Neben einem Transparent mit dem Porträt des toten Afrikaners Oury Jalloh bückt sich ein Polizist.
Seit 2005 ist unklar, wie der Oury Jalloh aus Sierra Leone in einer Polizeizelle ums Leben kam. Bildrechte: dpa

Landtagsdebatte Linke will Aufklärung im Fall Oury Jalloh

Erst kürzlich wurde der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau die Verantwortung für die Ermittlungen zum Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh entzogen und nach Halle übergeben. Linken und Grünen genügt dieser Neustart der Ermittlungen jedoch nicht: Im Landtag von Sachsen-Anhalt forderten die Parteien, die Aufklärungsarbeit zu intensivieren.

Neben einem Transparent mit dem Porträt des toten Afrikaners Oury Jalloh bückt sich ein Polizist.
Seit 2005 ist unklar, wie der Oury Jalloh aus Sierra Leone in einer Polizeizelle ums Leben kam. Bildrechte: dpa

Seit über 12 Jahren ist unklar, wie Oury Jalloh in einer Zelle in einem Polizeirevier in Dessau-Roßlau verbrennen konnte. Ein untragbarer Zustand, "beschämend und skandalös", sagt Henriette Quade (Die Linke). Die innenpolitische Sprecherin der Linkspartei hat am Donnerstag im Landtag von Sachsen-Anhalt größere Anstrengungen bei den Ermittlungen gefordert. Hinweisen, dass Jalloh ermordet worden sein könnte, müsse konsequent nachgegangen werden, so Quade.

Linke will internationale Untersuchungskommission

Henriette Quade
Henriette Quade (Die Linke) fordert neue Ermittlungen unter internationaler Kontrolle. Bildrechte: dpa

Quades Zweifel an der Arbeit der Ermittlungsbehörden sind sogar so groß, dass sie forderte, eine unabhängige internationale Untersuchungskommission einzusetzen. Diese solle unter der Leitung der Vereinten Nationen stehen.

Justizministerin Anne-Marie Keding (CDU) hält von diesem Vorstoß nichts. Sie sehe nicht, was eine internationale Kommission leisten könne, was die Strafverfolgungsbehörden im Land nicht könnten. Es sei Aufgabe der Staatsanwaltschaft, weiter konsequent zu ermitteln, sagte die Justizministerin. Bis August war die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau für die Ermittlungen zuständig – dann wurde die Verantwortung überraschend an die Staatsanwaltschaft in Halle übertragen.

Auch die Grünen – selbst Regierungspartei – übten Kritik am bisherigen Stand der Ermittlungen. Der rechtspolitische Sprecher Sebastian Striegel sprach von einem "Skandal und einer Schande für das Land", dass die Todesumstände Jallohs noch immer unklar seien: "Das ist auch ein himmelschreiendes Versagen von einigen Ermittlern bei Polizei und Justiz."

Der Fall Oury Jalloh Der aus Sierra Leone stammende Asylbewerber Oury Jalloh war am 7. Januar 2005 in einer Dessauer Polizeizelle ums Leben gekommen. Er starb gefesselt auf einer Matratze bei einem Brand in der Gewahrsamszelle. 2008 waren in einem ersten Prozess zwei Polizisten in Dessau freigesprochen worden. Nachdem der BGH das Urteil gekippt hatte, wurde ein Beamter 2012 vom Landgericht Magdeburg wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe verurteilt. Eine erneute Revision verwarf der BGH 2014. Jalloh soll die eigentlich feuerfeste Matratze selbst mit einem Feuerzeug angezündet haben.

Brandgutachten unter Verschluss

Matratze mit Versuchspuppe von unten
Ein Schweizer Gutachter erstellte auf Basis eines Brandversuchs 2016 ein neues Gutachten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zuletzt wurde im August 2016 im sächsischen Dippoldiswalde ein Brandversuch durchgeführt. Doch die Ergebnisse werden von der Staatsanwaltschaft bisher unter Verschluss gehalten. Linke und Grüne fordern, das Gutachten zu veröffentlichen. Die Initiative "Gedenken an Oury Jalloh" zweifelt daran, dass Jalloh die Matratze selbst angezündet haben soll, sie hatte deshalb selbst dazu ein Gutachten in Auftrag gegeben.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT Heute | 28.09.2017 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/dpa/epd/rj

Zuletzt aktualisiert: 28. September 2017, 16:49 Uhr

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36 Kommentare

30.09.2017 16:57 lautenbach 36

im fall jakob von metzler reichte bereits die androhung von gewalt zum verbleibt des jungen durch den vernehmenden polizeibeamten für seine suspendierung. im fall OJ sind fakten geschaffen worden. diesen unterschied sollte man doch erkennen. ich habe einen freund bei der feuerwehr und der meinte: "es ist ausgeschlossen, dass man eine matratze mit einem feuerzeug entzünden kann. dafür reicht die primärenergie nicht. wir haben das mal mit geräten versucht, welche einen deutlich höheren ernerzufluss haben und schon da gestaltete sich das entzünden schwierig!". wer war denn zum zeitpunkt des geschehens in der wache? da hat sich doch nicht ein terminator von außen durch die gitter gezwängt! warum hat man denn nicht alle zum zeitpunkt anwesenden getrennt vernommen? warum zog der generalbundesanwalt die ermittlungen nicht an sich? selbst der verdacht eines kapitalverbrechens wäre dafür ausreichend!

29.09.2017 01:18 Christine 35

Dann bitte, liebe Staatsanwaltschaft, klärt doch endlich auf! Es kann wohl nicht sein, dass nach 12 Jahren immer noch nicht restlos geklärt ist, was mit diesem Menschen geschah!!?

29.09.2017 23:17 kein Otto 34

@ 30 Susan: Sugestivfragen beantworte ich nicht. Ansonsten Danke für die Auskunft.

29.09.2017 23:17 MiSt 33

@ 30 Susan
"OJ wurde in den Jahren zuvor mehrfach von der Polizei mit Drogen erwischt - allerdings in Mengen zum Eigengebrauch, zudem keine harten Drogen."

Wofür ist er dann zu 3,5 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden? Sie verbreiten weiterhin tendenziell geschönte Sichtweisen. Ich möchte weder Oury Jalloh herabwürdigen noch will ich auf keinen Fall seinen Feuertot rechtfertigen. So etwas darf nicht passieren und muss aufgeklärt werden. Deshalb muss aber auch wahr bleiben was wahr ist. Und selbsternannte Rächer aus der Ferne, die Oury Jalloh nicht mal persönlich kannten, sollten nicht versuchen, die Wahrheit nach ihrer ideologischen Fasson zu verdrehen. Wenn Sie sich tatsächlich so intensiv mit der Person Oury Jalloh auseinander gesetzt haben, sollten Sie genau wissen wovon ich rede.

29.09.2017 16:11 Susan 32

@Klari Kotana (29): Wir können gerne Kontakt aufnehmen. Weiter unten habe ich meine Zeitung und meinen vollen Namen erwähnt ;-). Schauen Sie einfach auf die Webseite der jW und wenden Sie sich mit der Bitte an sie, mir die Mail weiterzuleiten. Vielen Dank und schöne Grüße!

29.09.2017 16:09 Bürger der früheren DDR 31

Beschämend sind vor allen Dingen die schlampigen Ermittlungen und die Tatsache, dass es offensichtlich niemanden interessiert, dass in den Jahren vor dem Tod von Jalloh 2 Deutsche in diesem Polizeirevier ums Leben gekommen sind unter Umständen, die bis heute nicht geklärt sind.

29.09.2017 16:06 Susan 30

@28: Erst eine Gegenfrage: Welche Tat würde denn einen Mord durch Polizeibeamte rechtfertigen? Zu Ihren Fragen: OJ wurde in den Jahren zuvor mehrfach von der Polizei mit Drogen erwischt - allerdings in Mengen zum Eigengebrauch, zudem keine harten Drogen. Am Morgen des 7. Jan. 2005 kam er angetrunken aus einer Disko. Nachdem, was man weiß, wollte er jemanden anrufen, der/die ihn nach Roßlau bringen könnte. Er fühlte sich nicht in der Lage, allein hinzufahren. Er quatschte mehrere Ein-Euro-Jobberinnen an, ob er mit ihrem Handy telefonieren dürfe und torkelte ihnen ein Stück hinterher. Sie riefen die Polizei. Als die kam, saß er aber bereits ein Stück abwärts und weigerte sich zunächst, seinen Ausweis zu zeigen. Sie nahmen ihn mit. Es war KEINE sexuelle Belästigung, alles klar? Und das wurde auch nie irgendwo behauptet, außer vielleicht auf diversen rechten Hetzplattformen.

29.09.2017 15:52 Klari Kotana 29

Susan,

lassen Sie sich nicht von den inflatinär auftauchenden Alles- und Besserwissern beeinflussen.

Auch ich hatte bereits versucht, mit dem MDR in Sachen Oury Jalloh Kontakt aufzunehmen.

Fakt ist: Würde sich in diesem Fall etwas in der richtigen Richtung bewegen, bräche das Kartenhaus von Polizei und Staatsanwaltschaft Dessau von jetzt auf gleich in sich zusammenen.

Eventuell nehmen wir mal Kontakt auf. Ich hätte da noch einige sehr interessante Sachen zum Fall und zu anderen Gegebenheiten in Dessau.

Würde ich diese hier schreiben, kämen gleich wieder die superschlauen Outsider, um ihr Nichtwissen zur Schau stellen zu müssen.

29.09.2017 15:26 kein Otto 28

@Susan könnne sie mir die Fragen aus dem Kommentar #2 beantworten? Wissen sie etwas über mögliche weitere Vorfälle mit dem O.J. bei der Dessauer Polizei? Haben sie Quellen zu ggf. vorhandenen Prozess-Protokollen?

29.09.2017 14:41 MiSt 27

@Susan
Interessante,wenn auch völlig abwegige, Interpretation meiner Gemüts- und Moraleinstellung. Und doch sind Sie nicht in der Lage, auch nur einen handfesten Beleg für Ihre fortwährende und ungeheuerliche Behauptung, die Dessauer Polizei hat Oury Jalloh ermordet und alle wissen davon und deckeln es, hinreichend zu beweisen. Ausschließlich eine Anreihung von hätte, könnte, sollte.