Ein AfD-Wahlplakat für die Bundestagswahl 2017 hängt in einem Dorf der Gemeinde Schnaudertal.
In Schnaudertal haben 36,2 Prozent der Bürger die AfD gewählt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schnaudertal im Burgenlandkreis Die Gemeinde mit vielen Protestwählern

Nirgendwo war der Stimmenanteil der AfD in Sachsen-Anhalt so hoch wie in der Gemeinde Schnaudertal im Burgenlandkreis. Warum gibt es gerade dort eine so hohe Zustimmung für die rechte Partei? Wir haben uns umgehört.

von Stefan Bringezu, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein AfD-Wahlplakat für die Bundestagswahl 2017 hängt in einem Dorf der Gemeinde Schnaudertal.
In Schnaudertal haben 36,2 Prozent der Bürger die AfD gewählt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Gemeinde Schnaudertal im Burgenlandkreis südlich von Zeitz – dort wo Sachsen-Anhalt endet und Thüringen beginnt. Hier soll die Hochburg der AfD sein: 36,2 Prozent der Wähler haben der Partei ihre Stimme gegeben. Das heißt 202 Einwohner der insgesamt 566 Wähler haben die Alternative für Deutschland gewählt – bei einer vergleichsweise hohen Wahlbeteiligung von 71 Prozent. Eine Spurensuche.

Fährt man durch die sieben Dörfer, die zur Gemeinde gehören, hat man rein äußerlich nicht den Eindruck, dass die Rechtspopulisten hier zu Hause sind. Während anderenorts die Laternen mit Wahlplakaten der AfD gepflastert sind, muss man sie im Schnaudertal suchen. Ein einziges hängt, vom Regen durchnässt einsam vor einem Baum.

Alles gleicht einer ländlichen Idylle: Ringsum Wiesen und Wälder, die große und die kleine Schnauder, die der Gemeinde ihren Namen gegeben haben, fließen ruhig durch die hüglige Landschaft im Süden Sachsen-Anhalts – durch Bröckau, Hohenkirchen, Wittgendorf, Dragsdorf, Großpörthen, Kleinpörthen, Nedissen. Das soll der Hort der Frust und Protestwähler sein?

Abwinken auf die Frage nach dem "Warum?"

Der Bürgermeister der Gemeinde Schnaudertal, Hans-Hubert Schulze
Bürgermeister Hans-Hubert Schulze Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auf der Dorfstraße in Wittgendorf läuft ein Rottweiler herrenlos herum. Ein mulmiges Gefühl für den Besucher auf der Suche nach Einwohnern. Und mit denen ins Gespräch zu kommen, ist schwer. Kaum einer will sich äußern und darüber reden, dass im Schnaudertal fast jeder Dritte die AfD gewählt hat. Ein Abwinken auf die Frage nach dem "Warum?".

Einzig der parteilose Bürgermeister, seit 24 Jahren ehrenamtlich für den Ort tätig, zeigt Flagge und äußert sich. "Über das Wahlergebnis war ich nicht wirklich überrascht, aber innerlich bin ich noch immer enttäuscht", erzählt Hans-Hubert Schulze. "Dass die Leute hier AfD aus Protest wählen, ist klar. Das sind aber keine Wähler, die auf Deutsch gesagt Nazis sind. Das sind einfach Wähler, die verunsichert sind und die sagen: Ihr habt uns im Regen stehen lassen."

Bis 2009 habe man zwar auch "keine goldenen Türklinken machen können", aber zumindest als selbstständige Gemeinde noch gezeigt, hier passiert etwas. Und dann kam die Gebietsreform, das heißt weniger Stimmrecht im Kreistag und damit weniger Geld für die einzelnen Dörfer. "Es ist einfach die Unzufriedenheit der Bürger mit der Politik, die in den letzten Jahrzehnten gemacht worden ist", erzählt Schulze.

'Wir schaffen das' – ist ganz einfach. Das kann ich auch sagen, da kann ich auch Bundeskanzler werden. Aber wie wollen wir das schaffen?

Hans-Hubert Schulze, Bürgermeister Wittgendorf

Protest, aber nicht mit der AfD

Und Schulze weiß wovon er spricht. Auch durch seine Familie geht nach der Wahl ein politischer Riss. Während seine Tochter und sein Sohn AfD gewählt haben, hat sich der Bürgermeister dagegen entschieden.

Blick über ein Dorf der Gemeinde Schnaudertal
6.000 Euro bleiben pro Jahr übrig, um Dinge notdürftig zu reparieren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Protest ja, aber nicht mit der AfD. Zu rassistisch und rechtsextrem sei ihm die Partei, sagt der Handwerker zum Abschied. Setzt sich ins Auto und fährt davon, Richtung Gemeindebüro.

Es gibt noch viel zu tun. Die Gemeinde steht knapp vor der Pleite. 5.000 bis 6.000 Euro bleiben pro Jahr übrig, um Dinge notdürftig zu reparieren oder den Karnevals- und Sportverein zu unterstützen. "Wir schaffen das, ist ganz einfach. Das kann ich auch sagen, da kann ich auch Bundeskanzler werden. Aber wie wollen wir das schaffen?", hatte der Bürgermeister gefragt.

Könnte das die Begründung sein, warum im Schnaudertal so viele Menschen AfD gewählt haben? Auch wenn Schulze nicht die AfD gewählt hat, unzufrieden ist auch er, da seiner Meinung nach keine der etablierten Parteien Lösungen für die vielen Probleme anbietet.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26.09.2017 | 06:15 Uhr

Quelle: MDR/mp

Zuletzt aktualisiert: 26. September 2017, 16:48 Uhr

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13 Kommentare

28.09.2017 22:59 Wikreuz 13

Man kann die Wähler von der AFD als "Hetzer", "Rechtsradikale" oder "Ausländerfeinde"
bezeichnen. Die Probleme der Regierung von Frau Dr. Merkel bleiben........ Altersarmut, sozialer Abbau, fehlende Kindergartenplätze, Lehrer und Polizisten u.s.w. Die Gesamtkosten für die Asylproblematik werden von der Regierung in viele einzelne Resorts der Bundesregierung, der Länder und der Kommunen versteckt und nicht veröffentlicht. In Zeitungen der Schweiz kann man die Summe von ca. 50 Milliarden Euro pro Jahr nachlesen. Geld ist aber nur einmal Ausgebbar.

27.09.2017 14:22 Susan 12

Rechte Parteien bauen auf das kapitalistische Prinzip "Konkurrenz jeder gegen jeden", während linke Parteien auf Klassensolidarität im Kampf gegen die Ursachen der Verwerfungen (Eigentumsverhältnisse) setzen sollten. Fazit: Es gibt keine relevanten linken Parteien. Nun, der kap. Konkurrenzkampf hat sich in alle Köpfe gefressen. Konzerne konkurrieren um Märkte, Statusakrobaten um Jobs, Kita-Plätze, Wohnungen u. a., und ganz unten wird sogar um den Platz im Obdachlosenheim oder den Teller Suppe bei der Armenspeisung konkurriert. Kurz: mögliche Mitesser werden weggebissen. Davon profitiert die AfD beim ostdeutschen Geringverdiener, wie CDU und Co. in der Mittelschicht. Dass die AfD z.B. "den aktivierenden Sozialstaat (H4-Sanktionen) befürwortet, Arbeitspflicht einführen will, dass sie in der NATO bleiben, Wirtschaftsinteressen auch kriegerisch durchsetzen, Abtreibungen verbieten und alles nach dem heiligen Markt ausrichten will, kapiert der Michel halt nicht.

27.09.2017 12:24 REXt 11

Sollte Profilierung von Merkel heißen!

27.09.2017 12:22 REXt 10

Ich kenne Wahlbezirke,Gemeinden, die haben bis 40% AFD gewählt, sind das alle Nazis? ,nein, aber sie werden so bezeichnet!!!!!! Sie werden, als abgehängte, Prodestwähler, Rechte, Dumme, Hartz4er o. sonst was bezeichnet, von den regierungsnahen Staatsmedien ! Sachliche Diskusion war, jetzt gibt es vorgezeichnete Einheitsmeinungen,sonst ist man Rechts! Das spüren besonders in der DDR beheimatete, schon länger hier lebende!!!! Und wenn Merkel so weiter macht, wie bisher, sage ich einen Erdrutschartigen Sieg der AFD voraus, da kann sonst wer hetzen, die AFD wird dafür sorgen, das das Wahlvolk wieder souverän ist!
Milliarden von Euro versenken, auf nimmer Wiedersehen u. in DE gibt es Baustellen ohne Ende, diese Leute rofilierung von Merkel, wird sich rechen!!!!!

27.09.2017 11:52 jochen 9

"Die Gemeinde steht kurz vor der Pleite" ?

Die bevorstehende Pleite dieser Gemeinde hat nicht die AFD zu verantworten.
Dafür sind die bisher regierenden gleich welcher Partei in der Gemeinde zuständig !
Die AFD kann die bisher begangenen Fehler aber korrigieren.

27.09.2017 11:00 Stefan T 8

26.09.2017 19:16 jochen 4: "AFD Wähler sind ganz sicher keine "Protestwähler". Sie wählen die politische Vernunft." - Der Witz war gut!

27.09.2017 10:46 jochen 7

Wenn Wähler die dauernden Rechtsbrüche einer Regierungspartei nicht mehr akzeptieren, werden sie logischerweise eine andere Partei wählen.
Eine andere Partei, die keine Rechtsbrüche dulden will. So einfach ist das. Das hat mit "Protest" nichts zu tun

27.09.2017 08:54 Rosal Uxemburg 6

"Die Gemeinde steht knapp vor der Pleite. 5.000 bis 6.000 Euro bleiben pro Jahr übrig, um Dinge notdürftig zu reparieren oder den Karnevals- und Sportverein zu unterstützen." Noch Fragen?

27.09.2017 06:51 Siehdichum 5

'Hier soll die Hochburg der AfD sein: 36,2 Prozent der Wähler haben der Partei ihre Stimme gegeben.'

'Kaum einer will sich äußern und darüber reden, dass im Schnaudertal fast jeder Dritte die AfD gewählt hat.'

36% sind etwas mehr als 'fast jeder Dritte'.

26.09.2017 19:16 jochen 4

AFD Wähler sind ganz sicher keine "Protestwähler".
Sie wählen die politische Vernunft.