Jugendlicher sitzt am Computer und schaut auf seinen Bildschirm mit Twitter und Facebook Emblemen
Wird der Glaube traditionelle Informationsmechanismen ablösen? Bildrechte: IMAGO

ARD-Themenwoche "Woran glaubst du?" Politikpsychologe empfiehlt: Weniger Internet

In Zeiten, in denen immer mehr Menschen sich über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter informieren, steht die Glaubwürdigkeit von Nachrichtenmedien auf dem Prüfstand. Von "alternativen Nachrichten" und "Fake News" ist die Rede. Wie aber hängen Glaube und Informationsgesellschaft zusammen? Ein Interview.

von Stefan Bauerschäfer, MDR SACHSEN-ANHALT

Jugendlicher sitzt am Computer und schaut auf seinen Bildschirm mit Twitter und Facebook Emblemen
Wird der Glaube traditionelle Informationsmechanismen ablösen? Bildrechte: IMAGO

Wenn wir von Glauben reden, dann meinen wir damit nicht nur bestimmte Religionen, sondern auch Anschauungen darüber, wie unsere Gesellschaft funktioniert beziehungsweise funktionieren sollte. Eine entscheidende Rolle bei der Bildung solcher Anschauungen spielen die Nachrichtenmedien. Deren Glaubwürdigkeit steht durch die Präsenz von Internet und sozialen Medien mehr denn je auf dem Prüfstand. Wann glauben Sie denn, dass eine Nachricht wahr ist? In Zeiten von Fake-News ist das gar keine so einfache Entscheidung.

Thomas Kliche ist Politikpsychologe an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Er erforscht die Wahrheitsmechanismen in unserer Informationsgesellschaft. Und er ist überzeugt: Ganz ohne Glauben geht es nicht.

MDR Sachsen-Anhalt: Herr Kliche, was haben Glaube und Informationsgesellschaft miteinander zu tun?

Thomas Kliche: In der Informationsgesellschaft glauben die Menschen an den Interdiskurs. Das ist die Summe aus allem, was Wissenschaft, Verwaltung, aber auch Qualitätsmedien – also die professionalisierten Wahrheitsproduzenten – an Einsichten hervorbringen. Und die müssen wir auch glauben. Denn kaum einer von uns ist imstande zu prüfen, dass – sagen wir mal – das Bruttosozialprodukt korrekt berechnet wird, oder ob die Relativitätstheorie stimmt. Das heißt, viel von dem, worauf unsere gemeinsamen Überzeugungen in dieser Gesellschaft beruhen, ist ganz schlicht Glaubenssache. Wir vertrauen also diesem Gemisch aus grundlegenden Strömungen über Orientierungen unserer Gesellschaft.

In Zeiten von Online und Social Media gibt es immer mehr Menschen, die diesen Interdiskurs, von dem Sie sprechen, anzweifeln. Woher kommt diese Skepsis?

In dem Moment, wo der Interdiskurs angegriffen wird, wo die Leute sagen, das kann doch nicht stimmen, da bilden sich Sekten und sogenannte Eingeweihte. Eingeweihte sind Menschen, die offenbar mehr wissen als der Interdiskurs, und die auf ihrem Spezialgebiet behaupten: Das ist falsch. Dann brauchen sie irgendwelche Belege dafür. Masse ist ein Beleg dafür, etwa in Form vieler Follower. Und auch Nähe ist ein Beleg dafür (wenn ich es doch selber erlebt habe).

Könnte das auf Dauer die traditionellen Informationsmechanismen ablösen?

Politikpsychologe Thomas Kliche im MDR-Landesfunkhaus in Magdeburg.
Thomas Kliche ist Politikpsychologe an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Da wir selber uns dran gewöhnt haben, dass wir die wenigsten Ereignisse nachprüfen oder nachprüfen können, ist es eine grundlegende Entscheidung, wem wir da den Vertrauensvorschuss geben: dem Interdiskurs aus Wissenschaft, Verwaltung und Qualitätsmedien oder irgendwelchen Leuten, die sagen, ja ich bin ein Eingeweihter und deshalb weiß ich's. Die Schwierigkeit bei diesen Eingeweihten besteht nämlich darin, dass die in der Regel nur die anderen Eingeweihten überhaupt als Prüfung ihrer Wirklichkeit zulassen können.

Können 'alternative Nachrichten' auf Dauer nachhaltig mein Weltbild verändern?

Nicht in so kurzer Zeit. Kurzfristige Aufdeckung und Entlarvung haben selten den Effekt von Aufklärung bei den Menschen. Die Menschen reagieren meistens erstmal damit, dass sie ihr altes Weltbild aufrechterhalten, egal ob es überzeugend widerlegt wird oder nicht. Zum Beispiel sind Mehrheiten der Amerikaner immer noch zu glauben geneigt, man hätte im Irak Massenvernichtungswaffen gefunden. Menschen versuchen in einem sehr klaren, eindeutigen Weltbild zu leben; und wenn da Fakten irgendwie nicht ganz reinpassen, dann werden die erstmal flachgebrettert – Hauptsache, sie passen zum eigenen Weltbild.

Viele Menschen sind mittlerweile geneigt zu sagen, sie glauben gar nichts mehr.

Das ist Quatsch. Der Interdiskurs ist gerade in Zeiten von Fake-News und Social Media die Leitlinie. Er wird eigentlich hinten herum immer wichtiger. Kein Mensch, der die Mondlandung bezweifelt, zweifelt an, dass es den Mond gibt; dass er um die Erde kreist; dass es ein Planetensystem gibt; dass die Erde eine Kugel ist. In dem Moment, wo wir wirklich alles anzweifeln, sind wir sozial nicht mehr handlungsfähig. Wir glauben zum Beispiel, dass es Social Media gibt, dass es Leute gibt, die eingeweiht sind. Also wir müssen an irgendwas glauben, um nur den Satz sagen zu können: ich glaube an gar nichts mehr. Das ist eine undurchdachte Übertreibung.

Sie können nicht an gar nichts glauben, wenn Sie in einer Gesellschaft leben. Sie müssen irgendwelche Tatsachen und Quellen haben, auf die Sie sich beziehen. Die werden in unserer Gesellschaft bereitgestellt vom Interdiskurs, also der beruflichen Produktion von Wahrheit durch Wissenschaft, durch Qualitätsmedien und durch die Verwaltung. Wenn Sie sich daneben bewegen, dann verlieren Sie jeden Halt und sind auch sozial nicht mehr anschlussfähig.

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6 Kommentare

14.06.2017 20:29 Agnostiker 6

Jeden Abend "tagesshoah", "das Wort zum Sonntag" und auch noch daran glauben,das koennte dem bezahlte Politikpsychologen so passen! XD
"Qualitätsmedien [...] die professionalisierten Wahrheitsproduzenten"
Absicht oder ein Freudscher Versprecher?
Sie "produzieren" die Wahrheit ihrer Auftraggeber,welche gewiss "richtig" ist.
Nun interessiert es niemanden,ob die BRD Machthaber vollendete Tatsachen schaffen um diese danach mehr oder minder wahrheitsgetreu in den Staatsmedien und der Lizenzpresse nach-zu richten,es geht bei der Informationsauswahl ausschiesslich darum,ueber geschehene Ereignisse wahrheitsgemaess informiert zu werden,auf dessen Entstehung "unser freiester Staat der deutschen Geschichte" keinen Einfluss hatte und hat ( III. Reich,Globalpolitik). Der Rest ist "Aktuelle Kamera".
In diesem Zusammenhang faellt mir uebrigens die Institution der "Geschichtswerkstatt" ein.
Ein "wahrheitsproduzierendes" weltweites Unikum,welches sich auf das Gebiet der BRD beschraenkt. ;)

14.06.2017 18:59 Gert 5

Der Herr Kliche weiß wohl nicht das der MDR mit seinem Internetauftritt nicht gerade zu den Verbreitern von Fake News ist. Ich hole meine Informationen fast 100 % aus dem Internet und weiß, wo es garantiert keine Fake News gibt. Bei den öffentlichen- rechtlichen Sendern, bei deren Internetauftritt und bei Internetauftritten der seriösen Tageszeitungen. Also man kann das Internet 100 % nutzen, wenn man weiß, welche Seiten man meiden muß.

14.06.2017 15:49 Fragender Rentner 4

Zitat von Oben: Politikpsychologe empfiehlt: Weniger Internet

Dem Internet soll man nicht glauben, warum soll man den anderen glauben?

Wollen doch alle nur ihr Bestes oder unser Bestes?

14.06.2017 14:21 Barth Brandt 3

Wer die Möglichkeit hat, sollte die alten antiken Klassiker lesen. Damit verschafft man sich Abstand von der Propaganda seiner Zeit.

14.06.2017 13:07 Beeindruckt 2

Und die Lösung des "Experten": konsumiere der Bürger doch einfach nur noch aus politisch genehmen Quellen.
Sehr einleuchtend.

14.06.2017 09:10 P. Achim Tettschlag 1

Kirchentage 2017 - Was kann man noch glauben?
Der noch derzeitige Außenminister Gabriel (SPD) verkündet just nach den Kirchentagen im Lutherjahr 2017 in Berlin sowie in anderen historischen Städten, den deutschen Waffenexporten nunmehr einen demokratischen Anstrich zu geben. Offenbar hat ihn ermutigt, dass kein Kirchenoberhaupt einer der beiden großen Kirchen hierzulande in den Ansprachen eine klare ablehnende Haltung dazu geäußert hat und erstaunlicher Weise auch militärischen Auslandseinsätzen deutscher Soldaten keinen vernehmbaren Widerspruch entgegensetzte.
Waffenexporte sind heutzutage m. E. eine moderne Form von Stellvertreterkriegen, die nun voraus-sichtlich zwar der Zustimmung des Deutschen Bundestages bedürfen, aber immerhin ohne unmittelbare Befürwortung des Souveräns, der diese gewählten Politiker schließlich mit seinen Steuergeldern entlohnt. Da kann man fürwahr den Glauben sowohl an eine verlässliche Friedenspolitik als auch an die Institution Kirche verlieren!