Menschen sitzen in einem Fernsehstudio
Was tun für mehr Glücksgefühle? Darüber wurde am Montagabend in der MDR-Sendung FAKT IST! diskutiert. Bildrechte: MDR/Lisa Kettwig

FAKT IST! aus Magdeburg "Wir Ostdeutschen sind einfach realistischer und kritischer geworden"

Sachsen-Anhalt ist in vielen Statistiken Letzter – so auch im aktuellen Glücksatlas der Deutschen Post. Bei FAKT IST! aus Magdeburg wurde am Montag über die Gründe diskutiert. Ein häufig vertretener Gedanke: So unglücklich sind die Ostdeutschen gar nicht.

Menschen sitzen in einem Fernsehstudio
Was tun für mehr Glücksgefühle? Darüber wurde am Montagabend in der MDR-Sendung FAKT IST! diskutiert. Bildrechte: MDR/Lisa Kettwig

Die Ostdeutschen werden nach Meinung von Soziologe und Glücksforscher Jan Delhey wieder glücklicher. Delhey, der an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg lehrt, sagte in der MDR-Fernsehsendung FAKT IST!, es sei unklar, wie sich das mit Blick in die Zukunft entwickele. Viele Landstriche in Sachsen-Anhalt bekämen den demographischen Wandel zu spüren, mitunter würden die Unterschiede zu Städten immer größer.

Dr. Hans-Joachim Maaz, Buchautor und Psychoanalytiker aus Halle, sagte in der Sendung am Montagabend, viele Menschen wünschten sich, dass ihre ostdeutschen Biografien mehr gewürdigt würden. Besonders ausgeprägtes Unglück sieht Maaz im Osten allerdings nicht. "Wir Ostdeutschen sind einfach realistischer und kritischer geworden."

Hans-Joachim Maaz
Dr. Hans-Joachim Maaz ist Psychoanalytiker. Bildrechte: IMAGO

Nach der Wiedervereinigung habe es mitunter ein "naives Überlaufen in den Westen" gegeben. In gewisser Weise sei die friedliche Revolution von 1989 nicht zu Ende geführt worden. Stattdessen hätten sich manche alles nehmen lassen – in dem Glauben, dass mit westlichen Standards alles besser werde.

Maaz machte deutlich, dass man zwischen Glück und Zufriedenheit unterscheiden müsse. "Zufriedenheit hat viel mit Anerkennung und Würdigung zu tun, während Glück eine sehr individuelle Sache ist", sagte er. Delhey ergänzte, zur Zufriedenheit gehöre auch die materielle Komponente. Es sei erwiesen, dass der Sprung von der unteren zur mittleren Einkommensklasse zur Zufriedenheit beitrage – schlicht, weil das mehr Freiräume ermögliche.

Die Leute haben endlich den Mut, Dinge anders zu denken.

Psychoanalytiker Dr. Hans-Joachim Maaz über Demonstranten und Protest
Simone Solga,  Kabarettistin aus Leipzig
Kabarettistin Simone Solga denkt, dass die Menschen im Osten politischer geworden sind. Bildrechte: Nic Modi

Simone Solga, politische Kabarettistin aus Leipzig, sagte während der Sendung, es sei "toll", dass sich im Osten Deutschlands wieder mehr eingemischt werde. "Die Menschen sind politischer geworden", sagte Solga. Das merke sie bei ihren Auftritten regelmäßig. Ostdeutsche hörten zwischen den Zeilen mehr heraus als so mancher Zuschauer aus der früheren Bundesrepublik.

Mit Blick auf die neue Protestkultur, die sich in den vergangenen Jahren bei Demonstrationen oder in den Wahlergebnissen gezeigt hat, sagte die Kabarettistin, dass sich Politik in vielen Fragen im Kreis drehe. "Man kann wählen, was man möchte. Es passiert immer dasselbe", kritisierte sie – und nannte als Beispiel, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander gehe. Ohnehin tragen schlechte Nachrichten ihrer Meinung nach zu einem Gefühl von Unglück oder Unzufriedenheit bei.

Soziologe: Neue Protestkultur nicht beweihräuchern

Prof. Dr. Jan Delhey,  Glücksforscher, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Prof. Dr. Jan Delhey ist Soziologe und Glücksforscher in Magdeburg. Bildrechte: Prof. Jan Delhey

Soziologe Delhey warf ein, man dürfe die neuen Protestkultur nicht beweihräuchern. Rauszugehen und zu schreien, sei keine Problemlösung. Psychoanalytiker Maaz kritisierte, zu oft würden die Proteste der Menschen weggewischt und Demonstranten als "Populisten und böse Rechte" abgestempelt. Das sei eine politische Sünde. "Die Leute haben endlich den Mut, Dinge anders zu denken."

Mario Tiesies, der sich in Stendal als Vorsitzender der Arche engagiert, machte klar, dass Anerkennung zu Glück und Zufriedenheit beitrage. Er merke das häufig bei den Ein-Euro-Jobbern, die in der Arche arbeiten. "Sie verändern sich durch diesen Job – schon durch die Anerkennung, die ihnen entgegen gebracht wird." Es sei schön mitanzusehen, wie sich unglückliche Menschen innerhalb weniger Monate zu glücklichen entwickelten.

Mario Tiesies
Mario Tiesies hat in Stendal die Arche aufgebaut. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Dass Menschen im Osten Deutschlands überhaupt unglücklich und unzufrieden werden, liegt seiner Auffassung nach an einem Gefühl des Abgehängt-Seins. "Das ist sicher der größte Unzufriedenheitsfaktor", sagte Tiesies, der selbst Hartz IV bezieht. Er erklärte aber auch, früher nicht glücklicher gewesen zu sein, als heute. Gefragt nach den Auswirkungen von materiellen Dingen auf Glück sagte Tiesies, mehr Geld sei für ihn kein Beleg für mehr Glück – sondern eher für mehr Zufriedenheit.

Zu Gast bei FAKT IST! aus Magdeburg

Ganz alltäglich war FAKT IST! aus Magdeburg am Montag allerdings nicht – und das schon vor der Sendung. Im Wesentlichen lag das an Anke Naumann und Sven Rosomkiewicz, beide Programmmacher für einen Tag. Wie andere Redaktionen auch, hatte die FAKT IST!-Redaktion Zuschauer, Hörer und Leser eingeladen, einen Tag das Programm mitzugestalten. Anlass ist das 25-jährige Bestehen des MDR. Naumann und Rosomkiewicz waren von der Redaktionssitzung an bis zu den letzten Vorbereitungen für die Sendung dabei. Sven Rosomkiewicz diskutierte am Abend sogar in der Live-Sendung mit.

25 Jahre MDR Programmmacher zu Gast bei FAKT IST!

menschen sitzen an einem tisch und unterhalten sich.
Bei FAKT IST! waren am Montag die Programmmacher Anke Naumann und Sven Rosomkiewicz (beide Bildmitte) zu Gast. Sie kamen mittags zur Redaktionssitzung in das Funkhaus. Bildrechte: MDR/Lisa Kettwig
menschen sitzen an einem tisch und unterhalten sich.
Bei FAKT IST! waren am Montag die Programmmacher Anke Naumann und Sven Rosomkiewicz (beide Bildmitte) zu Gast. Sie kamen mittags zur Redaktionssitzung in das Funkhaus. Bildrechte: MDR/Lisa Kettwig
Eine Frau und ein Mann sitzen an einem Set.
Bevor MDR SACHSEN-ANHALT mit dem Thema live auf Facebook ging, durften die Programmmacher schon einmal am Set Platz nehmen. Bildrechte: MDR/Lisa Kettwig
Programmmacher Sven Rosomkiewicz (links) diskutierte am Abend sogar in der Livesendung mit. Bildrechte: MDR/Lisa Kettwig
Vier Menschen stehen vor einer blauen Wand mit den Logos von MDR SACHSEN-ANHALT.
Und zum Schluss gab es natürlich ein Abschlussfoto: die Programmmacher mit FAKT IST!-Redaktionsleiterin Uta Kroemer (rechts) und Redakteurin Anja Schlender (links).

Dieses Thema im Programm:
MDR FERNSEHEN | FAKT IST! | 04.12.2017 | 22:05 Uhr

Quelle: MDR/ld
Bildrechte: MDR/Lisa Kettwig
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Talkrunde im Studio
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fakt ist! Mo 04.12.2017 22:05Uhr 58:40 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | FAKT IST! aus Magdeburg | 04.12.2017 | 22:05 Uhr

Quelle: MDR/ld

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2017, 05:24 Uhr

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23 Kommentare

06.12.2017 21:47 der_Silvio 23

Dieser Artikel vom MDR passt ja wie die sprichwörtliche Faust auf's Auge...; "Immer mehr Rentner gehen zu Tafeln" https://www.mdr.de/thueringen/mitte-west-thueringen/erfurt/tafeln-rentner-100.html

mfg

06.12.2017 21:38 Mediator an w.a.(21) 22

Wer die Rentenfrage diskutiert, der muss über Generationen und damit eben auch über die DDR diskutieren. Dadurch ergeben sich Kolonen unterschiedlicher Rahmenbedingungen und man kann erkennen, dass man kann NICHT so tun als kann, als würden Ostdeutsche generell schlechter gestellt als Westdeutsche.

Ein Arbeiter egal ob er 1000 oder 6000 € Brutto verdient erhält dafür im Osten aktuell 17% MEHR Rentenpunkte. Das ist ein massiver Vorteil für die aktuell Beschäftigten im Osten bei ihrer späteren Rente. Demgegenüber ist die zunehmend kleiner werdende Lücke von 4,3% bei aktuellen Bestandsrentnern weniger spürbar.

Gleichen Lohn für gleiche Arbeit ist übrigens eine Illusion und auch im Westen haben Bäcker in München, Würzburg oder Kleinhausen bei gleicher Arbeit nie den gleichen Lohn. Im gegensatz zu den Ostdeutschen die darüber jammern ist das für die Westdeutschen etwas völlig normales, weil bis auf den Mindestlohn nicht der Staat die Höhe des Gehaltes festlegt.

06.12.2017 14:56 w.a. 21

Mediator@19 Was sie schreiben ist nicht von der Hand zu weisen, bis auf "gleiches Brutto -17% mehr Rentenpunkte". Ist zwar im Prinzip i.O. Aber in welchen Berufszweigen gibt es gleiches Brutto Ost und West? Ich behaupte damit nicht, das es das nicht gibt aber doch recht wenig. Ausserdem werden die besser Bewertungen der Renten OST in den nächsten Jahren zurückgefahren, was ich für eine gefährliche Entwicklung halte wenn die Löhne dabei nicht in die Nähe der Westlöhne kommen. Unterschiedliche Löhne wird es immer geben, aber sie müssen ausgewogen zu den herrschenden Lebensumständen sein. Sie müssen aber nicht immer die frühere DDR mit ins Spiel bringen. Dort wurde auch gearbeitet, aber die Menschen wurden für ihre Arbeit nicht mit den richtigen Geld entlohnt. Das lag aber nicht an den vielen fleissigen Leuten sondern am System, das glücklicherweise überwunden wurde.

06.12.2017 13:14 Dorfbewohner 20

“Petra 4

...Stärkeres politische Engagement in Ostdeutschland mag ja schön sein, aber das Niveau auf dem sich das abspielt kann man doch sehr kritisch hinterfragen. Ich persönlich stelle kaum vermehrtes konstruktives Engagement fest. Den Kopf in den Sand stecken oder die Parolen von Rechtspopulisten aufgreifen hat ja wenig mit sinnvoller Politikgestaltung zu tun…”.

Sie kennen alle die tausendfachen Dörfer und Städte in Ostdeutschland und vor allem auch, was dort vonstatten geht? Sie stellen fest, dass dort kaum vermehrtes konstruktives Engagement vorhanden ist!

Grandios, einmalig, mindest guinnessbuchverdâchtig, glaube, da hätte sogar der Liebe Gott ziemlich zu tun!

Vermutlich aber extreme Selbstüberschätzung(so von ober herunter und bitte noch was, mal einen Moment nachdenken und dann antworten!).

Doch noch was, beschreiben Sie mal das Gleiche für den Westen.

06.12.2017 08:47 Mediator an Atze(18) 19

Lieber Atze,
sie wollen mehr Geld? Das ist völlig legitim, aber verraten sie mir auch wie sie das anstellen wollen. Herumzujammern und sich zu beklagen wie schlecht der Osten doch behandelt wird bringt sie da nicht weiter.
Stichwort Löhne: Ihren Lohn müssen sie schon selbst mit ihrem AG aushandeln. Wenn sie Glück haben hat das schon eine Gewerkschaft für sie erledigt. Gewerkschaften brauchen aber auch ZAHLENDE Mitglieder. Komisch, dass es von denen im Osten nicht sehr viele gibt.
Stichwort Rente: Zwischen Bestandsrenten Ost und West klaffen gerade noch 4,3%. Voll ungerecht dass es nach 40 Jahren Sozialismus noch solche eklatanten Unterschiede gibt. Was keiner erwähnt ist, dass jeder Arbeitnehmer Ost bei gleichem Brutto aktuell ca. 17% mehr Rentenpunkte sammelt als sein Kollege im Osten.
Sie sehen also sie jammern auf hohem Niveau ohne viel Sachkenntnis. Solche Leute lieben die Populisten besonders, da man denen alles erzählen kann solange man sie billig mit viel Pathos aufwertet.

05.12.2017 16:47 Atze 18

@Mediator 9:
...das ostdeutsche Minderwertigkeitsgefühl ... ",
wir treudeutsch Doofen DDRler haben von Ihnen im Westen gelernt,
...das wollen wir durch Kohle im Beruf, bei Renten usw.
haben.Unser Zusammengehörigkeitsgefühl ist immer noch!!! vorhanden, leider!!!!, lieber Mediator.
Und da wir wissen, dass wir uns nicht mit Lob ernähren und kleiden können, auch das haben wir in der Lektion der letzten 27 Jahre gelernt, wollen wir es cash auf die Hand. So wie sie spfechen, werden oder wollen? wie das wohl nie begreifen.

05.12.2017 16:02 Hor Es Te 17

Erstmal ein Lob für den MDR und die Moderatorin.Gut und wertfrei vom Medium MDR.Aber es wurde , denke ich deutlich das ein Herr Prof..Dr. Delhey zwar ÜGER die DDR sprechen , ja sogar "forschen " kann aber er hat hier nicht gelebt,geliebt,gearbeitet,gelacht und geweint.Ja und so kann auch nur jemand ehrlich,wahrheitsgemäß von seiner DDR sprechen.Und zwar wie er sie erlebt und gelebt hat.Und das ist so unterschiedlich wie Menschen unterschiedlich sind.Aber von der DDR sprechen ?Das spreche ich diesem herrn ab.Hoffentlich glauben nicht all seine Studenten das was er wie,worzählt und womit "begründet".Aber es gibt ja noch Eltern,Großeltern.

05.12.2017 15:23 der_Silvio 16

@8 Heike; "Der arme Ossi steht also nun auf und holt sich seine Würde zurück? Wie macht er dass den genau? Indem er Flüchtlingsheime anzündet, sich nicht mehr von den Werten des Grundgesetzes nechten lässt..."

Ich verweise sie an dieser Stelle gern auf einen Artikel von 'Tagesspiegel.de' vom 03.12.2015;
"Flüchtlinge in Deutschland
Seit Januar 93 Brandanschläge gegen Asylheime".

Solche Diffamierung wie diese von ihnen in ihrem Kommentar oder auch Schlaubischlumofator in #9 sind es doch, die den Ostdeutschen die Würde nehmen wollen!

Wenn Glück und Zufriedenheit nur mit Materialismus zu tun hat, ist der Mensch ärmer dran als er glauben mag!

05.12.2017 15:01 Mediator an Atze (13) 15

Sorry Atze, aber ohne zu differenzieren kommt bei ihrer Aussage nur ein unscharfer Brei heraus.

Grundsätzlich gilt, dass Menschen deren Erwerbsleben hauptsächlich in der DDR stattfand teils deutlich höhere Renten haben als ihr Pendant im Westen. Das lag daran, dass es in der DDR kaum Zeiten der Arbeitslosigkeit gab. Die von ihnen angesprochenen DDR-Omis haben de facto sehr gute Renten wenn sie wie in der DDR üblich durchgängig beschäftigt waren. In der BRD war dies aufgrund der fehlenden Betreuungsstruktur nur schlecht möglich und im Gegensatz zur an Arbeitskräften immer klammen DDR nicht nötig. Dafür haben diese West Rentnerinnen nun deutlich niedrigere Renten.

Zeiten der Arbeitslosigkeit verhagelten in der Wendezeit bei der Übergangsgeneration oft die Rentenbilanz. Diese Gruppe ist also besonders zu betrachten.

Aktuell sind die Unterschiede Ost/West zusammengeschrumpft, da heute Frauen in Ost und West ähnlich arbeiten.

05.12.2017 14:25 Josef 14

Glücklich muss man auch sein wollen. Wer immer nur das Negative im Blick hat und dazu neigt sich schlechter gestellt und benachteiligt zu fühlen, der wird wohl nie glücklich werden. Der Mensch neigt dazu die Vergangenheit zu verklären und all das Negative in der angeblich so guten alten Zeit auszublenden. Umgekehrt ist es genauso. In der Gegenwart nimmt man das Gute für Selbstverständlich und arbeitet sich am Negativen ab. Für jemanden ohne Job oder prekär beschäftigten mag die DDR wie ein Hafen im Sturm erscheinen, in dem jeder sein Auskommen hatte und die sozialen Unterschiede weniger deutlich zu spüren waren. Die meisten Menschen mit einem vernünftigen Auskommen wollen die DDR jedoch nicht geschenkt zurück und erkennen die Chancen die sie heute haben.