Spanische Fußballfans erwarten 2015 einen Team-Bus
Auseinandersetzungen zwischen Ultra-Fans bergen oft die Gefahr schwerer Verletzungen. (Symbolfoto) Bildrechte: IMAGO

Ein Jahr nach Unfall von Hannes Hoffnung auf gewaltlosen Neuanfang enttäuscht

Nach dem Tod von FCM-Fan Hannes war die Trauer groß. In der Fanszene gab es Stimmen, das fatale Signal als Chance für einen gewaltlosen Neuanfang zu nutzen. Dazu ist es bislang nicht gekommen. Ein Jahr nach dem tragischen Vorfall hat sich wenig geändert. Ein Kommentar:

von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

Spanische Fußballfans erwarten 2015 einen Team-Bus
Auseinandersetzungen zwischen Ultra-Fans bergen oft die Gefahr schwerer Verletzungen. (Symbolfoto) Bildrechte: IMAGO

Vor einem Jahr wurde der FCM-Fan Hannes bei einem Sturz aus einem Zug schwer verletzt. Dem voraus ging ein Aufeinandertreffen mit Fans vom Halleschen FC, die sich ebenfalls in der Bahn befanden. Was genau zwischen dem Einsteigen von Hannes und seinem Sturz passierte, ist bis heute offen. Es war der traurige Höhepunkt einer fortwährenden Auseinandersetzung, die Teile beider Fanlager in den Monaten zuvor immer heftiger geführt hatten. "Bis einer stirbt" lautete der Titel meines Kommentars damals.

Darin beschrieb ich das gefährliche Spiel, das Ultra-Gruppierungen außerhalb der Stadien miteinander spielen, wenn sie versuchen, gegnerische Fanutensilien oder Fahnen zu erobern. Der Verlust einer Fahne und deren Präsentation durch den Gegner ist die größtmögliche Demütigung einer Ultragruppe. Oft genug gab es auch gewalttätige Auseinandersetzungen mit dem einfachen Ziel, zu zeigen, wer der Stärkere ist. Ernsthafte Verletzungen wünscht sich keiner der Beteiligten und doch werden sie billigend in Kauf genommen. Das Hauptproblem war, dass es so ziemlich jeden Fußballfan hätte treffen können, der im falschen Moment am falschen Ort seine Vereinsfarben zeigt.

Eine Menge unglücklicher Zufälle führten dazu, dass Hannes am 1. Oktober tatsächlich zur falschen Zeit am falschen Ort war. Als ich den Kommentar damals schrieb, lebte er noch. Wie viele andere hoffte ich, dass er sich wieder erholen würde. Dem war leider nicht so. Ein junger Mann starb wegen einer Fußballrivalität. Auch mit einem Jahr Abstand wirkt dieser Fakt immer noch unbegreiflich.

"Eskalationsverzicht war bemerkenswert"

Hannes' Tod bedeutete einen tiefen Einschnitt in der deutschen Fanlandschaft. Viele, Politiker genau wie Fanvertreter, forderten ein Umdenken und ein Ende der gewalttätigen Auseinandersetzungen. So ein Vorfall dürfe sich niemals wiederholen, hieß es. Auch in anderen Fanszenen war die Betroffenheit groß. Und eine Zeit lang sah es so aus, als gäbe es tatsächlich Veränderungen. Ultravertreter aus Magdeburg und Halle einigten sich, sich für eine Saison lang aus dem Weg zu gehen. Beide verzichteten auf den Besuch der jeweiligen Auswärtsspiele.

"Dieser Eskalationsverzicht war bemerkenswert", sagt Fanforscher Jonas Gabler. "Das war nicht selbstverständlich." Momentan wirkt es auch so, als üben sich beide Fanszenen im Umgang miteinander in Zurückhaltung. Vertreter beider Fanlager bestätigen diese Einschätzung.

Polizeieinsatz vor einem Fußballspiel 2014 am Erfurter Bahnhof
Polizisten versuchen verschiedene Fangruppen an einem Bahnhof zu trennen. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO

Einsicht nur von kurzer Dauer

Doch während sich HFC- und FCM-Ultras im Land weitgehend in Ruhe lassen, bewegen sie sich im Wettstreit mit anderen Szenen wie bisher. Vor einigen Wochen trafen sich FCM- und Dortmundfans, wohl zufällig, weil ihre Züge am gleichen Bahnsteig hielten. Es kam zu einer Massenschlägerei. Bemerkenswert dabei: Nach etwa drei Minuten sollen sich die Kontrahenten gegenseitig auf die Beine geholfen und noch gemeinsam geraucht haben.

Auch beim Blick auf ganz Deutschland scheint die Wirkungsdauer des Schocks erschreckend kurz gewesen zu sein. Im Frühjahr gab es eine Massenschlägerei zwischen Anhängern von Hansa Rostock und Eintracht Frankfurt, ebenfalls auf einem Bahnsteig. Erst vor einigen Tagen machten Meldungen von Überfällen die Runde. Während Frankfurter Fahnen von Chemnitz-Ultras erbeuteten, stahlen mutmaßliche Sankt-Pauli-Anhänger einige Flaggen von Holstein-Kiel-Fans. Diese versuchten sich kurz darauf mit einem Angriff auf den Sankt-Pauli-Block in Kiel zu revanchieren. Die Aktionen standen auch im Fokus der Medien. Ein Großteil der Auseinandersetzungen zwischen den Fanszenen finden jedoch außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung statt.

Fußballfans auf einem Bahnhof. Die Sicht ist durch eine Rauchbombe eingeschränkt.
Treffen verschiedene Fangruppen an Bahnhöfen aufeinander, kommt es oft zu Auseinandersetzungen. (Symbolfoto) Bildrechte: imago/7aktuell

"Bleibende Schäden will niemand"

In der Summe hat sich also wenig geändert. Das fatale Signal, das vom Tod eines Menschen ausging, ist weitgehend verpufft. Glaubt man Fanforscher Jonas Gabler, war die Hoffnung auf einen kompletten Gewaltverzicht ohnehin unrealistisch. Denn an der grundsätzlichen Haltung habe sich wenig geändert: "Teile der Ultrabewegung wollen nicht auf Gewalt verzichten. Bleibende Schäden wollen sie aber auch nicht."

Doch genau diese Schäden werden bei Angriffen auf Bahnhöfen oder Autobahnraststätten immer wieder billigend in Kauf genommen. Auch von einigen FCM- und HFC-Fans. Dabei sollten gerade diese beiden Gruppen wissen, wie schmerzlich solch ein Verlust durch eine fußballbezogene Auseinandersetzung sein kann.

Am Jahrestag von Hannes' Tod sollten sich deshalb alle, die sich an diesem Ultra-Spiel beteiligen, den Schmerz von damals noch mal vor Augen führen. Genau wie die zahlreichen Bitten nach einem Ende der Gewalt. Der Gedenktag am 1. Oktober sollte Anlass sein, sich zu überlegen, ob Fußball, Rivalität und die eigene Subkultur wirklich so wichtig sind, dass man dafür die eigene Gesundheit und die anderer Menschen riskieren sollte. Die Antwort kann nur "Nein!" lauten.

Über den Autor Für die große Karriere als Fußballer hat es bei Oliver Leiste nicht gereicht, im weitesten Sinne ist er trotzdem beim Profifußball gelandet.

Für MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er u.a. über den 1. FC Magdeburg und den Halleschen FC. Neben dem sportlichen Geschehen hat er dabei auch immer die Tribünen und Fanthemen im Allgemeinen im Blick.

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Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | Sachsen-Anhalt Heute | 01. Oktober 2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. September 2017, 10:05 Uhr

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5 Kommentare

01.10.2017 20:06 SGDHarzer66 5

Hannes wurde zum Opfer, wie auch immer. Daran sollte jeder Fan denken, Yalloh ist sekundär, dazu wurde alles und viel zu viel gesagt. Guten Abend.

01.10.2017 19:59 böse-zunge 4

Urteil? Die Staatsanwaltschaft hat die Händchen gehoben und bekundet keinen Nachweis über eine Straftat führen zu können. Das ist kein Urteil, eher ein Trauerspiel.
Eine Gelegenheit dort (mit oder ohne Block, Tonbandgerät oder Kamera) einige Fragen loszuwerden.
Wurde der Zug gesperrt und konnte mit diesem Zug erfolgreich eine Türöffnung durch einen Fahrgast während der Fahrt reproduziert werden?
Gab es am Verstorbenen bzw. seiner Kleidung Fremdspuren? Gab es Anstrengungen solche zu sichern?
Und zu guter Letzt - die Mitreisenden. Hat da irgendjemand irgendetwas erhellendes, den Hinterbliebenden Gewißheit um das Geschehen gebend, geäußert?
Nicht das da grad alle zufällig aus dem Fenster geschaut haben - wär ja ... ergreifend.
Es wäre wirklich wichtig zu erfahren, was alles getan wurde - und was nicht.

30.09.2017 22:48 Hans 3

Wann macht Stahlknecht die Ermittlungsergebnisse im Fall Hannes publik!?!?!?

30.09.2017 20:12 flori sk 2

@1 Ich denke , daß euch das Urteil nicht passt, weil es nicht den gewünschten Ausgang her gab. Ich bedaure den Tod von Hannes sehr, aber bringt es was jetzt das Urteil ewig anzuzweifeln ? Das kommt mir gerade so vor wie mit dem farbigen Dealer in Dessau der angeblich verbrannt wurde.

30.09.2017 10:42 Nur der FCM 1

" Was genau zwischen dem Einsteigen von Hannes und seinem Sturz passierte, ist bis heute offen."-Wohl doch nur für die Öffentlichkeit,was sicherlich nachvollziehbar ist! Stahlknecht hat den Fall damals zur "Chefsache" erklärt,Ermittlungsergebnisse durften auf keine Fall nach außen dringen! Jeder der 1 und 1 zusammen zählen kann sollte doch wohl mit bekommen haben das die "Offizielle Version" zum Himmel stinkt!