Blick auf die Anklagebank
Die beiden Angeklagten wollten sich auch nach den Plädoyers äußern. Bildrechte: MDR/André Damm

Reportage vom 36. Prozesstag Keine letzten Worte

Nun heißt es warten auf das Urteil: Im Prozess um den Tod einer chinesischen Studentin ist der letzte Verhandlungstag Geschichte. Die Plädoyers sind abgeschlossen. Zuletzt durften Nebenkläger und Verteidigung ihre Schlussvorträge halten. Die Angeklagten schwiegen. Eine Reportage aus dem Gerichtssaal.

von Martin Krause, MDR SACHSEN-ANHALT

Blick auf die Anklagebank
Die beiden Angeklagten wollten sich auch nach den Plädoyers äußern. Bildrechte: MDR/André Damm

Es ist stickig-heiß im Saal 118 des Dessauer Landgerichts. Dennoch sind fast alle Plätze im Zuschauerraum belegt, als Sven Peitzner mit seinem Plädoyer beginnt. Sogleich wird es mucksmäuschenstill. Peitzner, der die Eltern der getöteten Chinesin vor Gericht vertritt, redet zunächst vom Opfer. Von der 25-Jährigen Studentin, die mit großen Träumen und Zielen nach Europa kam. Und die auf so brutale Weise in Dessau ermordet wurde. "Sie hatte keine Chance", so Peitzner, "sie hat gekämpft wie ein Löwe. Aber es war ein Mord mit Ansage."

Peitzner redet bedächtig, stockt immer wieder, redet die Angeklagten direkt an. Er spricht von einer "Gewaltorgie", von einer "geplanten Tat", und nennt die beiden 21-Jährigen "ein Mörderpärchen". Aus Peitzners Sicht gibt es keine Zweifel an der Schuld der Angeklagten. Er fordert daher eine lebenslange Freiheitsstrafe für den Angeklagten, für die mutmaßliche Mittäterin 15 Jahre Gefängnis – und zudem Schmerzensgeld. "Die Eltern der getöteten Chinesin hoffen auf ein gerechtes Urteil" – mit diesen Worten beendet Peitzner sein Plädoyer.

Verteidiger fordern Jugendstrafe

Dann sind die Verteidiger des Angeklagten an der Reihe, und die sehen es anders. Die Anwälte weisen den Mordvorwurf entschieden zurück. Aus ihrer Sicht gibt es keinen Hinweis auf eine "finale Tötungshandlung". Die Blutspuren am Tatort und an der Leiche der 25-jährigen Studentin sind "nicht eindeutig auswertbar", sagt Rechtsanwalt Marco Bennewitz. Zudem sei der Todeszeitpunkt nicht genau bestimmbar.

Er gehe davon aus, dass der Tod schon während der massiven Vergewaltigungen und brutalen Misshandlungen eingetreten sei, sagt der Jurist. Der Reifeprozess beim Angeklagten sei verzögert und gestört und sei auch zum Tatzeitpunkt nicht abgeschlossen. Daher fordert die Verteidigung eine Verurteilung nach Jugendstrafrecht: zehn Jahre Gefängnis wegen Vergewaltigung mit Todesfolge für den 21-Jährigen.

Urteil am Freitag

Die Verteidigung der mitangeklagten Ex-Freundin des 21-Jährigen betont im Anschluss, die junge Frau könne nicht für den Tod des Opfers zur Verantwortung gezogen werden. Sie sei nicht bei den schweren Misshandlungen oder der Tötung dabei gewesen. "Sie hätte bei der Vergewaltigung nur aus Angst vor ihrem damaligen Lebensgefährten mitgemacht", sagt Rechtsanwältin Christiene Inselmann. Die Beschuldigte solle deshalb wegen Vergewaltigung in besonders schwerem Fall zu einer Jugendstrafe von drei Jahren verurteilt werden.

Die Angeklagten verfolgen den letzten Verhandlungstag gewohnt desinteressiert und regungslos. Von ihrer Möglichkeit, das letzte Wort zu ergreifen, machen die beiden keinen Gebrauch. Die Angeklagte will gar nichts sagen. Der Angeklagte schließt sich emotionslos "den Äußerungen des Verteidigers an".

Dann beendet die Vorsitzenden Richterin Uda Schmidt die Verhandlung. Am Freitag wird das Urteil verkündet.

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Quelle: MDR/ms

Zuletzt aktualisiert: 02. August 2017, 11:54 Uhr

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1 Kommentar

03.08.2017 11:41 Moppi 1

Die schweren insbesondere gegen den Kopf der Ermordeten geführten Schläge weisen sehr wohl auf eine gezielte Mordabsicht hin, ebenso die Halsverletzungen. Nur von Misshandlung kann daher nicht gesprochen werden.