Region Halle

Immer mehr Ausbildungs-Abbrecher : Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Das sagte man den Auszubildenden im 20. Jahrhundert, wenn sie mal wieder Arbeiten erledigen mussten, die sonst keiner machen wollte. Heute gilt: Ausbildung soll Spaß machen! Aber macht sie das auch? Immer mehr Azubis brechen die Lehre vorzeitig ab. Und das obwohl die Betriebe immer wieder vom Fachkräftemangel reden und ein Interesse daran haben sollten, die Jugendlichen zu halten. Besonders hoch ist die Zahl der Abbrecher in Sachsen-Anhalt.

von Ralf Geissler

Micha aus Halle hat einen Traum. Der junge Mann will Koch werden und sagt: "Das ist einfach ein schöner Job, den man überall machen kann. Man kann sich überall bewerben. In jedem Land, in jedem Ort." Das Problem ist nur: Koch zu sein, scheint nicht schwer; Koch zu werden dagegen sehr. Micha hat bereits einem Ausbildungsbetrieb wieder gekündigt. Er kam nicht klar dort, suchte sich eine neuen Ausbilder. Kein Einzelfall. Insgesamt wurden im Kammerbezirk Halle-Dessau vergangenes Jahr mehr als 12 Prozent aller bestehenden Lehrverträge vorzeitig aufgelöst. Tendenz steigend.

Trinkgeld bitte selbst mitbringen

An der Johann-Christoph-von-Dreyhaupt-Berufsschule in Halle haben die Schüler viele Ideen, woran das liegen könnte: "Nicht alle, aber viele behandeln die Azubis einfach schlecht am Anfang. Man macht halt nur die Zuarbeiten. Das, was man lernt, das bekommt man in der Schule eingetrichtert, aber nicht auf Arbeit. Ich denke, das liegt vielleicht an den schlechten Bezahlungen und denke auch dass es daran liegt, dass sie auch eine falsche Vorstellung haben vom Beruf."

Köche kochen
MDR INFO

Lehrjahre sind keine Herrenjahre

15.01.2013, 06:17 Uhr | 02:52 min

In der Gastronomie ist die Abbrecher-Quote besonders hoch – jeder dritte Lehrling gab vergangenes Jahr auf. Die Berufsschüler erzählen von Betrieben, in denen man nach der Spätschicht gleich wieder Frühschicht machen müsse. Von Chefs, die das Trinkgeld einkassieren und verlangen, dass man das Wechselgeld privat mitbringt. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Sachsen-Anhalt-Thüringen hat eine Studie über Ausbildungsabbrecher gemacht. Per Kropp hat sie geleitet und sagt: "Wir haben die ersten Auswertungen unserer Befragung vorliegen. Und danach sind die wichtigsten Gründe für einen Abbruch Konflikte mit Ausbildern und ein schlechtes Betriebsklima. Also könnte man danach schauen, ob die Art und Weise, wie in Unternehmen mit den Azubis umgegangen wird, nicht eine Stellschraube ist, um die Ausbildungsabbrüche zu reduzieren."

Konfliktmanagement gefragt

Kropp empfiehlt den Ausbildungsbetrieben, sich mit Konfliktmanagement zu befassen, um Probleme frühzeitig zu erkennen und zu lösen. Bei der IHK Halle-Dessau sieht man die gestiegenen Abbrecherzahlen nicht so dramatisch. Simone Danek ist Geschäftsführerin für Aus- und Weiterbildung. Sie sagt: "Die Zahl der Ausbildungsabbrüche ist vor allem deshalb gestiegen, weil die jungen Leute es sich jetzt aussuchen können. Wir haben junge Leute, die haben gleich drei Ausbildungsverträge abgeschlossen. Und wenn derjenige dann kommt und es bleiben zwei Stellen leer, zählt das schon als Abbruch." Trotzdem fallen die extremen Unterschiede nach Branchen auf. Neben der Gastronomie geben auch Lehrlinge zum Friseur, Lageristen und Verkäufer extrem häufig auf. Besonders zufrieden scheinen Azubis in der chemischen Industrie zu sein. Die Zahl der vorzeitig aufgelösten Ausbildungsverträge zum Chemikanten lag vergangenes Jahr in Sachsen-Anhalt bei nur rund zwei Prozent.

Zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2013, 11:16 Uhr

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