Auf einem Handy ist die Facebook-Seite des Vereins Reformationsjubilaeum 2017 zu sehen. Im Hintergrund ist eine Tür der Wittenberger Schlosskirche mit den 95 Thesen von Martin Luther.
Der Verein "Reformationsjubiläum 2017" setzt bei den sozialen Medien vor allem auf Facebook. Bildrechte: MDR/Kalina Bunk

Reformationsjubiläum und soziale Medien "Gott hört auch die Gebete, die ich twittere"

Die Vorbereitungen für das Kirchentags-Festwochenende Ende Mai in Wittenberg gehen auf den Endspurt zu. Über die einzelnen Schritte und Aktionen informiert der Verein "Reformationsjubiläum 2017" im Internet und nutzt dabei viele soziale Medien: Facebook, Twitter, Youtube, Tumblr oder auch Instagram. Den Gang in die Kirche kann das Internet nach Ansicht des Vereins aber nicht ersetzen. Warum, erklärt Marketing-Chef Christof Vetter im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT.

Auf einem Handy ist die Facebook-Seite des Vereins Reformationsjubilaeum 2017 zu sehen. Im Hintergrund ist eine Tür der Wittenberger Schlosskirche mit den 95 Thesen von Martin Luther.
Der Verein "Reformationsjubiläum 2017" setzt bei den sozialen Medien vor allem auf Facebook. Bildrechte: MDR/Kalina Bunk

MDR SACHSEN-ANHALT: Wie wichtig sind soziale Medien für die evangelische Kirche heutzutage?

Christof Vetter: Die evangelische Kirche war immer medienaffin und medienvorsichtig. Und in dieser Kombination betreibt sie das auch heute. Das Internet ist Mitte der Neunziger Jahre aufgekommen und es gab Kirchen, die dann ganz schnell mit dabei waren, etwa die Hannoversche oder die Württembergische Landeskirche. Mit den sozialen Medien tun sie sich ein bisschen schwerer. Das kann ich auch verstehen, weil die sozialen Medien nicht nur ihre Sonnenseiten haben, sondern auch Schattenseiten. Inzwischen gibt es viele Landeskirchen und Gemeinden, die einen Facebook-Auftritt haben […], aber manche tun sich eben noch schwer.

Auch eine ganze Reihe von Bischöfen ist bei Facebook aktiv, allen voran der Vorsitzende des Rates der EKD. Der Kirchentag selbst ist sehr facebookaffin und hat dort auch extrem viele Follower, das ist eine der erfolgreichsten kirchlichen Seiten bei Facebook.

Ersetzt das Internet vielleicht irgendwann den Gang in die Kirche?

Ein Mitarbeiter des Reformationsvereins sitzt an seinem Schreibtisch, um ihn herum liegen viele Unterlagen.
Christof Vetter kümmert sich im Reformationsverein um die Themen Social Media und Marketing. Er ist zudem Pastor. Bildrechte: MDR/Kalina Bunk

Nein. Die gleiche Debatte haben wir vor sechzig Jahren geführt, als der Fernseh-Gottesdienst eingeführt wurde. Auch da war die Antwort "nein" und die hat sich in den sechzig Jahren nicht verändert. Gottesdienste haben etwas mit Begegnung zu tun. Der große Jubiläums-Gottesdienst, den wir in Wittenberg auf der Wiese feiern, heißt "Von Angesicht zu Angesicht". Und das geht nur, wenn man sich in die Augen schaut. Deswegen brauchen wir Gottesdienste, die dadurch geschehen, dass wir einander in die Augen sehen, dass wir uns begegnen, spüren, fühlen, wahrnehmen und miteinander das Abendmahl teilen. Von daher habe ich da gar keine Befürchtungen, dass irgendwann mediale Gottesdienste die tatsächlichen Gottesdienste ersetzen können. Trotzdem haben mediale Gottesdienste ihren Sinn, weil es Menschen gibt, die sich – aus welchen Gründen auch immer – nicht dorthin bewegen können, wo andere miteinander feiern. Und dann können die wenigstens medial daran teilnehmen.

Das Geschehen im Gottesdienst hat sich in den letzten Jahrzehnten zudem erheblich verändert. Vor Jahrzehnten hat einer geredet, die Gemeinde hat gesungen und das war das Zusammenwirken. Inzwischen versuchen wir Pastoren ganz stark, die Gemeinden am Gottesdienst zu beteiligen. Da ist Twitter natürlich eine Chance. Ich bin davon überzeugt, dass der liebe Gott auch die Gebete hört, die ich twittere.

Also sehen Sie das Internet als Ergänzung?

Ja, das Internet ist eine ganz große Ergänzung, auch wenn man Predigten schreibt und Gottesdienste vorbereitet. Man kann Kollegen unkompliziert um Unterstützung bitten. Aber die gute Begegnung, dass ich meinen Nachbarn am Sonntag in der Kirche treffe, die wird kein Medium ersetzen – zumindest keines, das bislang erfunden wurde.

Das Thema Medien ist häufiger auch im Programm der "Kirchentage auf dem Weg" zu finden. Was erwartet die Besucher dort?

Mehrere Plakate hängen an einer Wand.
Auf der Internetseite des Reformationsvereins gibt es einen "Motiv-Generator", mit dem Nutzer ihre eigenen Plakate und Postkarten erstellen können. Das hier waren die ersten Ergebnisse. Bildrechte: MDR/Kalina Bunk

Veranstaltungen zum Thema Social Media sind vor allem in Magdeburg geplant, das hat einen historischen Hintergrund. Magdeburg war eines der Druckzentren in der Reformationszeit. Die Reformation hat ja auch deswegen so hohe Wellen geschlagen, weil ungefähr in dieser Zeit von Johannes Gutenberg die moderne Reform des Drucks auf den Weg gebracht wurde. Damals gab es zwar noch keine Tageszeitung, aber schon Flugblätter, von denen viele in Magdeburg gedruckt wurden. Deswegen geht es in Magdeburg nun um die modernen sozialen Medien. Das werden spannende Diskussionen – auch über die ethische Frage in sozialen Medien. Diese Frage müssen wir stellen und beantworten. Geplant ist zum Beispiel ein Twitter-Gottesdienst. Das ist ein Gottesdienst, der zeitgleich bei Twitter übertragen wird und man so daran teilnehmen kann. Keine neue Idee, aber jeder Versuch ist spannend.

Auch bei der "Weltausstellung Reformation" gibt es Ende August eine ganze Themenwoche, die sich mit Medien befasst.

Ich bin selbst gespannt darauf. In Wittenberg wird es über die gesamte Zeit der Weltausstellung auch ein Mediencafé geben, in dem die Medienunternehmen der evangelischen Kirche zum Gespräch einladen. Das wird eine ganz spannende Auseinandersetzung. Die Medienwelt erlebt gerade eine Veränderung, die in ihrer Tiefe und ihrer Veränderungskraft für die Welt dem Buchdruck gleichkommt. Und ich glaube nicht, dass man schon überblicken kann, wohin das Ganze führt, was für Verluste es durch Medien zum Beispiel auch gibt. Wir müssen miteinander herausfinden, wie eine Technik die Welt verändert und wie wir damit umgehen.

Noch kurz zum Thema Luther und Marketing: Es gibt ja inzwischen ganz viele Produkte, die rund um das Reformationsjubiläum verkauft werden. Zum Beispiel eine Luther-Tomate, eine Luther-Playmobilfigur und vieles mehr. Wie christlich ist solch eine Vermarktung?

Ich habe immer Schwierigkeiten damit, Marktprodukte als christlich oder nicht-christlich einzustufen. Bei manchen dieser Produkte, die es in dieser Begeisterung der Reformation gibt, muss ich lächeln. Luther kannte sicherlich keine Tomaten, die gab es damals in Europa noch nicht. Es gibt hier in Wittenberg zum Beispiel auch Luther-Nudeln. Wenn man überlegt, seit wann Nudeln in Europa verkauft werden, dann denkt man nicht, dass Luther schon Nudeln gegessen hat. Von daher ist das eher ein historisches Lächeln. Aber auch wir haben hier im Reformationsverein als Veranstalter unsere Marketingprodukte. [...] Für mich geht es darum: Ist das Handeln mit diesen Produkten ethisch in Ordnung? Werden da keine Menschen missbraucht, möglichst wenig Umwelt zerstört? Das sind Maßstäbe, die wir aus unserem christlichen Glauben heraus ethisch ansetzen müssen. Aber wenn jemand glaubt, dass eine Nudel besser schmeckt, weil "Luther-Nudel" auf der Verpackung steht… dann wünsche ich guten Appetit!

Quelle: kb