Zentral oder dezentral Wo Flüchtlinge in Sachsen-Anhalt unterkommen

Die Zahl der Asylsuchenden in Deutschland ist so hoch wie lange nicht mehr. Den starken Zustrom von Flüchtlingen nach Europa spüren wir auch in Sachsen-Anhalt. Landkreise und Städte überlegen nun, wie und wo sie die Menschen unterbringen. Die interaktive Karte gibt einen Überblick über die Wohnsituation der Flüchtlinge (Stand: Juli/August 2014).

Ob Harbke, Stendal oder Bernburg: In vielen Orten Sachsen-Anhalts sind die Gemeinschaftsunterkünfte stark ausgelastet. In den regionalen Verwaltungsbehörden reagiert man darum immer öfter mit einem Notbehelf: Die Landkreise und Städte, die die Unterbringung organisieren, mieten Wohnungen an, um den wachsenden Bedarf zu decken.

Und der Bedarf ist groß: Im ersten Halbjahr 2014 gab es 2241 Erstanträge auf ein Asylverfahren – mehr als zuletzt innerhalb eines ganzen Jahres. Und die Krisen in Westafrika, im Mittleren Osten und in Osteuropa könnten künftig noch für viele weitere Flüchtlinge sorgen.

Dezentrale Unterbringung – Vorteil für Flüchtling und Landkreis

Zwei Landkreise und eine Stadt in Sachsen-Anhalt haben sich aufgrund des wachsenden Zustroms dazu entschieden, Asylsuchende nicht mehr in Gemeinschaftsunterkünften (GU), sondern in Wohnungen unterzubringen: Mansfeld-Südharz, Wittenberg und Dessau-Roßlau sehen den Vorteil darin, dass sich die Anzahl der Plätze schnell dem aktuellen Bedarf anpassen lässt. Experten sprechen in diesem Fall von Dezentraler Unterbringung (DU): Steigt die Zahl der Flüchtlinge, werden neue Wohnungen angemietet, versiegt der Zustrom wieder, können die Verträge mit den zumeist privaten Immobilienbesitzern wieder gekündigt werden.

Doch die Kommunen sehen auch einen Mehrwert für die Asylsuchenden: Diese können getrennt nach Geschlecht, Nationalität oder Religionszugehörigkeit gemeinsam in einem Haushalt leben. Selbst ganze Familienverbände lassen sich so unter einem Dach vereinen. Darüber hinaus bietet die Dezentrale Unterbringung auch eine Chance, die Asylsuchenden stärker in die Mitte der Gesellschaft zu holen. Wie die interaktive Landkarte zeigt, liegen die Gemeinschaftsunterkünfte nämlich oft weit außerhalb, in ehemaligen Kasernen, Fabrikanlagen oder Arbeitersiedlungen.

Auch wenn Kritiker vor den vermeintlichen Gefahren der Dezentralen Unterbringung warnen, weil sie glauben, die Flüchtlinge würden so nicht mehr zu kontrollieren sein, berichten die Kommunen mehrheitlich von guten Erfahrungen. Mehr noch: Die Befürworter der Dezentralen Unterbringung meinen, dadurch möglichen Spannungen zwischen Angehörigen unterschiedlicher Nationalität entgehen zu können – ein Aspekt, der in Gemeinschaftsunterkünften immer wieder ein Thema war.

Neue Herausforderungen

Ob auch andere Landkreise und Städte nachziehen und sich zugunsten einer dezentralen Variante von ihren Gemeinschaftsunterkünften verabschieden, bleibt abzuwarten. Gut möglich, dass das für sie nicht in Betracht kommt, denn schließlich hat diese eine Art der Unterbringung einen Nachteil: Die Betreuung der Flüchtlingswohngemeinschaften gestaltet sich durch deren verstreute Lage schwierig.

Fakt ist aber, dass die Landkreise und Städte große Herausforderungen zu meistern haben: Zwar wird nur ein Prozent aller Asylanträge genehmigt, doch im Durchschnitt erhalten weitere 25 Prozent aller Flüchtlinge dennoch einen Aufenthaltstitel. Aufgrund von Härtefallregelungen dürfen sie – zumeist zeitlich befristet – solange bleiben, bis die Krisen- oder Kriegssituation in ihrem Heimatland  beendet ist. Aus diesem Grund wird wohl auch künftig der Bedarf an Wohnraum steigen.

Zuletzt aktualisiert: 07. Oktober 2015, 14:13 Uhr