St. Gereon Evangeliar : Otto-Schau zeigt neue Seite aus Prachthandschrift
Tausend Jahre und zahlreiche Kriege hatte das Kölner St. Gereon Evangeliar überstanden. Dann bauten die Kölner eine U-Bahn, ihr Archiv stürzte ein und das kostbare Buch lag im Dreck. Für die Magdeburger Landesausstellung "Otto der Große und das Römische Reich" wurde das Evangeliar, das vermutlich nach 984 von Ottos Familie in Auftrag gegeben worden war, aufwendig resturiert. Nun ist eine neue Seite der Prachthandschrift zu bestaunen.
In der Landesausstellung "Otto der Große und das Römische Reich" wird eine neue Seite des ottonischen Evangeliars aus St. Gereon gezeigt. Unter großem Medieninteresse wurde die einzigartige Prachthandschrift am Montag im Kulturhistorischen Museum Magdeburg umgeblättert. Das Evangeliar zählt zu den bedeutendsten Leihgaben der Schau. Die neue Seite zeigt den Anfang des Johannesevangeliums. Die goldenen, reich ornamentierten Anfangsbuchstaben des Textes sowie ein goldenes Medaillon mit dem Bildnis Christi füllen das Mittelfeld der Prachtseite. Außerdem sind die vier Evangelistensymbole Mensch, Adler, Stier und Löwe abgebildet.
Nach Einsturz des Kölner Stadtarchivs gerettet
Das mittelalterliche St. Gereon Evangeliar stammt aus dem Historischen Archiv der Stadt Köln. Es war beim Einsturz des Archivs 2009 schwer beschädigt worden. Im Auftrag des Kulturhistorischen Museums wurde es eigens für die derzeitige Otto-Ausstellung restauriert. Das prächtige Evangeliar war einst vermutlich von der Familie Ottos des Großen in Auftrag gegeben worden. Es enthält drei kleine Porträts von Ottos Enkel, Otto III., seiner Großmutter Adelheid von Burgund und seiner Mutter, der Kaiserin Theophanu. Die drei Porträtbilder sind äußerst ungewöhnlich und sollten möglicherweise den Herrschaftsanspruch nach dem Tod Ottos des Großen 973 untermauern. Die Handschrift entstand vermutlich nach 984 im Benediktinerkloster Sankt Pantaleon in Köln, dem Bestattungsort Theophanus. Das Buch, das mit drei Millionen Euro versichert ist, wird normalerweise nur äußerst selten der Öffentlichkeit präsentiert.
350 hochkarätige Exponate aus 17 Ländern
Die bis zum 9. Dezember laufende Ausstellung "Otto der Große und das Römische Reich" präsentiert rund 350 hochkarätige Exponate von der Antike bis zum Mittelalter. Die wertvollen Leihgaben wurden von Museen und Bibliotheken aus 17 Ländern der Welt zur Verfügung gestellt. Zu sehen sind kostbare Goldschmiede- und Steimetzarbeiten, Elfenbeine, Textilien und Schriftstücke, die auf einzigartige Weise Macht, Selbstverständnis und Repräsentation kaiserlicher Herrschaft dokumentieren. Zu den Glanzpunkten der Schau gehören neben dem St. Gereon Evangeliar u.a. die Herrschaftszeichen von Kaiser Maxentius (278-312), eine zwei Meter hohe Statue des Kaisers Claudius (10-54) und die frisch restaurierte Heiratsurkunde der Kaiserin Theophanu aus dem Staatsarchiv Wolfenbüttel.
Geschichte des europäischen Kaisertums
Nach Angaben der Macher der Otto-Schau zeichnet die drei Millionen Euro teure Ausstellung erstmals die Entwicklung des europäischen Kaisertums im ersten Jahrtausend nach. Dabei werden Beginn, Kontinuität und Wandel der römischen Kaiseridee über verschiedene Epochen hinweg dokumentiert: von den Anfängen unter Caesars Adoptivsohn Augustus (63 v.Chr.-14. n.Chr.), über Konstantin den Großen (ca. 280-337), die oströmischen Kaiser von Byzanz, den Franken-Herrscher Karl den Großen (747-814), der als erster das weströmische Kaisertum außerhalb Italiens etablierte, bis hin zu Otto dem Großen (912-973), der dieses Kaisertum 962 endgültig nördlich der Alpen verankerte.
Ergänzt wird die Landesausstellung von Korrespondenzausstellungen an sieben weiteren Orten Sachsen-Anhalts mit Bezügen zu Otto dem Großen. Die aktuelle Schau ist die Krönung einer Trilogie von Ausstellungen zu Otto I. in Magdeburg. Die erste Schau "Otto der Große, Magdeburg und Europa" hatte vor elf Jahren für einen Ansturm von mehr als 300.000 Besuchern gesorgt.
Evangeliare
Die mittelalterlichen Evangeliare wurden in jahrelanger Arbeit von Mönchen geschaffen. Meist arbeiteten mehrere Experten daran, die vier Evangelien des Neuen Testaments auf Latein zu Papier zu bringen und farbige Illustrationen zu malen. Die Bücher konnten auch Verzeichnisse mit den jeweiligen Texten enthalten, die an jedem Tag eines Kirchenjahres gelesen wurden. Damit sollte das Evangelium und auch Christus selbst geehrt werden. Außerdem erfüllten Evangeliare auch repräsentative Funktionen. Wer es sich leisten konnte, ein solches Kunstwerk in Auftrag zu geben und beispielsweise einem Kloster zu stiften, der zeigte damit auch seine eigene Bedeutung.
Landesausstellung Sachsen-Anhalt 2012
Kulturhistorisches Museum Magdeburg
Otto-von-Guericke-Straße 68-73
39104 Magdeburg
Telefon: 03 91-5 35 48-0
Öffnungszeiten:
27.08.-09.12.2012
täglich 10:00 - 18:00 Uhr
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