Alireza Kardooni, Mandy Mattke, Kloot Brockmeyer, André Nollmann
Ein Team der Hochschule betreut die Flüchtlinge, die in Magdeburg studieren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Willkommenskultur Sachsen-Anhalt Flüchtlingsprojekt an Hochschule Magdeburg-Stendal

Viele Flüchtlinge müssen ihre Heimat Hals über Kopf verlassen. Dabei bleibt meist keine Zeit, um Zeugnisse, Zertifikate und andere Dokumente einzupacken. Ab dem Wintersemester 2015/16 ermöglicht die Hochschule Magdeburg-Stendal politischen Flüchtlingen ein Studium, auch wenn diese keine Nachweise über ihre Hochschulzugangs-Berechtigung vorlegen können.

von Vanessa Gattermann

Alireza Kardooni, Mandy Mattke, Kloot Brockmeyer, André Nollmann
Ein Team der Hochschule betreut die Flüchtlinge, die in Magdeburg studieren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Hochschule Magdeburg-Stendal ist die erste Hochschule in Sachsen-Anhalt, die politischen Flüchtlingen mit Aufenthaltsgenehmigung auch bei unvollständiger Aktenlage ein Studium ermöglicht. Die Hochschule setzt damit ganz bewusst ein Zeichen. Sie beruft sich vor allem auf das Menschenrecht auf Bildung. Noch in diesem Jahr soll sich eine weitere Hochschule oder Universität in Sachsen-Anhalt der Initiative anschließen. Dann könnte weiteren Flüchtlingen ein Studium ermöglicht werden.

54 Flüchtlinge haben sich beworben

Flaggen an dem Mensagebäude der Hochschule Magdeburg-Stendal
Hochschule Magdeburg Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ende August fand ein erstes Orientierungsgespräch für alle Flüchtlinge statt, die das neue Angebot annehmen wollen. Während einige von ihnen bereits seit mehreren Jahren in Deutschland leben, sind andere erst vor zwei Monaten angekommen. Der Leiter des International Office der Hochschule Magdeburg-Stendal, André Nollmann, sagte, dass die Bewerber völlig unterschiedliche Hintergründe haben. Neben einem Interessenten aus Afghanistan, der in seinem Herkunftsland bereits als Englischdozent gearbeitet hat, saßen auch ausgebildete Krankenschwestern in der Bewerberrunde.

Nollmann war von der Ausdauer beeindruckt, die einige der Geflüchteten an den Tag gelegt haben. So berichtet er von zwei syrischen Frauen, die erst nach vier Stunden beim Orientierungsgespräch ankamen. Auf ihrem Weg von Stendal nach Magdeburg mussten sie sich mehrmals nach dem Weg erkundigen und wurden nach einer ersten Ankunft in Magdeburg zunächst nach Burg weitergeschickt. Am Ende kamen sie aber doch am Ziel an.

Eignungstests bei unvollständiger Aktenlage

Fünf Bewerber gaben an, eine Hochschulzugangsberechtigung erworben zu haben, konnten aber nicht alle geforderten Unterlagen vorlegen. Sie legen jetzt eine spezielle Prüfung ab. Die Prüfung besteht unter anderem aus einem Sprachtest und fachbezogenen Fragen. Bestehen die Bewerber den Eignungstest, können sie an der "Late Summer School" teilnehmen. Dabei handelt es sich um studienvorbereitende Kurse, die die Flüchtlinge gemeinsam mit anderen Studienanfängern besuchen.

In einem einjährigen Intensivsprachkurs erwerben die Geflüchteten außerdem das Sprachniveau C1, das Teil der Zulassungsvoraussetzungen für ein Studium an der Hochschule Magdeburg-Stendal ist. Haben sie diese Vorbereitungskurse abgeschlossen, können die Flüchtlinge zum Wintersemester 2016/17 ihr Studium aufnehmen.

Hochschule übernimmt Kosten

Die Kosten für die Gespräche und Kurse im Vorfeld des Studiums übernimmt die Hochschule. Den Semesterbeitrag und andere anfallende Kosten, zum Beispiel für die Beglaubigung von Dokumenten, muss der Flüchtling selbst tragen. Sie können aber, genau wie deutsche Studenten, einen BAföG-Antrag stellen. Ab Januar müssen die Flüchtlinge dafür mindestens 15 Monate in Deutschland leben. Bislang sind es mindestens vier Jahre.

"Erste Reaktionen verdammt positiv"

Ein Lageplan der Hochschule Magdeburg-Stendal auf dem Campus
Fünf Bewerber werden sich einem Eignungstest an der Hochschule unterziehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die bisherigen Reaktionen auf die Initiative sind nach Angaben der Hochschule "verdammt positiv". Der Leiter des International Office, Nollmann, sagte, vereinzelte kritische Nachfragen aus der Bevölkerung werden von den Organisatoren gesammelt und in einem FAQ-Katalog beantwortet.

Studenten, Dozenten und Mitarbeiter sind der Initiative gegenüber offen eingestellt und haben bereits Bereitschaft zur Mithilfe signalisiert – auch in ihrer Freizeit.

Bleiben die Flüchtlinge nach ihrem Studienabschluss in Sachsen-Anhalt, tragen sie zur Internationalität der Region bei und können als qualifizierte Fachkräfte eingesetzt werden. Kehren sie jedoch nach dem Studium zurück in ihr Herkunftsland, können sie dort die deutsche Sprache, Kultur und Bildung repräsentieren. Und sie können von der Gastfreundschaft in Magdeburg erzählen, so die Hoffnung der Hochschule.

Zuletzt aktualisiert: 06. September 2015, 21:03 Uhr

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15 Kommentare

11.09.2015 00:11 Norbert Doktor 15

Nach den ersten Orientierungsgesprächen mit den Flüchtlingen zeichnet sich ab, dass ab dem Wintersemester 2016/17 (nach erfolgreich absolvierten Deutschkursen) die ersten Flüchtlinge an der Hochschule studieren könnten. In nicht zulassungsbeschränkten Studiengängen alle, die sich regulär mit ausreichenden Nachweisen bewerben, in den zulassungsbeschränkten Studiengängen gibt es unterschiedliche Kapazitäten.

08.09.2015 20:56 Norbert Doktor 14

Nach den ersten Orientierungsgesprächen mit den Flüchtlingen zeichnet sich ab, dass ab dem Wintersemester 2016/17 (nach erfolgreich absolvierten Deutschkursen) die ersten Flüchtlinge an der Hochschule studieren könnten. In nicht zulassungsbeschränkten Studiengängen alle, die sich regulär mit ausreichenden Nachweisen bewerben, in den zulassungsbeschränkten Studiengängen gibt es unterschiedliche Kapazitäten.

08.09.2015 15:54 Lenz 13

Hier sollten sich bundesweit Hochschulen ein Beispiel daran nehmen. Allerdings sagt der Artikel nicht, wie viele Bewerber aufgenommen werden können.

08.09.2015 06:56 ACC 12

Jo, ist ne tolle Sache, hoffentlich erklären unsere Studierten den Flüchtlingen, dass andere Studierte, die im Bundestag sitzen, Waffen und Munition an Länder wie Saudi Arabien verkaufen, damit Saudi Arabien die Waffen bewusst weiter veruaft an den IS, wodurch bspw. der Bürgerkrieg in Syrien und Irak aufrecht erhalten wird. Unsere Bundesregierung ist hier nicht das Unschuldslamm.

07.09.2015 21:11 Harzer 11

Pegida marschiert in Dresden.

07.09.2015 19:36 Ulli D. 10

Als Absolventin dieser Hochschule begrüße ich dieses Projekt und gratuliere zu diesen innovativen und weltoffenen, unbürokratischen Maßnahmen. Ich wünsche allen Beteiligten gutes Gelingen und bin irgendwie sehr stolz auf meine ehemalige Bildungsstätte. Respekt und Glückwunsch!

07.09.2015 15:45 Sidonie Hirtes 9

An die Hochschule Magdeburg-Stendal.
Respekt und Glückwunsch zu diesem Projekt. Toll!!

07.09.2015 08:26 HH 8

Ich lese dei MDR Nachrichten nicht mehr um Neues zu erfahren sondern nur noch um mein Bild von Dekadenz; Ignoranz; Propaganda und Desinformation täglich auf's neue zu bestätigen. Danke MDR. Nach einem Wochenende ohne eure New's und in der Hoffnung so schlimm kann es nicht sein, holt ihr mich immer wieder auf den Boden der Realität zurück und zeigt: Es geht noch schlimmer in dem Land.

07.09.2015 08:18 ingok0391 7

Bemerkenswert ist Forderung nach C 1 im Sprachenzertifikat. Ich gehe davon aus das die Deutsche Sprache gemeint ist, wie auch immer, für C 1 braucht man mindestens fünf Semester. Dann schon mal viel Spaß beim Studieren

06.09.2015 23:13 martin 6

Alles nimmt nun seinen Lauf - Niemand kann später sagen,das konnten wir nicht wissen!