Judensau-Relief
Umstritten: Das "Judensau"-Relief an der Wittenberger Stadtkirche sorgt seit Monaten für Protest. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Beschluss in Wittenberg Stadtrat: "Judensau"-Relief soll erhalten bleiben

Seit Monaten wird über das "Judensau"-Relief in Wittenberg diskutiert, jetzt hat der Stadtrat ein Machtwort gesprochen. Die Abgeordneten stimmten am Mittwoch in ihrer Sitzung für den Verbleib der Figur – weil sie sie als Mahnmal ansehen.

Judensau-Relief
Umstritten: Das "Judensau"-Relief an der Wittenberger Stadtkirche sorgt seit Monaten für Protest. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das umstrittene Relief der "Judensau" an der Wittenberger Stadtkirche soll erhalten werden. Dafür hat sich am Mittwoch der Stadtrat der Lutherstadt ausgesprochen. Die Fraktionen erklärten in einem zweiseitigen Papier, das Relief zeige zwar ein antisemitisches Motiv zur Verunglimpfung von Juden. Die 700 Jahre alte Figur sei zugleich aber ein Zeitzeugnis, das es zu bewahren gelte.

Die Fraktionen argumentierten weiter, unterhalb des Reliefs befinde sich eine Gedenkplatte, die auf die Folgen des Judenhasses hinweise. Es könne deshalb als Mahnmal angesehen werden, hieß es in der Erklärung des Stadtrats.

Mehr als 5.000 Unterschriften gesammelt

Ein Mahnmal vor der Stadtkirche Sankt Marien in Wittenberg (Sachsen-Anhalt) erinnert seit dem 9. November 1988 an den Beginn des Judenprogroms im Dritten Reich.
Unterhalb des "Judensau"-Reliefs ordnet eine Gedenktafel das Verbrechen an Juden ein. Bildrechte: IMAGO

Gegen das Relief hatte es in den vergangenen Monaten heftigen Protest gegeben. So hatte der britische Theologe Richard Harvey im Internet mehr als 5.000 Unterschriften von Menschen gesammelt, die sich für eine Entfernung der Figur aussprachen. Landesbischöfin Ilse Junkermann hatte sich hingegen für einen Verbleib ausgesprochen. Sie sagte, die Kirche stehe zu ihrer Geschichte, auch wenn sie schmerzhaft sei. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, erklärte, die angebrachte Gedenkplatte trage wenig zum historischen Verständnis des antisemitischen Reliefs bei.

Das Sandsteinrelief stammt aus dem Jahr 1305 und zeigt einen Rabbiner, der einem Schwein unter den Schwanz schaut und Juden, die an den Zitzen der Sau trinken.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | Studio Dessau | 29.06.2017 | 06:30 Uhr

Quelle: MDR/ld

Zuletzt aktualisiert: 29. Juni 2017, 09:30 Uhr

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28 Kommentare

30.06.2017 18:24 jackblack 28

Wo bleibt der Mediator- ich will endlich die WAHRHEIT erfahren :-)

30.06.2017 15:38 MiSt 27

Der Protest wie auch einige Kommentare hier sind nichts weiter als inkonsequentes, populistisch motiviertes Lärmen von selbsternannten Laien-Bilderstürmern. Befleißigt man sich mal einer kurzen Recherche im Netz, stellt man recht schnell fest, dass neben der Darstellung an der Wittenberger Kirche auch heute noch eine nicht unerhebliche Anzahl dieser im Mittelalter weit verbreiteten Schmäh-Darstellung in und an den verschiedensten deutschen Kirchen existiert. Es ist müßig, den Krakeelern einen historischen Kontext aufzeigen zu wollen, der zwanghafte Erhalt ihrer vorurteilsgeprägten Realitätsinterpretation steht auch hier rationalem und maßvollem Denken im Weg.
In demokratischer Abstimmung wurde per Ratsbeschluss eine klare Entscheidung getroffen. Diese ist zu akzeptieren.

30.06.2017 15:20 Steiner 26

Lasst dieses deutliche MAHNMAL - ES ZEIGT DIE VERWORFENHEIT EINER GESELLSCHAFT, die vor dem Hass gegen eine Mitbürger nicht zurück schreckt! Hoffentlich wird ein ensprechendes Schild dazu gesetzt, das die Gemeinheiten und die Gewissenlosigkeit zeigt, die Generationen von Deutschen begleiteten.

30.06.2017 11:58 Ein Scheinproblem 25

@Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT: (Der Artikel dreht sich um die Entscheidung des Stadtrates, nicht um die Kampagne. Ob der Vorschlag sinnvoll ist oder nicht, wird von uns nicht bewertet.)

Die Entscheidung des Stadtrates ist eine unmittelbare Folge der medial transportierten Behauptung, es bestünde ein grosses öffentliches Interesse an der Entfernung des Reliefs.
Legitimiert durch eine "Abstimmung", die er Initiator dieser Kampagne veranstaltet hat.

30.06.2017 11:35 So sieht das aus 24

@29.06.2017 23:42 nilux (19 Richard Harvey ist Brite. Man würde wohl mühelos weltweit auch 5000 Unterschriften zusammenbringen, um Buckingham palace abreißen zu lassen.
Deshalb ist der Verweis auf diese Online-Petition auch kaum von Belang.)

Kein Problem - in Berlin bekam eine Vorlage zur fahrradfreundlichen Änderung der sogenannten Verkehrspolitik des zuständigen SPD-Senators in weniger als 14 Tagen >100.000 Online-Unterschriften - u.a. von mir. Man urteile selbst.
Es ist blanke journalistische Scharlatanerie, solche Zahlen ohne Bezugs- und Vergleichsgrössen anzugeben, um damit irgendeinen Punkt zu "legitimieren". Zumal eine Gegenkampagne nicht stattgefunden hat - warum auch, der Vorgang ist absurd und erinnert an die stalinistische Praktik der nachträglich retuschierten Fotos.

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT: Der Artikel dreht sich um die Entscheidung des Stadtrates, nicht um die Kampagne. Ob der Vorschlag sinnvoll ist oder nicht, wird von uns nicht bewertet.

30.06.2017 10:26 Von Zwölf bis Mittag 23

@30.06.2017 09:44 Michael Herold (21 Lasst endlich die entscheiden, die damit gemeint sind!)

Man lasse die Dialektik walten und stelle sich diese Sorte Entscheidungsverfahren nach 1990 vor oder einem beliebigen anderen historischen Datum...
Den guten alten Sesamstrassen-Sketch "Was-passiert-dann" sollte man manchen "Bürgern" gerichtlich zur täglichen Kennnisnahme vorschreiben.

30.06.2017 10:22 Oh Mann... 22

@29.06.2017 11:24 Margrit Schneider (4 UNFASSBAR!!!
Ich bin entsetzt, so etwas Menschen verachtendes hängen zu lassen!!!)

Vor allem angesichts der Tatsache, dass gerade Sie nichts davon wussten und das seit 700 Jahren.
Ich hoffe, Sie bleiben psychisch stabil angesichts einer solch ungeheuerlichen Tatsache. Und lassen Sie im eigenen Interesse lieber die Finger von Schriftgut des Magisters Luther...

30.06.2017 09:44 Michael Herold 21

Lasst endlich die entscheiden, die damit gemeint sind! Das Ding muss endlich ab. Stellt es in ein Museum, da kann man es dann ansehen, wer sich daran ergötzen möchte.
Die, die nicht damit gemeint sind, haben da ja leicht reden und sind emotional unbeteiligt.

29.06.2017 00:14 Frank 20

Geschichte muss erhalten bleiben u nicht weggewischt werden, gerade dann, wenn diese 700 Jahre alt ist.

29.06.2017 23:42 nilux 19

Richard Harvey ist Brite. Man würde wohl mühelos weltweit auch 5000 Unterschriften zusammenbringen, um Buckingham palace abreißen zu lassen.
Deshalb ist der Verweis auf diese Online-Petition auch kaum von Belang.