Streit um Bild an Stadtkirche Wittenberg Kirche will "Judensau"-Relief behalten

Wenn im kommenden Jahr das Reformationsjubiläum gefeiert wird, werden Menschen aus vielen Ländern nach Wittenberg kommen. Ein Londoner Theologe zieht mit einer Petition aber schon jetzt die Blicke auf Sachsen-Anhalt. Er fordert, dass ein umstrittenes Relief an der Außenfassade der Stadtkirche entfernt wird. Die mitteldeutsche evangelische Landesbischöfin Junkermann hingegen will das Spottbild nicht abmontieren lassen. Sie sieht darin ein "Erinnerungs- und Mahnzeichen".

Das als "Judensau" bezeichnete Relief an der Wittenberger Stadtkirche soll nach Meinung der Evangelischen Kirche bleiben. Das sagte die mitteldeutsche Landesbischöfin Ilse Junkermann MDR SACHSEN-ANHALT. "Wir müssen diese Wunde unserer eigenen Geschichte offen halten", forderte sie. Damit solle verhindert werden, dass erneut Fremdenfeindlichkeit aufkeime. Die Botschaft im Lutherjahr sei die Versöhnung durch Gott und nicht, die Geschichte selbst zurechtzurücken.

Das Bild aus Sandstein an der Südostecke der Kirche zeigt einen Rabbiner, der einem Schwein unter den Schwanz schaut und Juden, die an den Zitzen der Sau trinken. Die Darstellung stammt aus dem Jahr 1305 und ist laut Historiker Mirko Gutjahr von der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt eine von etwa 30 in Mitteleuropa.

Angesprochen auf die Botschaft, die ein Verbleib des Spottbilds in die Welt sende, sprach Junkermann von der "Botschaft, dass wir nichts beschönigen wollen". Die Kirche glaube an die Kraft der Vergebung.

Relief als "Erinnerungs- und Mahnzeichen"

"Die Forderung, das Relief zu entfernen, kommt regelmäßig von unterschiedlichen Seiten", so Junkermann. Sie habe sich in der Vergangenheit deshalb viele Gedanken darüber gemacht. "Es muss als Erinnerungs- und Mahnzeichen stehen bleiben." Junkermann ist der Meinung, dass eine am 9. November 1988 eingelassene Bodenplatte unterhalb des Reliefs Einordnung liefere. Mit der Platte soll der Opfer der nationalsozialistischen Pogromnacht 1938 gedacht werden.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland ist anderer Auffassung. Präsident Josef Schuster sagte, die Platte helfe wenig zum historischen Verständnis des antisemitischen Reliefs. Er schlug vor, es entweder entfernen zu lassen oder eine Tafel anzubringen, die die Darstellung erklärt und einordnet.

Petition mit fast 5.000 Unterstützern

Der britische Theologe Richard Harvey hatte im Internet eine Petition veröffentlicht, in der er die Stadt auffordert, die Darstellung zu entfernen. Mehr als 4.800 Unterstützer haben die Petition bereits unterschrieben. Harvey hat sich unterdessen selbst bei der Stadt Wittenberg gemeldet und will nach Sachsen-Anhalt kommen. Für Mitte Oktober sei ein Treffen vor Ort vereinbart worden, sagte der Pfarrer der Stadtkirche, Johannes Block.

Zuletzt aktualisiert: 07. Oktober 2016, 20:07 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

25 Kommentare

09.10.2016 18:26 Alexander Graf zu Castell-Castell 25

Wer sich für die Beibehaltung der Judensau ausspricht sollte auch in Erwägung ziehen, auf Altären mitteldeutscher Kirchen wieder das Buch "Mein Kampf" auszulegen , und daneben, an Stelle des Kreuzes, einen Dolch mit einem Hakenkreuz.
Das war während der Nazizeit in vielen, sehr vielen Kirchen der "Deutschen Christen" der Fall.
Frau Junkermann spricht vom "Offenhalten der Wunde eigener Geschichte" angesichts dieser fortbestehenden Verhöhnung der Juden.
Die Botschaft der Judensau widerspricht der Botschaft des Evangeliums, das "den Juden zuerst" verkündet werden sollte.
Es ist ein Schande, daß unsere Kirche in dieser Frage sich so windet und die Kraft nicht aufbringt, ein eindeutiges Zeichen der Versöhnung mit den Juden zu setzen, in dem am Zeichen der Schande, der Ablehnung und gewollten Beleidigung weiterhin an einem kirchlichen Gebäude duldet.

09.10.2016 15:50 t 24

der theologe soll in england bleiben. dieses volk hat sich ja von der eu und deutschland ausgeschlossen. am besten keine einreiseerlaubnis erteilen. das was dort hängt ist geschichte und geschichte wird nicht verändert, nur weil einer der einem volk angehört, was jahrzehntlang andere völker unterdrückt hat, dieser meinung ist.

09.10.2016 11:35 Ferdinand Winter 23

Die meisten Kommentatoren sind einfach vor lauter Gutmenschentum nicht ganz dicht.
Nur weil irgend ein Engländer , dessen Nation Jahrhunderte lang die habe Welt unterjocht und Massenmorde am Fliessband begangen hat , irgend etwas fordert , wird hier ernsthaft über so etwas geredet. Lächerlich. So alte Reliefs sind ein Kulturgut , auch wenn die Aussage heute überholt ist. Hoffentlich ist das diesem wittenberger Pfarrer klar.

08.10.2016 00:05 Ducken befördert Unrecht! 22

Ich habe nicht das geringste Verständnis für den Herrn Theologen von der Insel, ein 700 Jahre an dieser Stelle präsentes Kunstwerk wegen seiner Lesart und begrenzten Empfindsamkeit abzumeiseln.
Ich gehöre der älteren Generation an, der man schon als Kind eine Generalschuld an den Naziverbrechen oktroyiert hat, auch wenn die Vorfahren anerkannte Antifaschisten waren. Ich will solche haltlosen Sprechblasen ganz einfach nicht mehr hören.
Dass das angloamerikanische Bündnis durch seine langjährige Duldung der deutschen Faschisten und den lächerlich späten aktiven Eintritt in den zweiten Weltkrieg erhebliche Mitschuld an den faschistischen Greuel haben, auch gegenüber den deutschen Juden, gilt inzwischen als belegt. Was soll diese Bilderstürmerei nach 700 Jahren??
Und wenn er Ideologien und Verbrechen gegeneinander aufrechnen will, soll er doch zuerst dafür sorgen, dass der Mörder von Dresden, der Luftwaffenmarschall Harris, britischer Nationalheld, von seinem Denkmal gestürzt wird.

08.10.2016 22:55 Ewert Pöpel 21

Der Urheber der Petition Dr. Richard Harvey sieht in der Judensaueinen Angriff auf Juden. "Diese Skulptur ist bis heute ein Angriff auf Juden und verspottet sie und ihren Glauben." Er bittet darum, sie von der Kirche als Ort der Anbetung Gottes zu entfernen und an einem Ort und in einem Rahmen aufzustellen, die uns eine Begegnung mit unserer Geschichte ermöglicht. Darum geht es auch den Wittenberger Sachwaltern, aber für sie ist die Kirche der einzig authentische Ort dafür. Was jedoch die die Judensau an der Kirche St. Marien in Wittenberg von anderen derartigen Schandbildern unterscheidet, ist die Inschrift, zu der Luther mit seiner Schrift „Vom Schem HaMphoras“ („Der voll ausgesprochene Name (Gottes)“) den Anstoß gegeben hat. In der Kirche beten wir. "Dein Name werde geheiligt." Draußen an der Wand machen wir den heiligen Namen Gottes - buchstäblich - zur Sau. Und diese fortdauernde Blasphemie lassen wir als Weltkulturerbe schützen.

08.10.2016 20:49 Atze 20

Immerhin wieder kann man feststellen, dass es sehr negativ ist, dass in Deutschland Schüler viele Jahre Geschichte fakultativ wählen konnten. Fatal...Damit stellt sich der Staat selbst ein Bein. Am besten alles beseitigen, das Lenin- Denkmal in Berlin, Strassenamen aus DDR- Zeiten. Es geht doch um historischen Einordnung, auch in diesem Fall.Was ist aus unserer Bildung geworden...zu viele Ausfallstunden.Traurig

08.10.2016 11:24 Sigurd Rohde 19

Ich stimme dem, was der Zentralrat der Juden sagt zu:
"Präsident Josef Schuster sagte, die Platte helfe wenig zum historischen Verständnis des antisemitischen Reliefs. Er schlug vor, es entweder entfernen zu lassen oder eine Tafel anzubringen, die die Darstellung erklärt und einordnet."
Die Judensau ist vor Ort kaum mit der Bodenplatte in Zusammenhang zu bringen; die Sau hoch oben unter dem Dachgesims und die Platte ganz unten. Die Gestaltung der Platte mag zwar künstlerisch wertvoll sein, aber erklären tut sie nichts.
Ein erklärender Text in Augenhöhe unter der Sau ist die Minimalforderung.

08.10.2016 10:32 sputnik 18

Man stelle sich mal vor,irgendjemand würde die Entfernung eines Ornaments am Tower in London fordern......das Geschrei...was bilden sich die Deutschen eigentlich ein,bla bla bla.
Was uns fehlt , ist ein hochrangiger Politiker/Politikerin mit ***** oder *****jn der Hose die mal mit der Faust auf den Tisch hauen und.........
Na ja,was solls.

08.10.2016 09:10 Trudi 17

Das Relief hängt an einer Kirche. Eine Kirche ist nicht irgendein Haus, sondern dazu da um Gott zu ehren. Das Relief tut das nicht. Es ist somit nicht nur ein zwischenmenschlich problematisches Bild. Ich fände es konsequent, das Bild abzunehmen. schließe mich einem Satz von Czwalina an: Dass überhaupt heute in der lutherischen Kirche eine Diskussion darüber zugelassen wird, welche kulturelle und erhaltenswerte Bedeutung den denkmalgeschützten Obszönitäten beizumessen ist, lässt mich befürchten, dass die Anfragen der Opfer in ihrer Ernsthaftigkeit immer noch im Raum stehen – unbeantwortet.

08.10.2016 09:08 Michael 16

In dem Film wurde Alles genau besprochen. Wenn ich mir überlege wieviel Leid die Engländer angerichtet haben, wenn man nur an die Ausrottung der Indianer in Amerika denkt. Überall haben im Namen des Königreichs, die Engländer Ihre Macht erweitert. Piloten die Bomben abschmeissen werden geehrt und bekommen, wie Churcill noch den Friedensnobelpreis.