Tröglitz im Burgenlandkreis
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Streit um Asylbewerber Der Fall Tröglitz - eine Chronik

Tröglitz im Burgenlandkreis: gut 2.700 Einwohner, etwa 11,6 Quadratkilometer groß. Der Ort wurde in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts erbaut. Damals wurden dort Arbeiter der früheren Braunkohlen-Benzin AG untergebracht. - Im März und April 2015 wird der Ort deutschlandweit bekannt. Grund ist der Konflikt um eine geplante Unterbringung von Flüchtlingen. In Tröglitz stoßen Machtlosigkeit der Politik und Angst der Bürger aufeinander. Der Konflikt eskaliert - ein Wohnhaus brennt, Politikern wird mit Mord gedroht. MDR SACHSEN-ANHALT dokumentiert die Geschehnisse chronologisch.

Tröglitz im Burgenlandkreis
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Dezember 2014: Ein Plan und viele Gerüchte

Der Gemeinderat von Elsteraue, zu der die Ortschaft Tröglitz gehört, erfährt, dass die Kreisverwaltung des Burgenlandkreises 60 Flüchtlinge in Wohnungen des Ortes unterbringen will. Die Sitzung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Dennoch machen schnell Gerüchte im Ort die Runde.

20. Dezember 2014: Der Ortsbürgermeister tritt die Flucht nach vorne an

Markus Nierth lässt im zweimonatlich erscheinenden "Informations- und Heimatblatt der Gemeinde Elsteraue" einen Brief an seine Bürger abdrucken. Darin spricht er offen über eigene Ängste und ermutigt die Tröglitzer gleichzeitig, in dieser Situation zusammenzustehen.

Wir möchten eigentlich keine Asylanten hier in Tröglitz haben, weil wir die bisherige soziale Struktur schon durch einheimische Kriminelle und sich unsozial benehmende Menschen genügend überanstrengt sehen. Wir ahnen, das wird Probleme geben. […] Ich möchte Ihnen deutlich machen, dass ich hier nicht von 'heile heile Multikulti' rede, daran glauben wohl nur noch Menschen, deren Wohnhäuser weit weg von Asylantenheimen stehen, wir nicht. […] Liebe Tröglitzer, geben Sie 'den Fremden' eine Chance, schon um unsretwillen, denn sonst verliert Tröglitz womöglich!

Markus Nierth, seinerzeit Ortsbürgermeister von Trölitz im "Informations- und Heimatblatt der Gemeinde Elsteraue", Ausgabe Dezember 2014

Anfang Januar 2015: Beginn der sonntäglichen Demonstrationen

Die Angst vor Flüchtlingen treibt sonntags Tröglitzer Bürger auf die Straße. Die Versammlungen finden unter Führung des NPD-Kreisrates Steffen Thiel statt. Parallel zu den Demonstrationen organisiert Nierth mit dem Ortspfarrer Friedensgebete. Die in Anlehnung zu den "Pegida"-Aufzügen wöchentlich stattfindenden "Lichterspaziergänge" ziehen im Schnitt 70 Teilnehmer an. Nach den Worten Nierths werden zu den Demonstrationen auch viele Unterstützer "herangekarrt".

29. Januar 2015: Landrat wird über Bedenken informiert

Tröglitz‘ Ortsbürgermeister Nierth, seine Frau und der Bürgermeister der Verbandsgemeinde sprechen mit dem Landrat über die Sorgen und Bedenken der Tröglitzer, weisen dabei auf die soziale und politische Struktur des Ortes hin. Landrat Ulrich will dem Kreistag vorschlagen, nicht mehr als 40 Personen in Tröglitz aufzunehmen.

5. März 2015: Landkreis machtlos, Nierth fassungslos

Marcus Nierth
Anfang März zieht Markus Nierth die Notbremse. Bildrechte: dpa

Nierth erfährt nach eigener Aussage, dass die für den 8. März angemeldete Demonstration bis vor sein Privathaus führen soll, wo eine Kundgebung geplant ist. Zur Ortschaftsratssitzung am Abend erscheint ein Beamter aus dem Landratsamt. Dieser berichtet, dass er mit NPD-Kreisrat Steffen Thiel Stunden zuvor die geplante Route abgelaufen war - auch die Straße, in der Nierth wohnt. Der Beamte beteuerte, er hätte Nierth am nächsten Morgen über die Pläne informieren wollen. Die Demo sei nicht mehr zu verhindern gewesen. Nierth kündigt noch in der Ortschaftsratssitzung seinen Rücktritt an.

6. März 2015: Der Rücktritt

Am Freitagnachmittag gibt Nierth seinen Rücktritt vom Amt des Ortsbürgermeisters bekannt. Der Anmelder der Demo streicht daraufhin die Kundgebung vor Nierths Haus.

7. März 2015: Enttäuschung über die Verwaltung

Nierth begründet bei Facebook seinen Rücktritt. Er bemängelt die fehlende Unterstützung durch die Verwaltung: "Was aber dem Fass den Boden ausschlug, war die Erkenntnis, dass man im Landratsamt nicht willig oder fähig ist, von vornherein mit geeigneten Argumenten solch eine Demonstration vor meinem Wohnhaus zu unterbinden."

8. März 2015: Die Öffentlichkeit wird aufmerksam

Götz Ulrich, Landrat des Burgenlandkreises
Landrat Ulrich bedauert die Geschehnisse. Bildrechte: IMAGO

Der Rücktritt von Nierth ist nun bundesweit Thema. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahllknecht besucht den Ort. Er wolle ein Zeichen setzen, sagt er in Tröglitz. Und er sei schockiert über den Rücktritt. 

Der Landrat des Burgenlandkreises, Götz Ulrich, bedauert den Rücktritt von Nierth.  Dieser reiße eine Lücke und komme mit Blick auf die Entscheidung des Kreistages am Montag über die Unterbringung von Asylbewerben in Tröglitz zur Unzeit.

9. März 2015: Kreistag beschließt Unterbringung von Flüchtlingen

Der Kreistag beschließt, im Mai 40 Asylbewerber oder Flüchtlinge in Tröglitz aufzunehmen. Landrat Ulrich bezeichnet den Rücktritt von Nierth nochmals als nicht nötig: "Es stimmt nicht, dass die Behörden den Bürgermeister im Stich gelassen haben". 

12. März 2015: Land will ehrenamtliche Bürgermeister besser schützen

Als Reaktion auf die Ereignisse in Tröglitz legt Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht einen Erlass zum Schutz ehrenamtlicher Politiker vor. Unter anderem sollen Nazi-Aufmärsche vor Wohnhäuser der Politiker nicht mehr möglich sein.

15. März 2015: Wieder Aufmarsch von Rechtsextremen und Einwohnern

Protest gegen den Brandanschlag auf ein geplantes Flüchtlingsheim in Tröglitz
Der Protestmarsch der Asylbewerberheimgegner am 15. März. Bildrechte: IMAGO

An diesem Sonntag demonstrieren rund 180 Rechtsextreme in Tröglitz gegen die Unterbringung von Asylbewerbern. Sie dürfen aber nur über Nebenstraßen laufen - und nicht an den Wohnungen ehrenamtlicher vorbeimarschieren. Der Landkreis untersagte außerdem dem bekannten Rechtsextremisten Hans Püschel einen Auftritt als Redner.

Etwa 200 Anwohner nehmen zeitgleich an einem Friedensgebet in der Tröglitzer Kirche teil.

16. März 2015: Ermittler prüfen Morddrohungen gegen Nierth

Das Landeskriminalamt prüft Morddrohungen gegen Nierth. Der Sprecher des Landeskriminalamtes Andreas von Koß sagt MDR SACHSEN-ANHALT, die Situation in Tröglitz sei sehr ernst. Erste Schutzmaßnahmen greifen.

18. März 2015: Schmierereien an geplanter Flüchtlingsunterkunft

An dem Gebäude in der Ernst-Thälmann-Straße wird ein Hakenkreuz entdeckt. Das Kreuz an der Hauswand ist etwa 20 Zentimeter groß.

31. März 2015: Bürgerversammlung zur Ankunft der ersten Flüchtlinge

500 Einwohner kommen zu der Einwohnerfragestunde über die Unterbringung von Flüchtlingen in das Kulturzentrum Alttröglitz. Landrat Götz Ulrich informiert über die Vorbereitungen. Viele Bürger machen ihrem Unmut Luft. Sie seien zu spät über die Pläne informiert worden.

Nierth und der evangelische Pfarrer Matthias Keilholz stellen auf der Versammlung eine "Tröglitzer Erklärung" vor, in der eine neue Willkommenskultur und Wege zur Integration der Flüchtlinge angesprochen werden.

4. April 2015: Brand in geplanter Flüchtlingsunterkunft

Am Ostersamstag wird ein Feuer in der geplanten Asylbewerber-Unterkunft in der Thälmann-Straße gelegt. Die Staatsanwaltschaft spricht von einer "besonders schweren Brandstiftung". Zwei Menschen wohnen in dem Haus, sie können sich retten.

Noch am selben Tag demonstrieren 300 Menschen in Tröglitz gegen Ausländerhass und Gewalt. Unter den Demonstranten ist Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff, der sichtlich wütend ist.

6. April 2015: Morddrohungen gegen Landrat

Landrat Götz Ulrich macht Emails mit Morddrohungen gegen ihn und seine Familie öffentlich. Die Täter drohen dabei an, wie bei der "französischen Revolution mit ihm umzugehen". Die Polizei verstärkt den Personenschutz.

7. April: Kopfgeld für Brandstifter, weniger Flüchtlinge

Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht entscheidet, 20.000 Euro Prämie für Hinweise auf die Brandstifter von Tröglitz auszusetzen. Die Ermittlungsgruppe "Kanister" mit 17 Beamten ermittelt derweil in alle Richtungen. Sie vermutet, der Anschlag könnte aus dem rechten Spektrum heraus begangen worden sein. Sie hält es aber auch für möglich, dass die Tat begangen wurde, um das politische Spektrum zu diskreditieren.

Ferner sollen laut Stahlknecht im Mai zunächst nur zehn Flüchtlinge aufgenommen und in privaten Unterkünften untergebracht werden.

8. April 2015: Polizei befragt Einwohner von Tröglitz

Bei der Fahndung nach den Brandstiftern von Tröglitz befragt die Polizei auch die Einwohner des 2.800-Seelen-Ortes. Laut LKA-Direktor Jürgen Schmökel erhoffen sich die Beamten der Ermittlergruppe "Kanister" Hinweise auf den oder die Täter. Inneminister Stahlknecht schließt unterdessen auch die Möglichkeit eines linksextremistischen Hintergrundes nicht aus. Es werde in alle Richtungen ermittelt.

9. April 2015: Polizei setzt in Tröglitz Videotechnik ein

Die Polizei will jetzt mit Videotechnik für mehr Sicherheit in Tröglitz sorgen. Wie das Landeskriminalamt mitteilte, wird der Tatort ab sofort mit Kameras überwacht. Damit sollen künftige Straftaten verhindert werden. Erste Kameras wurden am Vormittag installiert. Die Aufnahmen werden ins Polizeirevier Weißenfels übertragen, aufgezeichnet und nach 72 Stunden wieder gelöscht. Zunächst soll die Videoüberwachung ein halbes Jahr dauern.

16. April 2015: Thomas Körner ist der neue Bürgermeister von Tröglitz

Sechs Wochen nach dem Rücktritt des Tröglitzer Bürgermeisters, Markus Nierth, hat der Ortschaftrat einen Nachfolger gewählt. Der parteilose Thomas Körner übernimmt das Amt. Zuvor war lange Zeit nicht klar, wer für das Amt kandidieren wird.

Der 52-jährige gelernte Kfz-Mechaniker dankte in seiner Antrittsrede Nierth für dessen Engagement. Körner wolle dafür eintreten, dass Tröglitz zur Ruhe kommen könne und der Ort nicht mit rechtsextremem Gedankengut in Verbindung gebracht werde.

1. Mai 2015: Bürgerfest wird abgesagt

Tröglitz im Burgenlandkreis hat sein für den 1. Mai geplantes Familienfest abgesagt. Grund dafür war eine Kundgebung der Antifa, die das Oberverwaltungsgericht erst am Vorabend genehmigt hatte. Die Gemeinde befürchtete Krawalle. Mit dem Familienfest wollte Tröglitz zeigen, dass die Menschen dort friedlich zusammenleben.

10. Juni 2015: Ankunft der ersten Flüchtlinge

Der Burgenlandkreis teilt mit, dass die ersten Flüchtlingsfamilien in Tröglitz am Dienstag eingetroffen sind. Zwei Familien kommen aus Afghanistan und eine Familie aus Indien. Für die drei Familien stehen zwei Wohnungen bereit. Der ehemalige Ortsbürgermeister Markus Nierth übernimmt Patenschaften für die zwei afghanische Familien.

21. Juni 2015: Benefizkonzert bringt über 7.000 Euro

Gut 900 Menschen haben ein Benefizkonzert in Alt-Tröglitz besucht und dabei vorläufig über 7.200 Euro gespendet. Die Summe könnte noch steigen. Flüchtlingen sollen damit Sprachkurse ermöglicht werden.

27. Juli 2015: Polizei sucht weitere Zeugen

Rund vier Monate nach dem Brandanschlag auf eine bezugsfertige Flüchtlingsunterkunft in Tröglitz hat die Polizei einen neuen Zeugenaufruf gestartet. Wie das das Landeskriminalamt am Montag in Magdeburg mitteilte, werden sieben Menschen, die laut Zeugenaussage in der Tatnacht in der Nähe des Brandorts gewesen seien, gesucht.

08. September 2015: Offenbar konkrete Hinweise auf die Täter

Wie die "Mitteldeutsche Zeitung" schreibt, gibt es eine konkrete Spur. Mit Fingerabdrücken und DNA-Spuren rücken die Ermittler den Tatverdächtigen des Anschlags näher. Sie sollen aus der Region stammen.

08. Oktober 2015: Tatverdächtiger festgenommen

Nach etwa sechs Monaten Ermittlungen hat die Staatsanwaltschaft in Halle Haftbefehl gegen einen Tatverdächtigen erlassen. Der Mann wurde in Gewahrsam genommen. Landrat Götz Ulrich fordert ein schnelles Verfahren.

09. Oktober 2015: Verdächtiger soll NPD-Sympathisant sein

Der mutmaßliche Brandstifter von Tröglitz stammt aus dem Ort und sympathisiert mit der rechtsextremen NPD. Der Mann verbreitete auf seiner Facebook-Seite Fotos von NPD-Demonstrationen in Tröglitz. Außerdem teilte er Fotos vom Brandort.

16. Oktober 2015: Tatverdächtiger von Tröglitz wieder frei

Der wegen des Tatverdachts auf Brandstiftung festgenommene Mann ist wieder freigelassen worden. Außerdem wurde der Haftbefehl gegen 22-Jährigen aufgehoben. Laut Staatsanwaltschaft und LKA liegt gegen ihn kein dringender Tatverdacht mehr vor.

4. Januar 2016: Landkreis nimmt Abstand von Brandhaus

Das geplante Flüchtlingsheim in Tröglitz im Burgenlandkreis wird es nicht geben. Das hat Landrat Götz Ulrich entschieden. Das Brandhaus soll erst 2017 fertig saniert sein. Für den Landkreis sei das nicht mehr interessant, weil die Prognosen für Flüchtlinge zu unsicher sind, so Ulrich.

4. Juli 2016: Polizeiliche Ermittlungen abgeschlossen

Die polizeilichen Ermittlungen zum Brandanschlag auf die geplante Asyunterkunft sind abgeschlossen und an die Staatsanwaltschaft in Halle übergeben worden. Das sagte Oberstaatsanwalt Klaus Wiechmann MDR SACHSEN-ANHALT. Die Staatsanwaltschaft muss nun entscheiden, ob der Fall eingestellt oder ob Anklage erhoben wird. Die Ermittlungen hatten zuletzt allerdings keine neuen Hinweise auf einen möglichen oder mehrere mögliche Täter erbracht.

11. Juli: Ermittlungen im Fall Tröglitz eingestellt

Der Brandanschlag von Tröglitz wird unaufgeklärt zu den Akten gelegt. Nach der Polizei teilte nun auch die Staatsanwaltschaft Halle mit, dass sie nicht weiter ermitteln werde. Man sei rund 350 Hinweisen zu Personen und Gegenständen nachgegangen. Außerdem habe es hunderte Befragungen und Vernehmungen gegeben.

Zuletzt aktualisiert: 22. Juli 2016, 11:54 Uhr