Rico Reißmann sitzt auf einer Mauer. Im Hintergrund ist der Himalaya zu sehen.
Von Deutschland ist Rico Reißmann schon bis an die Grenzen des Himalaya gereist. Bildrechte: MDR/Rico Reißmann

Von Zeitz bis Thailand Vom Mann, der auszog, die Welt zu umrunden

Eine unglaubliche Geschichte, die in Sachsen-Anhalt begann: Als Lebensplan A nicht funktioniert, holt der Zeitzer Rico Reißmann einfach Plan B aus der Tasche: Der sieht vor – einmal um die Welt laufen. Seit über zwei Jahren ist er unterwegs und schon bis nach Thailand gelaufen.

Rico Reißmann sitzt auf einer Mauer. Im Hintergrund ist der Himalaya zu sehen.
Von Deutschland ist Rico Reißmann schon bis an die Grenzen des Himalaya gereist. Bildrechte: MDR/Rico Reißmann

Seit Juni 2015 läuft Rico Reißmann aus Wetterzeube im Burgenlandkreis durch die Welt – und das wörtlich. Über 11.000 Kilometer hat Reißmann schon in den Beinen. Sein Ziel ist es, zu Fuß so viele Länder wie möglich zu bereisen. Reißmann startete seine Weltumrundung mit der ersten Etappe über Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Rumänien zunächst bis nach Istanbul in die Türkei. Weiter ging es durch Georgien, Aserbaidschan und den Iran. Über das arabische Meer kürzte er per Flugzeug ab und lief einmal quer durch Indien, kämpfte sich durch die Polizeipräsenz in Myanmar und landete schließlich im August 2017 in Thailand. MDR SACHSEN-ANHALT begleitet Reißmann auf seinem Fußmarsch. Zwei erste Zwischenberichte von seiner Reise hat es schon gegeben. Nun schildert Reißmann selbst, wie es ihm auf seinem letzten Reiseabschnitt in Asien ergangen ist.

Indien (September 2016 bis November 2017)

Der Inder ist von Natur aus sehr neugierig. Als ich im September 2017 in Indien ankam, habe ich das schnell mitbekommen. Alle zwei Minuten hielt jemand neben mir an und fragt immer wieder: "Where are you from? Where are you going?" Das ging den ersten Tag gut und auch noch den zweiten. Irgendwann hatte ich aber so einen Hals. Ich bin dann auch laut geworden, weil wirklich alle zwei Minuten jemand neben mir anhielt. Ich habe aber schnell gemerkt, dass ich damit niemandem einen gefallen tue. Diejenigen wissen ja nicht, dass sie die fünfzigsten sind, die einen das an einem Tag fragen. Ich habe dann einfach beschlossen, nichts mehr zu sagen – und das funktionierte. Ich legte einfach den Zeigefinger auf meinen Mund und sagte "Psssst", wenn mich jemand ansprach. Die meisten nickten dann oder verbeugten sich und ich hatte meinen Frieden.

Zwei indische Frauen sitzen auf dem Boden um einen großen Topf mit Reis herum.
Viele Inder sahen Jahrzehnte keinen Weißen – Reißmann war eine Attraktion. Bildrechte: MDR/Rico Reißmann

In vielen Orten bildete sich schnell eine Menschtenraube um mich herum. Ich bin hier und dort der erste Weiße seit 70 Jahren gewesen. Dementsprechend erstaunt waren die Menschen und auch aufgeregt, hatten vielleicht sogar Angst. Ich merkte, die wissen nichts mit mir anzufangen. Und dann stehst du da, das halbe Dorf um dich herum und eigentlich willst du nur noch in dein Zelt und schlafen. Das haben die Menschen hin und wieder nicht verstanden und kamen sogar nach Einbruch der Dunkelheit noch zu meinem Zelt und leuchteten hinein und machen noch ein Foto mit ihrem Telefon.

Erst zum Terroristen erklärt, dann zum Essen eingeladen

Besonders kurios war es kurz vor Varanasi im Osten des Landes. Dort gab es viele Reisfelder, die unter Wasser standen. Dementsprechend war es schwer einen guten Zeltplatz zu finden. An einer schönen Wiese samt großem Haus hatte ich trotzdem eine Stelle zum Übernachten entdeckt. Auf einmal kamen die ganzen Männer vom Haus und fragten, was ich denn hier wolle. Ich erklärte ihnen kurz, wer ich war. Sie unterhielten sich daraufhin und ich schnappte nur das Wort "Terrorist" auf. Die dachten, ich sei irgendein Pakistani, der keine Ahnung was vorhatte. Ich bin dann zu meinem Koffer hin und wollte meinen Pass rausholen. "Don't open", schrien die Männer. Es könnte ja eine Bombe in meinem Koffer sein. Es ging dann hin und her und es wurde auch schon dunkel.

Inder stehen auf einer Plantage. Im Hintergrund ist der Himalaya zu sehen.
Der Himalaya als Orientierung in der Ferne Bildrechte: MDR/Rico Reißmann

Ich versuchte zu erklären, dass ich nicht wisse, wo ich noch unterkommen solle, weil alles auf den Feldern unter Wasser stehe. Es blieb aber beim "No" und ich musste zusammenpacken. Und als ich schon fast alles eingeräumt hatte, hieß es plötzlich: "Du kannst doch bleiben". Ich habe dann sogar etwas zum Essen bekommen. Das ganze Missverständnis könnte daran gelegen haben, dass ich etwas verwahrlost aussah. Ich lief seit einigen Wochen ohne längeren Aufenthalt jeden Tag meine rund 40 Kilometer. Ich konnte damals selten meine Wäsche waschen oder mich mal rasieren.

Aus Reißmanns Fotoalbum Bilder aus Indien

Ein indischer Mann zieht einen bunten Wagen. Davor liegt ein inidischer Mann auf der Straße.
Dieser Mann hat Reißmann beeindruckt. Er pilgert liegend. Der Mann misst mit einem Stein seine Körperlänge auf der Straße ab und legt sich dann ans Ende. Dann steht er auf und rutscht eine Körperlänge weiter. Bildrechte: MDR/Rico Reißmann
Ein indischer Mann zieht einen bunten Wagen. Davor liegt ein inidischer Mann auf der Straße.
Dieser Mann hat Reißmann beeindruckt. Er pilgert liegend. Der Mann misst mit einem Stein seine Körperlänge auf der Straße ab und legt sich dann ans Ende. Dann steht er auf und rutscht eine Körperlänge weiter. Bildrechte: MDR/Rico Reißmann
Eine Brücke in einer grünen Landschaft in Indien
Da Reißmann zur Regenzeit durch Indien lief, war die Landschaft um ihn herum besonders grün. Bildrechte: MDR/Rico Reißmann
Eine indische Frau und ein indischer Mann grillen Mais am Straßenrand.
Immer wieder wurde er zum Essen eingeladen – wie hier zu gegrilltem Mais am Straßenrand. Bildrechte: MDR/Rico Reißmann
Ein Sandweg führt in einen indischen Ort.
Gerade in Zentralindien hatten viele Menschen seit Jahrzehnten keinen weißen Europäer gesehen. Kam Reißmann in ein Dorf, bildete sich schnell eine Menschentraube um ihn herum. Bildrechte: MDR/Rico Reißmann
Eine grüne Wiese
Trockene Wiesen zum Zelten waren in Indien eine Seltenheit. Die Reisfelder standen oft unter Wasser. Bildrechte: MDR/Rico Reißmann
Ein Straße in Indien
Von Indien ging die Reise weiter nach Myanmar. Was Reißmann da noch nicht ahnte, war, dass er bald nicht mehr solche Ruhe auf den Straßen um sich herum haben sollte. Bildrechte: MDR/Rico Reißmann
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Ein indischer Mann zieht einen bunten Wagen. Davor liegt ein inidischer Mann auf der Straße.
Bildrechte: MDR/Rico Reißmann
Rico Reißmann
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Rico Reißmann Rico Reißmann ist gebürtiger Zeitzer. Mit 29 Jahren beschließt er im Februar 2015, dass er um die Welt laufen möchte. Dazu gibt er sein Gewerbe als Versicherungskaufmann auf und löst seinen Hausstand in Jena auf. Nach mehreren Monaten Vorbereitung startet er seine Reise im Juni 2015. Er plant etwa vier Jahre für seine Weltumrundung.

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1 Kommentar

04.10.2017 23:30 part 1

Ein Traum manchen Menschen und Abenteuerer mit dem entsprechenden Fernweh, doch manche kamen nur bis Mallorca, besonders weil sie keine Versicherungskaufleute waren. Da gibt es wohl nachhaltig noch Prämien, die den Wiedereinstieg etwas erleichtern für die Berufgruppe habe ich mir sagen lassen. Jeder Austieg auf Zeit möchte schließlich gründlich geplant werden um den Einstieg wieder zu gewährleisten oder man bleibt hängen im selbst gewählten Paradies. Trotzdem eine beachtliche Leistung die durch nichts zu toppen ist.