Der Marktplatz der Lutherstadt Eisleben (Landkreis Mansfeld-Südharz) mit dem Rathaus (l-r), Lutherdenkmal und St. Andreaskirche.
Was wäre Lutherstadt Eisleben nur ohne das bekannte Lutherdenkmal hier auf dem Marktplatz? Bildrechte: dpa

Reportage Wie viel Luther steckt in Eisleben?

Für Lutherfans hat Eisleben einiges zu bieten: Denkmäler, Straßen und Apotheken sind hier nach Luther bezeichnet. Luthers Taufkirche befindet sich hier, genauso wie sein Geburts- und Sterbehaus. Oder doch nicht? Wo findet man ihn eigentlich, den Luther? MDR SACHSEN-ANHALT hat sich auf Spurensuche durch die Lutherstadt Eisleben begeben

von Jonas Kühlberg, MDR SACHSEN-ANHALT

Der Marktplatz der Lutherstadt Eisleben (Landkreis Mansfeld-Südharz) mit dem Rathaus (l-r), Lutherdenkmal und St. Andreaskirche.
Was wäre Lutherstadt Eisleben nur ohne das bekannte Lutherdenkmal hier auf dem Marktplatz? Bildrechte: dpa

Heroisch steht er da. Mit seiner rechten Hand richtet er das Thesenpapier dem Betrachter offensiv entgegen. Unter dem Arm klemmt die Heilige Schrift Gottes. Möchte sich da jemand nochmal seiner Selbst vergewissern? Doch sein Doktorhut verrät es schon, hier steht ein großer Gelehrter.

In Eisleben kommt keiner an Luther vorbei

Selbst wenn es heutzutage junge Leute geben sollte, die ihn nicht sofort (er)kennen, so hoch oben wie Martin Luther hier über dem Marktplatz von Eisleben thront, so marginal wirken die Eisleber an so einem gewöhnlichen Markt-Donnerstag wie heute. Das bedeutende Lutherdenkmal in Eisleben markiert das Stadtzentrum und verleiht Eisleben ihren Titel. Doch irgendwie, so denkt man, war sie das ja schon immer: „Lutherstadt“. Erst 1946, Martin Luther war bereits 400 Jahre tot, wurde Eisleben die erhabene Bezeichnung vorangestellt. Pünktlich seit letztem Herbst residiert der Eisleber Luther nach langer Restauration wieder an seinem angestammten Platz, als hätte er sich für das große Reformationsjubiläum so richtig herausgeputzt.

Wer also als Fremder in Eisleben vorbeischaut, der kommt an Martin Luther nicht vorbei. "Unseren Luther" nennen ihn die Eisleber denn auch liebevoll. Als sei Martin Luther der Vater ihrer Stadt – doch dabei ist er ja nur ihr Kind. Irgendetwas liegt in der Luft auf dem Marktplatz in Eisleben, in der sich ins gemächliche Stadtbild inzwischen viele Touristen tummeln. Ob es die Vorfreude auf die Luther-Feierlichkeiten zum Reformationsjubliäum ist?

Erster Anlaufpunkt das Eisleber Stadtarchiv

Zwei Frauen sitzen an einem Tisch
Sorgen dafür, dass Eisleben nicht an Demenz erkrankt: Gabriele Weise (li.) und Frauke Karberg vom Stadtarchiv. Bildrechte: MDR/Jonas Kühlberg

Ein Blick in die Stadtgeschichte Eislebens soll Aufschluss geben über Luthers Wirken zu seinen Lebzeiten. Erste Anlaufstelle ist somit das Stadtarchiv. Das findet sich nicht weit vom Marktplatz entfernt in einem alten Haus der Stadtverwaltung. Dieses ist nicht minder geschichtlich angehaucht, da bereits 1601 nach einem Stadtbrand wiedererrichtet. Man darf nicht gleich aus der Puste kommen, bis man oben im dritten Stock angekommen ist, wo das historische Gedächtnis der Region lagert. Atemlos oben angekommen wird man dann aber auch von zwei freundlichen Bibliothekarinnen empfangen. Gabriele Weise und Frauke Karberg leiten das Eisleber Stadtarchiv seit vielen Jahren und kennen sich in der Regionalgeschichte bestens aus. Die beiden Bibliothekarinnen sind gemeinhin das, was man als Hüterinnen der Eisleber Stadtgeschichte bezeichnen kann. Sie sorgen dafür, dass die Stadt nicht an Demenz erkrankt: Geburtsurkunden helfen heute, die eigene Familiengeschichte zu rekonstruieren; historische Karten geben Auskunft darüber, wie Grundstücke erbaut wurden; alte Fotografien zeugen von ausgelassener Stimmung zu Volksfesten. Alles wird sorgfältig aufbewahrt, das über Eisleben Auskunft geben kann.

Und wieviel Martin Luther befindet sich nun im Stadtarchiv? "Wir haben eigentlich nicht viele Exponate über Luther da", muss Weise enttäuschen. Bis 2003 sei noch einiges im Haus gewesen, doch inzwischen hätte alles die Lutherstiftung übernommen. Aus Weises Mund klingt das ein bisschen so, als hätte man dem Stadtarchiv damit etwas Bedeutendes entrissen. Überhaupt sei die Archivlage zu der Zeit einfach noch sehr schwierig. Erst mit der Reformation habe eine weitreichende Verschriftlichung eingesetzt und die Kirchen begonnen detaillierte Geburts- und Sterbebücher zu führen.

Keine Original-Exponate, dafür viele Fotos aus DDR-Zeiten

Allerdings: "Martin Luther spielt schon eine besondere Rolle für das Heimatkundliche in der Stadt", entgegnet Frauke Karbaum und deshalb hätten beide extra noch einmal geguckt. "Aus DDR-Zeiten haben wir noch Einiges da", erzählt Kollegin Weise. "1983 waren zum Beispiel große Luther-Feierlichkeiten in Eisleben", erklärt Gabriele Weise. Sie kramt in dem Stapel ein klobiges Bilderbuch hervor. Es ist so schwer, dass Frau Weise Mühe hat, es aus dem Stapel zu ziehen und aufzuklappen. Damals, zum 500. Geburtstag von Martin Luther, fand ein großer historischer Markt statt. Gabriele Weise blättert durch die Seiten. "An die Stimmung kann ich mich selbst noch erinnern", sagt Frau Weise und schaut zu Kollegin Karberg hinüber. "Da war richtig Bambule", pflichtet sie ihr bei. Schauspieler stellten damals Luthers Thesenanschlag nach, Gaukler präsentierten ihre besten Tricks und an Spielbuden konnten Eisleber ihre Geschicklichkeit unter Beweis stellen. Die Fotos zeugen von ausgelassener Stimmung. Ganz Eisleben sei damals herausgeputzt worden. "Sogar viele Besucher aus dem Westen kamen", erinnert sich Frau Weise.

Aber richtige Luther-Exponate? Also von ‚damals‘? Nein, die würden sich hier nicht finden. "Da müssen Sie schon in die Luthermuseen hier", so Kollegin Karberg.

Geburtshaus: Wo ist Luther geboren?

Eine Frau steht vor einer Wand
Die Glasvitrinen im Geburtshaus sind schon geputzt. Museologin Christine Doleschal bereitet sich auf den "großen Ansturm" vor. Bildrechte: MDR/Jonas Kühlberg

Ganz nah an der "Bösen Sieben", einem kleinen Bach, der aus dem Harz entspringt, liegt das Geburtshaus von Martin Luther. Am Eingang wartet bereits Christine Doleschal, die hier die Sammlungen der Luthermuseen betreut. Dabei habe sie eigentlich gar nicht so viel Zeit, denn es gibt allerhand zu tun. "Wir sind gerade dabei alles vorzubereiten für den großen Ansturm", sagt Christine Doleschal und muss dabei lachen. Der "große Ansturm" soll Anfang Mai beginnen, kurz bevor die Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum anfangen. "Wir merken es jetzt schon, dass wir wesentlich mehr Besucher haben. Aber das wird noch viel mehr werden", sagt Doleschal. "Wir haben heute früh noch einige Vitrinen aufgehabt zum Putzen, weil wir dachten heute kommen nicht so viele Leute. Aber es ist jetzt eben schon die dritte Gruppe durch die Ausstellung gelaufen", lacht Doleschal. Und jetzt steht sogar noch jemand von den Medien hier. Aber Doleschal nimmt es gelassen und führt in den ersten Ausstellungsraum.

"Wir haben hier ja so ein bisschen ein Problem", gesteht Doleschal gleich zu Beginn. "Luther ist nur ein dreiviertel Jahr seines Lebens in Eisleben gewesen. Und davon ist er die meiste Zeit Baby gewesen und am Ende zu seinem Tod war er noch drei Wochen hier." Keiner habe ja damals gewusst, was aus dem Kind später wird. Dementsprechend seien nur wenige originale Exponate von der damaligen Zeit vorhanden. "Die Eltern sind schnell weiter nach Mansfeld und keiner hat eine Haarlocke aufgehoben oder eine Wiege archiviert." Ob man da ein bisschen Wehmut heraushören kann? "Nein, so kann man das natürlich nicht sagen", sagt Doleschal. Man müsse sich eben ins 15. Jahrhundert zurückversetzen. Eisleben hatte über die Jahrhunderte mit mehreren großen Stadtbränden zu kämpfen, die vieles zerstört haben.

Computeranimationen ermöglichen Blick in die Geschichte

Trotzdem hat man für das Geburtshaus einiges zusammengesammelt. Das meiste wurde von der Stadt über die Jahrhunderte aus privaten Sammlungen angekauft. Für die üppige Ausstellungsfläche von 800 Quadratmetern haben sich Christine Doleschal und ihre Kollegen also einiges an Gedanken gemacht.

Ein Computermonitor hängt an einer Wand
So könnten die stolzen Eltern Hans und Margarethe bei Martin Luthers Geburt ausgesehen haben. Bildrechte: MDR/Jonas Kühlberg

Eine aufwendige Computeranimation zum Beispiel: "Es existieren lediglich zwei Bildnisse von seinen Eltern Hans und Margarethe Luther aus dem Jahr 1527", erklärt Doleschal. Lucas Cranach der Ältere malte sie im Alter von 60 Jahren. Als Sohn Martin zur Welt kam, waren beide aber gerade erst um die 20. Christine Doleschal deutet auf den Monitor: "Hier versuchen wir so ein bisschen die Frage zu beantworten, wie die beiden zu Martins Geburt aussahen." Ausgefeilte Algorithmen berechneten auf Basis des Gemäldes von Cranach, wie die Eltern in jungen Jahren ausgesehen haben könnten.

Mansfeldische Chronica als wichtige Quelle über Luther

Die bedeutende Mansfeldische Chronica befindet sich auch hier. Cyriacus Spangenberg war treuer Schüler Luthers und widmete seinem Lehrer "Martinus Lutherus" in der 1572 erschienenen Chronik wichtige Abschnitte. "Das Buch ist bis heute eine bedeutende Quelle über Luther", sagt Doleschal während sie mit ihren weißen Handschuhen ganz vorsichtig das Vitrinenglas für ein Foto öffnet.

Drei alte Briefe
Zwei originale Briefe von Luther. Bildrechte: MDR/Jonas Kühlberg

Es befinden sich sogar noch zwei Archivalien im Haus, die von Luther selbst stammen: "Da müssen wir in unsere kleine Schatzkammer gehen", sagt Doleschal und führt in einen kleinen Raum mit abgedunkelten Fenstern. "Der Mann muss ja gearbeitet haben wie ein Besessener. Also was der für Briefe geschrieben hat...", zeigt sie sich fasziniert. Leider sei von diesen Briefen nur ein sehr kleiner Teil erhalten. Sie deutet auf die Vitrine, in der zwei Briefe von Martin Luther neben einem von Philipp Melanchton ausgestellt sind. Starke Knicke und Brandränder deuten auf die markanten Spuren der Zeit. Zwar seien die Briefe nur Kopien, die 1815 von Privatiers angekauft wurden, trotzdem seien sie von unschätzbarem Wert für diese Ausstellung.

Aber in welchem Raum ist Martin Luther denn nun geboren? Christine Doleschal muss schmunzeln. "Das hier ist nicht das Haus, in dem Martin Luther auch wirklich geboren wurde", sagt sie. Dieses richtige Haus sei 1689 bei einem Stadtbrand bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Später wurde es mit Mitteln der Stadt wiederaufgebaut und fungierte anschließend als Lehranstalt, in der Armenkinder eine Schulbildung bekamen.

Die häufigste Frage, die Christine Doleschal bei den Besucherführungen hört, ist: Warum ist er hier in Eisleben gestorben, wenn er hier doch gar nicht gelebt hat? Doch mit dieser Frage ist man ja hier nicht ganz richtig, schließlich sollte man dafür im 500 Meter entfernten Sterbehaus vorbeischauen.

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1 Kommentar

06.05.2017 12:03 Oma Gitte 1

So, wie Wittenberg gehuldigt wird, ist Eisleben der Ar... Der Welt.

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