Journalisten sehen 2013 ein Tatortvideo des Landeskriminalamtes zum Feuertod des Asylbewerbers Oury Jalloh.
Der Fall Oury Jalloh beschäftigt seit Jahren die Justiz. Immer noch ist unklar, wie er in einer Polizeizelle verbrennen konnten (Archivbild). Bildrechte: dpa

Feuertod in Polizeizelle Neue Ermittler im Fall Oury Jalloh

2005 ist der Asylbewerber Oury Jalloh in einem Polizeirevier bei einem Brand ums Leben gekommen. Seitdem versucht die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau den Fall zu klären. Nun hat die Zuständigkeit gewechselt. Neue Ermittler aus Halle sollen den Fall lösen.

Journalisten sehen 2013 ein Tatortvideo des Landeskriminalamtes zum Feuertod des Asylbewerbers Oury Jalloh.
Der Fall Oury Jalloh beschäftigt seit Jahren die Justiz. Immer noch ist unklar, wie er in einer Polizeizelle verbrennen konnten (Archivbild). Bildrechte: dpa

Der Asylbewerber Oury Jallo fand vor zwölf Jahren in einer Zelle im Polizeirevier Dessau den Tod. Wie es dazu kam, ist auch heute nicht restlos aufgeklärt. Jetzt sollen neue Ermittler die Frage klären, wie Jalloh mit gefesselten Händen auf einer feuerfesten Matratze verbrennen konnte. Bisher hat die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau an dem Fall gearbeitet. Nun wurde ihr die Zuständigkeit entzogen.

Der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Naumburg, Klaus Tewes, bestätigte MDR SACHSEN-ANHALT, dass das Verfahren der Staatsanwaltschaft Halle übertragen wurde. Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau sei wegen anderer Fälle wie dem Mord an der chinesischen Studentin zeitlich überfordert gewesen.

Politiker fordern Aufklärung

Der rechtspolitische Sprecher der Grünen im Landtag, Sebastian Striegel, sagte MDR SACHSEN-ANHALT, ein solcher Wechsel in der Zuständigkeit sei nicht alltäglich. Der Generalstaatsanwalt müsse sehr ernste Gründe haben, wenn er die Zuständigkeit auf eine andere Staatsanwaltschaft verlagere. Striegel zufolge ist Aufklärung in dem Fall dringend geboten.

Der Tod von Oury Jalloh ist jetzt zwölfeinhalb Jahre her und wir wissen bis heute nicht, was in dieser Polizeizelle in Dessau geschehen ist.

Sebastian Striegel

Der 36-jährige Oury Jalloh war im Januar 2005 in einer Zelle des Polizeireviers Dessau verbrannt. Er soll sich selbst angezündet haben, obwohl er gefesselt auf einer feuerfesten Matratze lag.

Rosen liegen am Hauptbahnhof in Dessau-Roßlau vor dem Bild von Oury Jalloh
Oury Jalloh starb 2005 (Archivbild). Bildrechte: dpa

2016 wurde ein neuer Versuch unternommen, zu klären, wie in der Zelle ein Feuer ausbrechen konnte. Doch auch ein Jahr nach dem Gutachten sind noch immer keine Ergebnisse veröffentlicht worden.

Dass es keine neuen Informationen gibt, kritisiert Striegel scharf: "Es war angekündigt worden, dass binnen acht Wochen die Ergebnisse vorgelegt werden sollten. Dann ist gesagt worden, im Frühjahr werde man irgendwann die Ergebnisse vorlegen. Bis heute haben wir von den Ergebnissen dieses Gutachtens nichts gehört. Es braucht aber dringlich Aufklärung." Striegel kündigte an, der Rechtsausschuss des Landtages werde sich mit dem Fall befassen.

Neue gutachterliche Bewertung

Zu welchen Ergebnissen das Brandgutachten gekommen ist, bleibt weiterhin unklar. Generalstaatsanwalt Klaus Tewes sagte MDR SACHSEN-ANHALT, es gebe kein einheitliches Ergebnis, die Experten seien zu unterschiedlichen Befunden gekommen.

Gutachten Brandversuch von 2016 soll Feuertod klären

2005 verbrannte der Asylbewerber Oury Jalloh in einer Zelle des Polizeireviers Dessau – mit gefesselten Händen auf einer feuerfesten Matratze. 2016 sollte ein Brandversuch klären, wie das passieren konnte.

Versuchspuppe in Zelle
Für den Versuch wurde die Zelle Nummer 5 aus dem Dessauer Polizeirevier unter Laborbedingungen am Institut für Brand- und Löschforschung in Dippoldiswalde nachgebaut. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Versuchspuppe in Zelle
Für den Versuch wurde die Zelle Nummer 5 aus dem Dessauer Polizeirevier unter Laborbedingungen am Institut für Brand- und Löschforschung in Dippoldiswalde nachgebaut. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Schweinefuß in Kleidung der Versuchspuppe
Für den Brandversuch wurde ein mit Fett und Teilen eines Schweinekadavers präparierter "Dummy" verwendet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Matratze mit Versuchspuppe von unten
Dem Gutachter gelang es, die Matratze in Brand zu stecken. Zeitablauf, Brandbild und Temperaturentwicklung wurden ausgewertet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Wie die Zeitung "Die Welt" berichtet, haben gutachterliche Bewertungen zu einem neuen Brandversuch Zweifel am bisher vermuteten Ablauf genährt. Die Zeitung beruft sich auf Justizkreise. Demnach ist unklar, ob der Mann aus Sierra Leone tatsächlich an den Folgen des Brandes gestorben sein kann. Das Blatt schreibt, sollte die neue Bewertung zutreffend sein, müsste ein Dritter die Matratze angezündet haben.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 16.08.2017 | 16:00 Uhr
MDR SACHSEN-ANHALT Heute | 16.08.2017 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/rj

Zuletzt aktualisiert: 17. August 2017, 10:40 Uhr

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73 Kommentare

19.08.2017 10:15 Hippiehooligan 73

@Kritischer Bürger
Das mag ja alles sein. Das Ist aber auch nur ein einziger Aspekt einer langen Fehlerkette. Wenn die Matratze kaputt war, war auch normalerweise jemand dafür verantwortlich den Schaden festzustellen uns zu beheben. In jedem Unternehmen gibt es solche Leute und für vieles kommt sogar der TÜV. Trotzdem erklärt all das aber noch nicht den Umgang mit der Brandmeldeanlage. Wenn ich die Verantwortung für jemanden hab und dann den Alarm ignoriere, ist das mindestens fahrlässige Tötung. Und das behaupte ich mal ganz fesch auch ohne Jurastudium...

19.08.2017 07:18 fläming 72

@71 Richtig! Und was die Roten Kämpfer dem Leben für einen Stellenwert zusprechen, sieht man bei den Steine- und Cocktailwerfern von Hamburgs Dächern in diesem Sommer. Im Übrigen, was unternehmen Sie gegen die viel zu vielen Toten auf deutschen Straßen? Sind diese Leben zu unpolitisch?

18.08.2017 19:13 red fighter 71

Ich will mich hier an der Diskussion der "Experten" nicht beteiligen. An diesem Fall ist eindeutig zu sehen, was ein Menschenleben in dieser Gesellschaft zählt!

18.08.2017 17:17 Kritischer Bürger 70

@Hippiehooligan 66: EIN GEGENSTAND und das kenne ich auch aus meiner Arbeit KANN oder IST außen herum feuerfest doch das "Innenleben" muss diese Anforderung nicht immer gerecht werden. Wenn ich an feuerfest verkleidete Tür (gerade bei Loks zu den Motorenraum) denke ist diese Tür innen auch aus einem anderen Material. Meine Arbeit beschränkte sich nicht nur auf Lokfahrer sondern auch in der Aufarbeitung von ua. Türen wie geschrieben. Bezugnehmend also hier auf den Artikel sind Beweise nur so gut wie sie nachgewiesen oder eben noch vorhanden waren oder sind! Es ist nicht die Frage wie oft eine Matratze genutzt wird um das die da Schäden "erleidet" sondern es ist die Zeitfrage WIE LANGE IST EIN SOLCHER GEGENSTAND SCHON IN BENUTZUNG!! Jahre, Jahrzehnte etc.? Nennt man allgemein: Zeitbedingte Abnutzungserscheinungen. Da ja überall gekürzt wurde, kann es nicht verwundern wenn hier ein naja sage ich mal =Museumsstück aus DDR= vorhanden gewesen sein könnte! Ausdrücklich für den MDR: KÖNNTE!

18.08.2017 15:57 fläming 69

@MDR zum Beispiel Beitrag @9 ich zitiere: "mutmaßliche Mörder in Uniform frei als "Freund und Helfer" frei herumlaufen"
Hier gilt solange die Unschuldsvermutung bis das Gegenteil erwiesen ist. Also ist trotz des Zusatzes "mutmaßlich" übelste Verleumdung festzustellen.

ANMERKUNG MDR SACHSEN-ANHALT:
Auch diesen Kommentar haben wir noch einmal geprüft. Verleumdung können wir hier nicht erkennen. Der Kommentar ist aus unserer Sicht genug eingeschränkt um nicht als unhaltbare Verallgemeinerung durchzugehen.

18.08.2017 15:43 Bernd 68

@MDR zu Beitrag 67, lesen Sie sich doch einfach Beitrag 49 durch da werden User ohne Sinn und Verstand als Nazis beschimpft / bezeichnet, es wird unterstellt dass sie sich ueber den Tod von OJ Freuen wuerden - wenn Sie hier keine Beleidigungen oder Verleumdungen sehen, dann wundert das schon sehr - aber man hilft ja gern.

ANMERKUNG MDR SACHSEN-ANHALT:
Danke für Ihren Hinweis. Wir haben den Kommentar erneut geprüft und im Rahmen der vorherigen Diskussion und unserer Netiquette keinen Verstoß festgestellt.

18.08.2017 14:46 fläming 67

@Hippiehooligan
wenn alles so einfach ist, warum geschehen auf Arbeit oder zum Beispiel im Straßenverkehr so oft Fehler?
Na vielleicht weil wir alle nicht unfehlbar sind.

Heute sollte jeder eher auf seinen Verstand und Bauchgefühl vertrauen, das ist ehrlicher als die gesamten Äusserungen von ideologisch festgelegten Meinungsmachern. Da spreche ich auch unseren MDR nicht frei. Meine Beiträge wurden nicht gebracht und dagegen lese ich hier schlimmste Verunglimpfungen.

ANMERKUNG MDR SACHSEN-ANHALT:
Können Sie Beispiele für diese Verunglimpfungen nennen?

18.08.2017 10:22 Hippiehooligan 66

@Kritischer Bürger
Die Frage mach der Durchführbarkeit einer leibesvisitation stellt sich für mich gar nicht. Da hat es eine ganze Gruppe ausgebildeter Polizisten mit einem einzigen gefesselten Mann zu tun. Wenn die mit dem nicht fertig werden, sind die in ihrem Job einfach mal falsch.
Selbst wenn so eine verwahrzelle nur unregelmäßig genutzt wird, muss die Funktionsfähigkeit regelmäßig geprüft werden. So einfach ist das. Wie kaputt kann denn eine selten genutzte Matratze überhaupt sein? Sollte das material nicht immer noch schwer entflammbar sein, wenn sie schon kaputt ist? Ich denke, da wird wieder mal herrlich vertuscht. Wenn man nämlich objektiv an die Sache ran geht, kann man eigentlich zu gar keinen anderen Schluss kommen als dem, dass da jemand gehörig versagt hat. Und wenn die RauchmelderAnlage 10 mal fehlalarm gibt muss ich, wenn ich weiß dass ich da Ben Gefangenen hab, eben auch beim 11. Mal nachschauen gehen. So einfach ist das...

18.08.2017 07:45 Bernd 65

Teil 2, weiterhin braucht ein Mord ein Motiv. Das sehe ich nicht. Und wenn ich danach frage wird man gleich (sinnfrei) in die rechte Ecke gestellt. @Kritischer Buerger - gute Kommentare nur Sie haben es erkannt, man hat sich politisch festgelegt und da wird jedes Argument mit Beleidigungen diskreditiert. Wen ich da loben muss ist Susan, sie versucht Argumente zu bringen. Sicher man muss nicht alles so sehen wie die Dame, aber das ist eben eine Diskussionsgrundlage. Uebrigens habe ich auch nichts gegen die Wiederaufnahme des Prozesses. Allerdings ich bezweifle dass andere Ergebnisse/Beweise erbracht werden koennen. Heisst uebrigensd nicht dass ich fuer die Polizisten meine Hand ins Feuer legen wuerde, aber eigentlich gilt in Deutschland die Unschuldsvermutung, heisst die Tat muesste den Polizisten zweifelsfrei nachgewiesen werden. Und dann dieses immer wieder auftauchende Dessau-Bashing. Das hat das Gros der Buerger dieser Stadt nicht verdient.

18.08.2017 07:33 Bernd 64

@60, bitte, bitte fangen Sie jetzt nicht auch noch mit sinnfreien Kommentaren an. Oder haben Sie einen Arbeitsvertrag unterschrieben, der IIhnen mitdenken verbietet? Wenn Sie Ihr Chef mit defektem Werkzeug losschickt sollten Sie selbst erkennen das es nicht geht. Im Fall liegt es anders OJ konnte sich die Matratze nicht aussuchen, aber wir wissen nicht ob sie vorher defekt war. Mit den Vorstrafen (ich kenne nur eine und diese war noch nicht rechtskraeftig) ist es etwas anders. Erstens ist die Frage haette das Gericht welches OJ verurteilte erkoennen muessen/koennen das OJ aktuell Probleme mit seinem Leben hatte? Zweitens sein Verhalten vor der Ingewahrsamnahme ist entscheidend, leitet es doch die von den Polizei zu treffenden Massnahmen ab. Heisst wer sich aggressiv bei der Festnahme verhaelt sollte sicht verwundert sein wenn er dann in der Zelle fixiert wird. Nur viele unterstellen den Polizisten eben Mord. Dieser setzt eine Toetungsabsicht, einen Plan voraus.