Portrait von MDR-Reporterin Isabell Hartung
MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Isabell Hartung hat den Prozess in Dessau-Roßlau verfolgt und berichtet über ihre Erfahrungen. Bildrechte: MDR/Kan Nozawa

Mordprozess in Dessau "Bilder, die sich tief im Kopf einbrennen"

Im Prozess um den Mord an der Chinesin Yangjie Li in Dessau-Roßlau ist am Freitag das Urteil gesprochen worden. MDR-Reporterin Isabell Hartung hat alle der mehr als 30 Verhandlungstage begleitet. Hier schildert sie ihre ganz persönlichen Eindrücke aus dem Gerichtssaal.

von Isabell Hartung, MDR SACHSEN-ANHALT

Portrait von MDR-Reporterin Isabell Hartung
MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Isabell Hartung hat den Prozess in Dessau-Roßlau verfolgt und berichtet über ihre Erfahrungen. Bildrechte: MDR/Kan Nozawa

Immer wieder wurde ich in den vergangenen Monaten gefragt: Wie ist das für dich? Wie hältst du das aus? Diese Grausamkeiten, diese blutigen Details? Mit diesen beiden Menschen in einem Raum zu sitzen? Wie sind die so? Wie sehen sie aus? Reagieren die auch mal? Ich habe Freunden und Kollegen diese Fragen sehr oft beantwortet. Beiträge fürs Fernsehen gemacht, einem chinesischen Blogger ein Interview gegeben. Als Journalistin. Das hier aber sind meine persönlichen Eindrücke.

Der Beginn

Besonders im Kopf geblieben ist mir der Auftakt. Der Start, als es endlich losging. Wochenlang haben meine Kollegen und ich nahezu jeden Tag bei der Staatsanwaltschaft nachgefragt, wann die Anklageschrift fertig ist. Und wann der Prozess beginnen kann. Am 25. November 2016 war es soweit. Der Gerichtssaal brechend voll, 80 Zuschauer, Kamerateams, Fotografen, Blitzlichtgewitter.

Angeklagter wird 2016 von Justizbeamten in einen Saal des Landgerichtes in Dessau Roßlau geführt.
Sebastian F., Angeklagter Bildrechte: dpa

Dann öffnet sich die Tür und die beiden Angeklagten werden reingeführt, sie verstecken ihre Gesichter zunächst hinter Heftern. Kurze Zeit später sind Bild- und Tonaufnahmen nicht mehr erlaubt. Die Türen schließen sich und die beiden 21-Jährigen zeigen das erste Mal ihre Gesichter. Ich sehe Sebastian F., er ist viel größer und kräftiger, als ich vermutet hatte. Seine Augen wirken kalt. Vielleicht ist es aber auch die Tat, die ihm vorgeworfen wird, die mich so empfinden lässt. Ich sage mir, dass ich diesem Menschen niemals in die Augen sehen möchte. Ich denke, mit diesen Augen hat er Yangjie Li angesehen, bevor sie qualvoll und allein gestorben ist.

Darf ich so überhaupt denken? Darf ich, tue ich. Ich berichte neutral, das kann ich. Aber denken darf ich alles. Seine damalige Freundin Xenia I. wirkt dagegen ungefährlich. Unscheinbar, klein, ängstlich, zurückhaltend. Ich überlege, ob ich ihr auch geholfen hätte, wenn sie mich darum gebeten hätte. Ob ich mit ihr mitgegangen wäre.

Das Video

Das ist es, was mich wirklich verfolgt. Diese Bilder. Weil ich von Anfang an weiß, wie es ausgeht. Im Gerichtssaal wird das Video einer Überwachungskamera gezeigt. Eine junge Frau kommt angejoggt, weißes T-Shirt, schwarze Leggings, Kopfhörer in den Ohren. Ihr Zopf wippt beim Laufen hin und her. Es ist Yangjie Li. Dann tritt eine Frau auf die Straße. Yangjie Li bleibt stehen. Beide schauen immer wieder nach oben, eine Frau gestikuliert mit den Händen.

Die Szene dauert knapp eine Minute. Yangjie Li schaut nach hinten, zögert, geht einen Schritt nach vorn. Dreht sich wieder um. Ich denke die ganze Zeit, tu es nicht. Geh! Geh weg. Doch Yangjie Li verschwindet im Hauseingang. Immer und immer wieder wird der Moment im Gericht gezeigt. Es ist mucksmäuschenstill. Mir ist übel. Ich weiß, dass Yangjie Li in die Falle getappt ist. Es ist ihr Todesurteil. Die schwarz-weißen Aufnahmen brennen sich bei mir ein.

Das Justizzentrum in Dessau
Ort des Geschehens: Das Justizzentrum in Dessau-Roßlau mit dem Landgericht Bildrechte: MDR/André Damm

Die Ermittlungspannen

Immer wieder kommen Polizeibeamte in den Gerichtssaal und erzählen von den Ermittlungen. Was sie wann getan haben. Was sie wann überprüft haben. Welches Beweismittel sie wann und wo gefunden haben. Doch es gibt so viele Fragen, warum sie bestimmte Spuren und Beweise nicht gleich entdeckt haben.

Ich erinnere mich an einen Polizisten. Er sagt aus, dass er an dem Gerüst stand, vor dem die Leiche des Opfers gefunden wurde. Seinen Kollegen will er gesagt haben, dass sie das Gerüst untersuchen sollen. Auf die Frage, warum dann die 30 Zentimeter große Blutspur an einer Metallstrebe nicht gefunden wurde, antwortet er, dass die das dann wohl vergessen haben. Oh. Das hat er gerade wirklich gesagt.

Ein weiterer Punkt sind die Videoaufnahmen. Aus welchen Gründen auch immer wurden erst mal nur die Aufnahmen von zwei Kameras gesichert und mitgenommen. Auf denen war allerdings nicht der Moment drauf, als Yangjie Li angesprochen wird und das Tathaus in der Johannisstraße betritt. Die Nebenklage nennt es Ermittlungsversäumnisse. Für mich sind es Pannen. Pannen, die sich einreihen in einen Prozess, der eben nicht wie jeder andere ist. Allein, weil die Eltern des Hauptangeklagten Polizisten sind. Es gab einen Anfangsverdacht, dass sie in die Ermittlungen eingegriffen haben könnten. Er bestätigt sich am Ende nicht. Der Stiefvater ein ranghoher Beamter. Die Mutter schafft es, dem Prozess mit Attesten fernzubleiben. Das wirkt, als hätte sie etwas zu verbergen. Dabei hätte sie doch einfach sagen können, dass sie die Aussage verweigert. Es ist ihr gutes Recht. Aber es wirkt wie ein Theaterstück. Es gibt noch so viele offene Fragen.

Das Geständnis

Schweigen. Die ersten Wochen des Prozesses sind geprägt vom Schweigen der beiden Angeklagten. Wie kann man bei diesen Vorwürfen so ruhig bleiben? Vor allem, wenn man sieht, wie oft Xenia I. weint. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie so eiskalt ist, wie ihr Freund. Ich habe das Gefühl, dass sie irgendwann auspackt. Ich sollte Recht behalten. Am 16. Januar ist es soweit.

Angeklagte sitzt in einem Gerichtsaal und hält sich einen Aktenordner vor ihr Gesicht.
Xenia I., Angeklagte, sagte im Januar völlig überraschend aus. Bildrechte: dpa

Xenia I. wird an diesem Morgen in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Alles scheint wie immer. Doch ich entdecke einen Zettel in ihrer Hand. Ob sie was sagt? Wir Journalisten schauen uns fragend an. Tatsächlich. Die Pflichtverteidigerin kündigt völlig überraschend an, dass ihre Mandantin etwas sagen möchte. Xenia I. schildert ihr Martyrium. Sie weint, scheint kaum Luft zu bekommen. Sie tut mir in dem Moment leid. Wenn das stimmt, was sie sagt, hat sie Höllenqualen in ihrem jungen Leben durchlitten.

Ich frage mich, wie sie das alles über Jahre ertragen hat. Stundenlang und an zwei Prozesstagen spricht Xenia I., beantwortet auch einige Fragen der Staatsanwältin und der Richterin. Bis sie irgendwann keine Kraft mehr zu haben scheint. Oder keine Lust. Es sind ihre letzten Worte bis zum Ende des Prozesses. Wieder schweigen beide. Und es gibt noch so viele offene Fragen.

Das Ende

Es gibt Menschen, die saßen seit November an jedem Verhandlungstag im Publikum. Privatpersonen, niemand von der Presse, so wie ich. Sie interessieren sich für die Details. Alles erfährt man ja nicht aus der Presse. Sie wollen sich selbst ein Bild machen. Ich frage mich, ob sie auch von ihren Freunden und Kollegen gefragt werden, wie sie das aushalten.

Ich würde sagen, man gewöhnt sich daran. Es ist eine aufreibende Zeit. Aber ich kann auch abschalten. Jetzt geht der Prozess nach 36 Verhandlungstagen zu Ende. Was bleibt für mich? Das Bild von Yangjie Li, wie sie in der Toreinfahrt verschwindet. Ihr Weg in die Hölle. Es ist das Bild, was sich bei mir eingebrannt hat. Tu es nicht, Yangjie Li. Geh! Geh weg. Und es bleibt das Bild der beiden Angeklagten. Sebastian F. teilnahmslos, scheinbar völlig gefühlskalt, wie er dort sitzt. Warum hat er nicht ein einziges Wort gesagt? Nur ein kleines Wort der Reue. Und ich denke an die Kinder der beiden. Wie leben sie? Was wird aus ihnen?

Der Prozess ist fast zu Ende. Doch für mich bleiben Fragen. Fragen, die mir niemand beantworten wird.

Über die Autorin Isabell Hartung wurde in Erfurt geboren und hat in Magdeburg Marketing und Kommunikation studiert. Es folgte ein Volontariat bei der Landeswelle Thüringen. Von 2005 bis 2014 arbeitete sie bei Radio SAW. Seit 2014 ist Isabell Hartung bei MDR SACHSEN-ANHALT, vor allem in der Politikredaktion, tätig.

Mehr zum Thema:

ie Angeklagte Xenia I. wird am 04.08.2017 in Dessau-Roßlau in einen Saal des Landgerichts geführt.
Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 04.08.2017 | 08:00 Uhr
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 04.08.2017 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/ld

Zuletzt aktualisiert: 04. August 2017, 10:24 Uhr

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8 Kommentare

05.08.2017 19:41 Elke Hahne 8

Es ist für mich unfassbar, mit welcher Brutalität ein Mensch solche Handlungen ausüben kann. Wegsperren für immer. In seinem neuen Zuhause wird er seine Erfahrungen sammeln. Hoffentlich erfährt er nur Unangenehmes.

04.08.2017 22:56 Henning 7

"Geh! Geh weg." denkt sich die Autorin beim Anblick der Überwachungsvideos. Ich stelle mir vor, es wäre andersherum gewesen: Es wäre tatsächlich ein Notfall gewesen, Yangjie Li hätte wirklich jemanden retten können und wäre trotzdem weitergegangen. Ich male mir aus, wie die vereinigten Moralapostel hier im Kommentarbereich über die Chinesin hergezogen wären. Hinterher ist man immer schlauer.

04.08.2017 17:33 eiermeiner 6

Na es fällt langsam auf:

Die Propagandaschau | Der Watchblog für Desinformation und Propaganda in deutschen Medien.

"Zum Mordprozess Yangjie Li gibt es auf MDR.DE & der Mitteldeutsche Zeitung merkwürdige NSU-artige Beweisdarstellungen und jede Menge erlaubter Hasskommentare,"

ANMERKUNG MDR SACHSEN-ANHALT:

Wir halten uns an die Fakten und Hasskommentare werden von uns gelöscht. Wenn Sie uns kritisieren möchten, sehr gerne. Wir sind dafür offen. Aber dann üben Sie bitte konstruktive Kritik und sage konkret, was Sie stört.

04.08.2017 12:45 gwm 5

Na ,wenn das mal kein Stoff für ein Buch ist.

04.08.2017 10:18 tetyei jános 4

Aufnahmen nicht bereitstellen sind nur
pannen? nein! versuchung der vertuschung!

03.08.2017 00:09 Wie das Land, so die Exekutive 3

@03.08.2017 21:19 Antonia (2 Das haben Sie gut geschrieben! Dieses traurige Bild des Opfers - geh nicht, geh nicht - was wir als Kinder im Kasperle-Theater riefen. Nur das ist kein Kasperle, hier gehts um grausamen Mord und jede Menge Vertuschungen. Ich verstehe auch vieles nicht, am wenigsten die Mutter des Täters. Die vielen Pannen der Ermittler, die lächerlichen Entschuldigungen für die Pannen)

Viel, zu viel, an Versagen, Vertuschen und der in der Dessauer Exekutive offenbar latente Dilettantismus gehen auf das Land Sachsen-Anhalt und seine Zustände. Hier geraten die falschen Leute in Führungspositionen und hier sind kleinbürgerliche Subalternität, Gleichgültigkeit und die Unfähigkeit in Zusammenhängen zu denken, an der Tagesordnung. Wer aus einem anderen Bundesland hierher zieht, vor allem und besonders in die Provinz, reibt sich nur noch die Augen. Von "ihren Träumen" werden die verantworlichen Versager im Dienst ganz sicher nicht heimgesucht.

03.08.2017 21:19 Antonia 2

Das haben Sie gut geschrieben! Dieses traurige Bild des Opfers - geh nicht, geh nicht - was wir als Kinder im Kasperle-Theater riefen. Nur das ist kein Kasperle, hier gehts um grausamen Mord und jede Menge Vertuschungen. Ich verstehe auch vieles nicht, am wenigsten die Mutter des Täters. Die vielen Pannen der Ermittler, die lächerlichen Entschuldigungen für die Pannen - ich wünsche mir, dass die die sich mitschuldig gemacht haben, in ihren Träumen davon eingeholt werden.

03.08.2017 17:01 Juergen 1

Er hat sich durch seine Tat - egal in welcher JVA auch immer - in der Hierarchie ganz unten eingereiht.
Ich weiß von was ich rede! Er wird leiden. Ganz bestimmt sogar.
Muttersoehnchen von Polizisten :D
Möchte nicht in seiner Haut stecken...
Wir ernten was wir säen, nicht wahr?!!

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