Landesausstellung

LexiTV : Die "Momentaufnahme"

Von Plinius dem Jüngeren erfuhren wir, welche Szenen sich beim Ausbruch des Vesuvs abgespielt haben mussten. Von den Ausgrabungen der Stadt erhoffte sich die Wissenschaft, ein aussagekräftiges Bild des antiken Lebens freizulegen. Dieser Wunsch ist nur teilweise in Erfüllung gegangen.

"Schon fiel, bis jetzt noch spärlich, Asche herab. Dichter Qualm bedrohte uns von hinten. Man hörte das Geheul der Frauen, Jammern der Kinder und Geschrei der Männer. Es gab Leute, die aus Angst vor dem Tod den Tod herbeigewünscht haben." So berichtet Plinius der Jüngere, römischer Historiker, aus dem unweit der Stadt Pompeji gelegenen Hafenort Misenum. Sein Brief an Kaiser Titus hat das Schicksal des eigenen Onkels zum Thema: Plinius der Älter starb als Schriftsteller und Flottenpräfekt während der Katastrophe starb. Plinius' Brief ist das älteste überlieferte Dokument des Schreckens, der am 24. und 25. August 79 über die Bewohner von Pompeji, Stabiae und Herculaneum niederbrach.

Wie sie gingen und standen

Mit dem Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 - er dauerte von den Mittagsstunden des 24. August bis acht Uhr morgens des Folgetages - verbanden Wissenschaftler traditionell, auch dank Plinius, die Vorstellung von einem plötzlichen, absolut überraschenden Ereignis: Wie sie gingen und standen, hieß es, seien die Menschen auf den Straßen des alten Pompeji in giftigen Vulkangasen erstickt, von Bimssteinbrocken erschlagen zu Boden gesunken, schließlich, wer sich unter schützende Dächer flüchten konnte, in glühenden Lavabächen verbrannt.

Unschätzbarer Wert

Etwas zynisch schwang dabei mit: Gut, dass es so war! Denn auf solche Weise, meinte man, erhielten wir - die Nachgeborenen - eine Momentaufnahme vergangenen Lebens von unschätzbarem Wert: Im Augenblick habe der Vulkan die antike Stadt, ihre Wohnstätten und Tempel, ihre Geschäfte, ihren Alltag und ihre Sitten konserviert - und das unzweifelhafte, authentische Bild für alle Zeiten aufbewahrt. Wir hätten nur noch gleichsam den Staub der Jahrtausende von der Oberfläche zu wischen.

Wachsende Zweifel

Das hat sich als Irrtum herausgestellt: "Der Glaube daran, hier den antiken Lebensalltag in quasi versiegelter Form wiederzufinden und untersuchen zu können, schwand - und es wuchsen Zweifel daran, dass archäologische Befunde so einfach zu interpretieren seien", schreibt Jens-Arne Dickmann, heute Leiter des deutschen Ausgrabungsteams in Pompeji.

Um die Gründe dieses verblüffenden Fazits zu verstehen, bedarf es zweier Geschichten: erstens brauchen wir die Geschichte des Vulkanausbruchs selbst, wie ihn die Betroffenen erlebten; zweitens die längere Geschichte der Entdeckung des "versiegelten" Bildes - von den ersten Grabungen 1748 bis in unsere Gegenwart.

Falsche Vorstellung

Wenig überraschend ist, dass schon die Vorstellung von der Plötzlichkeit der Katastrophe ins Reich der Legende gehört: Wie bei jedem Ausbruch eines Vulkans hatte auch der Vesuv Zeichen vorausgeschickt: unterirdische Vibrationen, Schwanken des Bodens, schwefelhaltiges Wasser. Menschen rafften ihre persönliche Habe zusammen und flohen, oder verstauten Wertvolles dort, wo sie es für sicher hielten.

Provisorien

Das Menetekel - die Gewissheit, in gefährlicher Umwelt zu leben - stand zudem über anderthalb Jahrzehnte an der Wand: Bereits im Jahr 62 erschütterte ein schweres Erdbeben die Region, längst nicht alle Bauten Pompejis waren zum Zeitpunkt des Vulkanausbruchs wieder intakt. Vorratsgefäße, Werkzeuge und Haushaltwaren hatte man provisorisch in Räume gesteckt, die einst zu ganz anderen Zwecken errichtet wurden.

"Poetische" Wahrheit

Von den Plünderern nach der Katastrophe, die unter der Ascheschicht Brauchbares suchten - und vieles noch einmal "verwischten" - sei ebenfalls nur am Rande die Rede. Immerhin: Ob das "Haus des Chirurgen" tatsächlich je ein Chirurg bewohnte, bloß weil Archäologen des Zwanzigsten Jahrhunderts dort ein Operationsbesteck fanden, verrät das "authentische Bild" der Ruine unter anderem deshalb kaum.

Ohne Rücksicht auf Verluste

Weit wichtiger - und folgenreicher - ist, was in den gut zweieinhalb Jahrhunderten nach 1748 passierte, als der spanische Ingenieuroffizier Rocque Joaquín de Alcubierre mit ersten Ausgrabungen begann. Eine finstere Rolle spielten dabei die neapolitanischen Bourbonen, das bis ins 19. Jahrhundert hinein regierende sizilianische Herrschergeschlecht: Im Auftrag Karls III. und Ferdinands IV. wurden eifrig Spitzhacke und Spaten geschwungen - um, ohne Rücksicht auf Verluste, Ansehnliches für Paläste und private Sammlungen zu bergen.

Öffentliche Proteste

Statuen und Fresken vernichtete man dort, wo sie sich nicht bequem herauslösen ließen, Wände stürzten ein, Pfeiler brachen, eventuellen Konkurrenten um verborgene Schätze wurde gar das Zeichnen der Reste verboten. Erst öffentliche Proteste des Kunsthistorikers Johann Joachim Winckelmann veranlassten die gierig-laienhafte Dynastie zur Aufgabe der zerstörerischen Praxis.

Mit Riesenaufwand

Danach ging es zwar sorgsamer weiter, ob besser, sei dahingestellt: Der Museums- und Sammlerbedarf war gedeckt, überdies wollte das Gefundene sowieso nie ganz dem perfektionistisch-heroischen Klischee entsprechen, das man von der Antike zusammenfantasiert hatte. In Pompejis Häusern wohnten eben nicht Idealgestalten, sondern Menschen.

Nie präzise dokumentiert

Das Interesse erlosch - vorübergehend. Flächendeckend, dann wieder mit Riesenaufwand, gruben von 1806 bis 1815 Napoleon Bonapartes Franzosen, die Besatzungsmacht mit historischem Anspruch. Wenigstens erschloss sich so der Gesamtplan der alten Stadt. Doch um präzise Dokumentationen, abgesehen von sorgfältig handgezeichneten Details, stand es noch bis ins Zwanzigste Jahrhundert schlecht.

Unklarheiten

Stattdessen - Mussolinis Faschismus rückte das Areal ins Zentrum öffentlichen Interesses - verlegte man Strom- und Wasserleitungen; Licht- und Wasserspiele erfreuten Besucher, Lorbeerbäume und Palmen schmückten die Innenhöfe. Das Aufmauern von Wänden mit antikem Baumaterial - damals üblich - stellt Archäologen heute nicht selten vor Rätsel. Gewiss, Grabungsleiter wie Amadeo Maiuri, der ab den 1920er-Jahren vier Jahrzehnte in Pompeji tätig war, erwarben sich bleibende Verdienste. Welches "authentische Bild" aber haben sie denn eigentlich freigelegt? Der Prozess ging weiter.

Forscher in Rage

Auch neuere Ansätze, das Leben der Pompejaner "originalgetreu" nachzustellen, bringen solide Forscher in Rage. Als besonders fragwürdig gelten Versuche des Wiederaufbaus nach dem Erdbeben vom 23. November 1980. Deren Resultat: Auf den zerstörten antiken Fundamenten stehen mittlerweile die Ruinen der fantasievollen Rekonstruktionen.

Aus dem Zeitgeist geboren

Ein ganz anderes Kapitel, doch eng mit der archäologischen Erschließung verbunden, ist die Rekonstruktion des Alltagslebens der Pompejaner. Mehr noch als beim Aufpolieren baulicher Überreste wird dabei klar, dass es sich immer um aus dem Zeitgeist geborene Konstruktionen handelt: Umlaufende Friese an den Wänden von Vorräumen der Bäder - mit Motiven aus Ovids Liebeskunst - dienten aus heutiger Sicht einem simplen Zweck: Sie sollten den Badenden das Finden der Stelle erleichtern, an denen ihre abgelegte Kleidung lag. Für "prüdere" Jahrhunderte waren die "obszönen" Friese Hinweise auf Bordelle - und auf den Charakter der Stadt als Sündenbabel.

"Überstülpen" aktueller Phänomene

Dass Luxusbäder in der Kaiserzeit an die Stelle von Sportstätten traten - Wellness statt Fitness sozusagen -, dürfte den Eindruck von "sündhafter" Verweichlichung begünstigt haben. Aber selbst das schmeckt irgendwie nach Projektion, dem "Überstülpen" aktueller Phänomene über vergangene Lebensweisen.

Im Fluss der Interpretationen

Die "Momentaufnahme", die uns das große Blitzlicht, der Vesuv, an die Hand zu geben schien, ist allem Anschein nach ein Bild im Fluss der Interpretationen. Gut, dass es so ist. Auch auf die Geschichte trifft schließlich zu, was Physiker längst als Prinzip begreifen: Das Instrument, das Mittel, verändert die Sache, die man erforscht.

Dogmatische Illusion

Alles Vergangene ist folglich strittig, nie offenkundig, weil es Spaten und Spitzhacke, deutender Rekonstruktion und damit dem Wandel ausgesetzt bleibt. Jedes Festhalten, jedes So-und-nicht-anders-ist-es-gewesen führt zur Verödung, zu Rekonstruktionen, die selbst wieder zu Ruinen zerfallen. Das "authentische Bild" ist also nur dogmatische Illusion - ein Traum, und nicht mal ein guter.

Michael Schmittbetz (04.09.2006)

Zuletzt aktualisiert: 10. November 2009, 11:21 Uhr

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