Junge Mütter sitzen mit ihren Babys auf Bällen.
Diese Kinder könnten zu den letzten gehören, die auf der Weißenfelser Geburtsstation geboren wurden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hebammen kündigen Geburtsklinik in Weißenfels vor dem Aus

Die freiberuflichen Hebammen des Weißenfelser Krankenhauses haben ihre Verträge gekündigt. Finden sich keine Nachfolger, muss die Geburtsstation zum Ende des Jahres schließen.

Junge Mütter sitzen mit ihren Babys auf Bällen.
Diese Kinder könnten zu den letzten gehören, die auf der Weißenfelser Geburtsstation geboren wurden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

500 Kinder kommen pro Jahr in der Asklepios Klinik Weißenfels zur Welt. Einer davon ist der vier Monate alte Kilian. Seine Mutter Sophie Düring besucht mit ihm einen Nachsorge-Kurs und ist unglücklich darüber, dass hier ab 2018 keine Geburten mehr möglich sein könnten. "Die Kinder sind die Zukunft von uns allen und dass man keinen Weg sieht, dass die Geburtsstation vielleicht auf bleibt, das finde ich sehr traurig." Sie wippt ihren Sohn auf dem Schoß und erklärt, wie stressig das Ende der Schwangerschaft für Mutter und Kind sei. "Und wenn man dann noch weiß, dass in der nächstgelegenen Klinik keine Geburtsstation ist, fördert das den ganzen Stress nochmal."

Eine ältere Frau mit Kleidung vom Krankenhauspersonal.
Christiane Riemann arbeitet seit 40 Jahren als Hebamme. Auch sie hat in Weißenfels gekündigt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der einzige Kreißsaal in Weißenfels könnte zum Ende des Jahres geschlossen werden, weil sechs der Hebammen gekündigt haben. Sie waren nicht fest angestellt, müssen Krankenversicherung und Rentenversicherung zu 100 Prozent selbst zahlen. "Wir haben mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass das Problem kommen wird, dass also Hebammen gehen", sagt Christiane Riemann MDR SACHSEN-ANHALT, die seit 40 Jahren als Hebamme arbeitet. Das Arbeitspensum sei kaum noch zu schaffen und die Personaldecke mittlerweile zu dünn. Ihre Hilferufe an die Klinikleitung hätten monatelang nicht interessiert.

Festanstellung in einer anderen Klinik

Die Entscheidung sei nun keiner der Hebammen leicht gefallen, sie alle hätten viele Jahre im Weißenfelser Krankenhaus gearbeitet. Aber freiberuflich sei das nicht mehr zu schaffen. Die Hebammen erklären ihr größtes Problem: "Dass die Hebammenhaftpflichtversicherung ins Unermessliche steigt. Für nächstes Jahr sind uns 8.100 Euro jährliche Versicherungsprämien angedroht worden." Die Arbeitsverträge bei ihrem neuen Arbeitgeber, dem 20 Kilometer entfernten Merseburger Krankenhaus, sind bereits unterschrieben. Ab 2018 werden die sechs Weißenfelser Hebammen dort anfangen – und das fest angestellt.

Ein junger Mann gibt ein Interview.
Christian Lorch leitet die privat geführte Asklepios Klinik Weißenfels. Er muss einen Ausweg finden, damit die Geburtsstation weiter bestehen kann. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Klinikleitung in Weißenfels erklärt, man habe sehr wohl signalisiert, an einer Weiterbeschäftigung der Frauen interessiert zu sein. Nun ist man geschockt, dass die Hebammen bereits anderweitig Verträge unterschrieben haben. Geschäftsführer Christian Lorch muss jetzt bis Ende des Jahres neues Personal finden. "Es ist relativ schwierig, in so kurzer Zeit diese Anzahl an notwendigen Hebammen überhaupt einmal zu motivieren. Die Befürchtung ist, dass wir zum 31.12. die Versorgung einstellen müssen." Am Donnerstag treffen sich beide Seiten noch einmal zum Gespräch. "Wir gehen weiter in den Dialog", stellt Geschäftsführer Lorch klar.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 12. Oktober 2017 | 12:30 Uhr
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 11. Oktober 2017 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/lk

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2017, 12:01 Uhr

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7 Kommentare

13.10.2017 11:35 Herbert 7

Ja, das ist die soziale Marktwirtschaft. Ein privatwirtschaftliches Unternehmen muss Gewinn erzielen. Wie macht man das in einem Krankenhaus, Pflegeheim, Kindergarten ...? z.B. Personalkosten senken. .. Teilzeitkräfte, Selbstständige, Zeitarbeiter befristet einstellen, Überstunden ... Dank einer Arbeitgeber-freundlichen Gesetzgebung sind die Möglichkeiten dafür grenzenlos. Und da gerade in den sozialen Berufen größtenteils Frauen arbeiten, bemüht sich der Gesetzgeber auch nicht weiter um Besserung. Das ist die große Schande.
Meinen Respekt für die Hebammen aus Weißenfels! Sie leisten eine wertvolle Arbeit für unsere gesamte Gesellschaft. Diese Arbeit muss dementsprechend honoriert werden. Warum ist das nicht so? Weil es Frauen sind?
Aber am allerbesten finde ich, dass alle sechs Hebammen gekündigt haben. Es gibt sie noch die Solidarität.
Nur das seit langem bekannte Problem ist damit nicht gelöst. Wann macht der Gesetzgeber endlich mal seine Arbeit?

13.10.2017 09:06 Karo 6

Freiberufliche Hebammen sind sich hoffentlich auch der Risiken bewußt, die sie tragen. Daher auch die hohen Versicherungen. Gesundheitswesen sollte nicht privat organisiert sein, wohin das führt, sehen wir jetzt.

12.10.2017 15:16 da braucht Weißenfels jetzt keine Energie 5

mehr reinstecken, aber wahrscheinlich reichen die Entfernungen von Weißenfels nach Naumburg und Merseburg auch aus. Eine Geburt fällt in den seltensten Fällen vom Himmel. Eine 2fache Mutter

12.10.2017 14:53 Luftikus 4

Die Klinik in Weißenfels kann jetzt aus der unerschöpflichen Quelle von Millionen Facharbeitern schöpfen, die in den letzten Jahren zu uns kamen bzw. noch kommen werden. Da sind doch sechs Ersatzhebammen, die man freiberuflich ausplündern kann, schnell gefunden. Den Damen an ihrem neuen Arbeitsplatz ein gutes Gelingen und einen sorgenfreien Neuanfang!

12.10.2017 12:44 Michael Bartsch 3

Daseinsvorsorge auf Gewinn orientiert, funktioniert eben nicht! Die Hebammen haben richtig gehandelt...
Die Situation der helfenden Professionen in den Kliniken muss verbessert werden. Feste Arbeitsverträge gehören dazu!
Und: lieber Herr Lorch: Ihre Tränen sind Krokodilstränen! Sie allein tragen die Verantwortung dafür, wenn in Weißenfels keine Geburtsstation mehr vorgehalten wird!

12.10.2017 12:31 Hannchen 2

Verstehe nicht, warum es so viele freiberufliche Hebammen gibt. Und dass sie für Leib und Leben der Mütter verantwortlich sind, dürfte klar sein. Sie sind ihr eigenes Unternehmen und jede Firma muss haften.

12.10.2017 11:25 Heiko M. 1

So kommt es eben, wenn man Angestellten- in sogenannte Freiberufler-Verträge verwandelt, blos um immer von j"etzt auf gleich" kündigen oder Lohndumping betreiben zu können. - Glücklicherweise werden wieder mehr Kinder geboren und damit werden hebammen gebraucht.