Blick über die Naumburger Altstadt
Zwei Tage vor der Bundestagswahl hat MDR SACHSEN-ANHALT mit Menschen aus Naumburg gesprochen. Bildrechte: Christian Burckhardt

Reportage zur Bundestagswahl "Ich erhoffe mir gar nichts"

Wie blicken ganz normale Sachsen-Anhalter auf die Bundestagswahl am Sonntag? Bei einem Besuch in Naumburg zeigt sich: Einige können das Thema nicht mehr hören, wollen sich nicht äußern. Andere werden ganz leidenschaftlich.

von Luise Kotulla, MDR SACHSEN-ANHALT

Blick über die Naumburger Altstadt
Zwei Tage vor der Bundestagswahl hat MDR SACHSEN-ANHALT mit Menschen aus Naumburg gesprochen. Bildrechte: Christian Burckhardt

René Rudolph steht in einem kleinen Kiosk an der Ecke, gleich am Bahnhof. Der Naumburger ist Lokführer, an diesem Freitagvormittag hat er frei. Im warmen Kiosk überbrückt er die Zeit bis zu einem Zahnarzttermin. Hier kennt man sich, die wenigen Gäste scherzen mit jedem, der neu zur Tür hereinkommt und einen Kaffee bestellt. Über die Bundestagswahl will bis auf René Rudolph keiner reden. Der 47-Jährige hat für die Wahl am Sonntag einige Wünsche. Der größte: "Dass von dem, was man arbeitet, ein paar Euro mehr übrig bleiben."

Ein Mann steht vor einem Bahnhof
René Rudolph ist Lokführer und arbeitet auch schon mal zehn Tage am Stück. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

"Ich bezahle allein knapp 800 Euro Lohnsteuer pro Monat", sagt Rudolph. Dafür arbeite er ungefähr 220 Stunden, weit mehr, als üblich. "Ich bin bundesweit unterwegs, zehn Tage am Stück" und zwar für einen privaten Bahnanbieter. Zu Hause ist er nur selten. Ihn ärgert, dass von seinem hart verdienten Geld zu wenig bei ihm ankommt. Rudolph wünscht sich eine Steuerreform. Noch ein Punkt, den er nicht verstehen kann: Seine 18-jährige Tochter bekommt in ihrer Ausbildung kein BAföG. "Ich verdiene angeblich zu viel. Das ist alles so ein bisschen ungerecht." Seine Ausgaben pro Monat würden niemanden interessieren, nur das Bruttoeinkommen. Wählen geht er am Sonntag trotzdem.

Hoffen auf einen neuen Bundeskanzler

Angela Merkel
Auf Bundeskanzlerin Angela Merkel ist nicht jeder in Naumburg gut zu sprechen. Bildrechte: IMAGO

Anders eine junge, hübsche Frau, die auf einer Bank am Bahnhof sitzt. Sie gibt ihrer kleinen Tochter im Kinderwagen das Fläschchen. Wählen gehen will sie auf keinen Fall. "Ich habe eigentlich wenig Hoffnung. Ich denke, alles wird gleich bleiben, weil die Merkel an der Stelle bleiben wird, wo sie ist." Sie hofft, dass Angela Merkel nicht wieder Bundeskanzlerin wird und dass weniger Migranten in die Region kommen. Dabei denkt sie auch an die Auseinandersetzungen, die es immer wieder mit einer syrischen Großfamilie in Naumburg gab. Für sich und ihre Tochter wünscht sie sich, dass die Gebühren für Kitaplätze gesenkt werden. Den Platz habe sie sicher, doch es sei schwer gewesen, überhaupt einen zu finden. Mehr Kitaplätze stehen deshalb auch auf ihrer Wunschliste.

Was andere Eltern mit kleinen Kindern denken, war am Freitagvormittag nicht zu erfahren. Von "keine Zeit" bis "kein Interesse" reichten die Antworten. Besonders am Marktplatz hagelte es Absagen. Hier wollten auch Geschäftsinhaber nichts sagen. "Ich habe keine Lust, was soll das bringen". Ein freundlich aber bestimmtes "Nö" ohne Begründung. Man habe Bedenken, was die Kunden zu den Antworten sagen würden. Die Reaktionen sind so vielfältig wie die hübschen Läden. Und dann zwei Frauen mit Fahrrad auf dem Marktplatz, sie rauchen und plaudern. Von der Wahl, etwas erhoffen? "Ich erhoffe mir gar nichts", lautet die resignierte Antwort.

22 Kinder in einer Kindergartengruppe

Eine der beiden Frauen hat zwei Kinder. Die größere Tochter geht auf eine Schule für Lernbehinderte in Naumburg, das andere Mädchen in den Kindergarten. "Mir tun am meisten die Kinder leid", sagt sie. In der Klasse ihrer Tochter würden nun auch Hauptschüler lernen. "Meine Tochter kommt damit gar nicht klar". Sie werde von den normalen Kindern gehänselt. Bei ihrer kleineren Tochter gäbe es auch Schwierigkeiten, wenn auch etwas anderer Art: "Bei ihr im Kindergarten sind 22 Kinder in einem kleinen Raum, die trampeln sich regelrecht auf die Füße." Mehr für Schulen und Kindergärten tun, das wünscht sie sich von der Politik.

Ein Mann und eine Frau im Supermarkt. Er sitzt an der Kasse, sie legt ihre Hände auf seine Schultern.
Ehepaar Pape führt einen Supermarkt in Naumburg. Beide wünschen sich mehr Verständnis für Selbstständige. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Ein anderer Wunsch, den man in Naumburg hört, heißt "Innere Sicherheit". Jenny und Ingolf Pape, beide 52 Jahre alt, betreiben einen Nahkauf samt Getränkemarkt. "Früher haben die Frauen hier abends allein gearbeitet. Das geht nicht mehr. Aber das sind nicht die Ausländer", sagt Ingolf Pape. Seine Frau erklärt: "Die Hemmschwelle ist gesunken." Kunden würden zum Beispiel immer dreister klauen. "Die gucken dich an und stecken was ein", sagt sie.

So sei neulich erst Brot geklaut worden, das noch gar nicht gebacken war, auch 100 Sonntagsbrötchen und Pfannkuchen. "Den Schaden, der entsteht, kriegen wir von keiner Versicherung wieder." Das Ehepaar hatte sich dann selbst auf die Lauer gelegt und sich beim nächsten Mal den jungen Mann zur Brust genommen. Zu ihrer Überraschung war es ein Kunde, den sie kennen. Die Polizei riefen sie nicht: "Der hat doch nichts, ist doch Hartz IV, was wollen Sie da holen".

Geld zahlen, das man noch nicht eingenommen hat

Ein Vordruck für Einkommenssteuererklärung liegt neben einem Aktenordner mit der Aufschrift Finanzamt, einem Stift und einem Taschenrechner.
Ein gerechteres Steuersystem ist der Wunsch einiger Naumburger. Bildrechte: dpa

Wenn es nach Verkäuferin Jenny Pape ginge, würde niemand mehr Leistungen bekommen, für die er nichts tut. Eine kleine Gegenleistung würde sie sinnvoll finden, wie zum Beispiel gemeinnützige Arbeit. "Ich bekomme nicht jeden Monat mein Geld", sagt sie. Wenn sie nicht arbeite, habe sie nichts. Jeden Monat müssen die Papes neu kalkulieren und besonders die Vorsteuer macht ihnen zu schaffen. "Du hast das Geld noch gar nicht eingenommen, musst aber schon zahlen", erklärt Ingolf Pape. Das sei ein Problem, da sollte sich etwas ändern. "Was ich mir wünschen würde ist, dass etwas für den Mittelstand getan wird, dass der Mittelstand mehr gefördert wird, denn wir schaffen eigentlich die Arbeitsplätze."

Politische Sendungen hat Ingolf Pape viele gesehen, dann aber doch abgeschaltet. "Vor der Wahl wird so viel versprochen und dann kaum gehalten." Er spricht sehr schnell, legt eilig heiße Brezeln in die Auslage, schließlich kann er sich in seinem Job keine Verzögerungen leisten. Für seine Frau ist es trotzdem der Traumjob schlechthin. Seit sie 20 ist, arbeitet sie im Handel. Aber wenn sie noch einmal die Wahl hätte, würde sie sich nicht wieder selbstständig machen. "Nie wieder", sagt sie mit Nachdruck. Ihre drei Kinder sind erwachsen, zur Wahl geht sie am Sonntag natürlich mit ihrem Mann.

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Collage mit den Porträtbildern von fünf Sachsen-Anhaltern
Bildrechte: MDR/Marc Biskup/Luca Deutschländer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 24.09.2017 | 07:00 Uhr
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 24.09.2017 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/lk

Zuletzt aktualisiert: 22. September 2017, 17:10 Uhr

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12 Kommentare

23.09.2017 23:44 Jan 12

@ Ich bins
<<alle Parteien versprechen wieder viel und nach der Wahl können sie sich an nichts mehr errinnern!
Wenn eine Partei keine Mehrheit bekommt bilden mehrere Parteien eine Regierungskoalition. Die Parteiprogramme der Regierungspartner unterliegen dann einer Kompromissbildung. Dabei fällt dann natürlich auch einiges vom ursprünglichen Parteiprogramm unter den Tisch.

23.09.2017 22:54 wwdd 11

Gute Politik hat eben ihren Preis.

23.09.2017 20:00 Martin Vomberg 10

@ 23.09.201712:09 Dirk Nr. 9

"dieser korrupten verlogenen Regierung den Garaus zu machen."

Ich wusste ja gar nicht, dass morgen auch in Brasilien Parlamentswahlen sind!?
Ich vermute aber eher, dass Sie keine Ahnung davon haben, was es wirklich heißt, von einer korrupten und verlogenen Regierung regiert zu werden bzw. in einem Unrechtsstaat leben zu müssen (s. die Anmerkung von Kommentator Nr. 1).

23.09.2017 12:09 Dirk 9

Morgen,hat das deutsche Volk die letzte Chance ,dieser korrupten verlogenen Regierung den Garaus zu machen. Wenn nicht ,kann ich nur sagen GUTE NACHT DEUTSCHLAND . Rette sich wer kann.

23.09.2017 10:53 böse-zunge 8

Was erhofft man sich schon?
Von Kandidaten die, sobald sie MdB sind, planen - mal eben die Wahlperiode auf 5 Jahre anzuheben?
Sich statt 4 einfach 5 Jahre alimentieren zu lassen?

Vielleicht einen Volksentscheid, um dieses Vorhaben vom Souverän genehmigen zu lassen?

Andererseits, Hoffnungen werden ja oft und leicht zerstört.
Und schließlich hat der Souverän das ja mit seiner Wahlentscheidung abgesegnet - wie schön.
Ein, unser, Land - in dem man sich so gut, und vor allem gerne, so aufgehoben fühlt...

22.09.2017 20:46 der Uwe 7

Liebe MDR Redaktion ,- zu Ihrer Anmerkung im Beitrag 1 .
Die "Interpretation" bzw. die Definition des Dudens ist die "Eine" Seite, auch dieses Schriftwerk wird mittlerweile von einer "Redaktion" betreut, aber nicht mehr vom Namensgeber. Sollte diese Definition zu 100% zutreffen, so stehen sie mit Worten wie "Staatengemeinschaft" Vereinigte STAATEN von Amerika, oder Staatshaushalt etc. im Widerspruch. Im übrigen ist nicht überall, wo "Demokratie" drauf steht, auch Demokratie drin, aber diesbezüglich bekommt die Dudeninterpretation dadurch wieder "etwas" Sinn.- Und vor allem der Beitrag von User #1.

22.09.2017 20:39 Möwe 6

wer 800 EURO Lohnsteuer im Monat zahlt hat bei Lohnsteuerklasse 1 ca. 4000 EURO brutto und bei gesetzlicher Versicherung ein Netto von 2400. Das ist Jammern auf hohem Niveau. Dazu kommen sicher noch Reisekosten steuerfreie Zuschläge für Sonntags und Nachtarbeit usw.

22.09.2017 19:55 Mediator 5

Sorry, aber wir haben am Sonntag Bundestagswahl und keine Oktoberrevolution! Selbstverständlich werden sich dadurch die Verhältnisse in der Gesellschaft nicht um 180° drehen lassen.
Auch was die Abgabenlast anbelangt sollte man realistisch bleiben. Selbstverständlich hätte jeder gerne <Netto = Brutto>, aber wovon soll der Staat dann die Leistungen bezahlen, die man als Bürger wie selbstverständlich erwartet und die eben auch Geld kosten. Der Lokführer ist ein typisches Beispiel. Er FÜHLT sich arm, vom Staat ausgenommen, würde gern weniger Steuern zahlen und mehr Leistungen erhalten.
Woran es meiner Meinung nach in der Gesellschaft krankt ist eine Diskussion und ein Konsens darüber, wer besonderer staatlicher Hilfe und Förderung bedarf und wer eigentlich gut alleine zurecht kommt.
5% mehr Rente für Alle kosten deutlich mehr als 10% mehr für das untere Drittel.
Für die Menschen ganz unten bedeutet so eine Erhöhung vielleicht den Unterschied zwischen einem Leben in Würde oder nicht.

22.09.2017 19:17 bunter Rheinländer 4

Nun ja, 6 syrische Brüder machen ja noch keine Großfamilie aus.
Die richtigen "Clans" haben in Bremen rund 3.500 Mitglieder, in Berlin ~900 und in den NRW-Städten besteht eine arabische Großfamilie erst ab 300 Personen. Wenn all ihre Forderungen bedingungslos erfüllt werden, bleiben sie auch meist friedlich. Den Führerschein abnehmen, das geht natürlich nicht. Da wird dann schon die Familienehre verletzt.
Personen mit Diplomatenstatus genießen ja auch Privilegien und Immuntät. Das gleiche Recht haben auch die 6 Brüder und fordern dies auch.

22.09.2017 18:19 ich bins 3

recht habendie Naumburger,es ändert sich nichts egal wen wir wählen.<<alle Parteien versprechen wieder viel und nach der Wahl können sie sich an nichts mehr errinnern!