So war es zumindest bei der Stasi.

13.09.2017 11:06 Peter Ragosch 34

Verwaltung Aufklärung der NVA = NSA?
Man merkt deutlich, dass die Macher der Sendung weder Ahnung zum Auftrag, zu den Arbeitsweisen, noch zum Anspruch eines militärischen Aufklärungsorgans haben, noch über Kontaktpartner verfügten, die ihnen das wertfrei u. richtig erläutert zu haben scheinen. Da ist zuerst der äußerst reißerische, aber völlig daneben liegende Titel der Sendung zu nennen. In der Masse geht es dann mit platten Schlußfolgerungen zu Auftrag u. Arbeitsergebnissen weiter. So wird das weder fachlich noch historisch eine bewertbare Sendung, die Sendung ist schlichtweg völliger Nonsens. Wenn man plakatiert liest, "die Spione schweigen" ist das schlichtweg unwahr. Vielleicht sollten sich Redakteur u. Macher solcher Sendungen in schwierigem Terrain, einfach mal vorher ein Buch zur Hand nehmen, "Kundschafter des Friedens" zum Beispiel.
Stattdessen bedient der mdr. die flachen Klischees von der Arbeit eines Nachrichtendienstes. Kein Wunder, dass viele Zeitzeugen einfach abwinken