Ein Foto der AfD-Spitzenkandidaten Alice Weidel und Alexander Gauland und die Worte 'Holen wir unser Land zurück. Viel Erfolg und Kraft dazu' stehen auf einem der Transparente während einer Kundgebung der islamfeindlichen Pegida-Bewegung auf dem Neumarkt in Dresden
Die Menschen gehen auf getrennten Wegen, glaubt Kerstin Palzer. Bildrechte: dpa

Nach AfD-Wahlerfolg "Deutschland ist nicht mehr einig"

In Sachsen-Anhalt sitzt die AfD seit der Wahl im März 2016 im Landtag. Nun zieht die Partei in den Bundestag ein. Das Wahlergebnis zeigt, dass Deutschland nicht mehr einig ist, findet MDR-SACHSEN-ANHALT-Redakteurin Kerstin Palzer.

Ein Foto der AfD-Spitzenkandidaten Alice Weidel und Alexander Gauland und die Worte 'Holen wir unser Land zurück. Viel Erfolg und Kraft dazu' stehen auf einem der Transparente während einer Kundgebung der islamfeindlichen Pegida-Bewegung auf dem Neumarkt in Dresden
Die Menschen gehen auf getrennten Wegen, glaubt Kerstin Palzer. Bildrechte: dpa

Diese Wahl hat viel verändert. Es ist sichtbar geworden, dass Deutschland sich auf getrennten Wegen befindet. Wir driften auseinander, und das nicht erst seit Sonntag. Da sind die, die zufrieden sind, denen es gut geht, die sich ein "weiter so" vorstellen können. Und da sind die, die das auf gar keinen Fall wollen. Deutschland geht es gut, sagen die einen und verweisen auf immer weniger Arbeitslose und Wirtschaftswachstum.

Und dann sind da viele andere, die fühlen sich abgehängt, da reicht das Geld nicht bis zum Monatsende, und der eigene Job wird so schlecht bezahlt, dass man noch zum Amt muss. Mit der Wahl der AfD ist klar geworden, dass Deutschland nicht mehr einig ist. Auch nicht mehr im Großen und Ganzen.

Für viele keine Alternative

Für viele Menschen ist die AfD keine Alternative, auch das hat die Wahl gezeigt. Menschen, denen es wichtig ist, in einem Land zu leben, das weltoffen ist und in dem jeder nach seiner Façon glücklich werden kann. Der Staat gibt einiges vor und um den Rest musst du dich selber kümmern. Und wer zu schwach ist, dem wird geholfen.

Was aber jetzt, im September 2017, klar ist: Viele Menschen finden das alles auch, haben aber trotzdem AfD gewählt, weil sie immer mehr Armut sehen, weil sie das Schulsystem schlecht finden und weil sie ihre Wahl als Wachrütteln für die sogenannten Alt-Parteien verstanden wissen wollten.

Menschen wollen mehr Wertschätzung

Kerstin Palzer
MDR-Redakteurin Kerstin Palzer Bildrechte: Sabine Erlhage

Der MDR fragte nach der Wahl, warum man AfD gewählt hat und die Menschen haben zu Hunderten angerufen oder geschrieben und über ihre Gründe erzählt. Es ärgert sie, dass Ausländer, die hier kriminell geworden sind, nicht abgeschoben werden und sie befürchten, dass Straßen, Brücken und Schulen auch deshalb in schlechtem Zustand sind, weil viel Geld für Flüchtlinge gebraucht wurde und wird. Sie bekommen wenig Rente oder nur Mindestlohn. Sie wollen mehr Hilfe und Unterstützung vom Staat.

Ganz oft klingt da das Gefühl mit, dass Menschen sich nicht genug wertgeschätzt fühlen. Oder dass sie Sorgen haben, um die sich scheinbar niemand kümmert, dafür aber andere Themen wichtig sind, die nichts mit ihrem Leben zu tun haben. Sie finden es nervig, dass es nicht mehr Negerkuss heißen soll, oder dass man immer Lehrerin sagen soll, wenn man eine Frau meint, die Kinder unterrichtet. Und manche finden, dass Homosexuelle nicht die gleichen Rechte haben sollen wie heterosexuelle Menschen.

Viele Menschen in Sachsen-Anhalt haben die Nase voll davon, dass viel über Wenige und wenig über die große Gruppe der Mehrheit berichtet wird. Sie wollen, dass sie selbst wieder beachtet werden. Mehr als jetzt zumindest. Und das von der Politik und von den Medien.

AfD-Äußerungen schaden dem Ansehen Deutschlands

Wenn aber AfD-Chef Gauland jetzt dazu aufruft, die Kanzlerin "zu jagen", dann hat das nichts mit konstruktiver Kritik oder Oppositionsarbeit zu tun. Wenn jetzt vom selben Politiker die "Leistungen" der Deutschen Wehrmacht gelobt werden, dann verletzt das die Gefühle unzähliger Opfer und lässt das große Ansehen, dass Deutschland sich in den letzten Jahrzehnten in der Welt erarbeitet hat, sinken. Gerade auch in Russland.

Was ich schlimm finde, ist diese Wut, diese Radikalisierung, diese Ausgrenzung von denen, die anders denken (und das ist immer noch die Mehrheit). Als wären früher alle einer Meinung gewesen, als hätte es früher keine großen Probleme gegeben. Die AfD meint, wir sollten uns unser Land zurückholen. Das ist nicht weg.

Holt die Gesprächskultur zurück!

Ich fände es deutlich wichtiger, wenn wir uns unsere Gesprächskultur zurückholen könnten. Wenn Politiker sich wieder mehr streiten und dadurch auch mehr unterschiedliche Meinungen ihrer Wähler vertreten. Dafür sind die jetzt sechs Parteien im neuen Bundestag schon mal gut.

Aber ich will keine Einpeitscher, Beleidigungen, Brandstifter. Was ich will, ist, dass wir miteinander im Gespräch bleiben. Die, die AfD gewählt haben und die, die das nicht getan haben.

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Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | Sachsen-Anhalt Heute | 26. September 2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. September 2017, 21:09 Uhr

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32 Kommentare

29.09.2017 08:03 Mediator an Demokrat (29) 32

Ich muss ihnen in einem Punkt wiedersprechen: Die Flüchtlingskrise war kein Funke am Pulverfass sondern lediglich eine Gelegenheit für rechtspopulistische und rechtsradikale Parteien mit ihren Thesen in breite Bevölkerungsschichten vorzudringen. Hass, Wut und Angst lassen sich halt am besten auf eine Gruppe kanalisieren, der man mit Sicherheit niemals angehören wird - auf Flüchtlinge.

So zu tun, als könne man alle Probleme lösen, wenn man das Geld das in den Komplex "Flüchtlinge" fliest umverteilt, dass ist doch Unsinn!

Um die Lebensleistung betrügen klingt immer so, als ob einem ein Bankmensch das Häuschen abschwatzt. Fakt ist aber, dass manche Menschen so schlecht verdienen und so viele Ausfallzeiten in der Rente haben, dass ihre EINZAHLUNGEN nur eine Rente im Bereich der Grundsicherung erbringen.

Über solche Arbeitsverhältnisse braucht es eine Diskussion, aber bitte nicht auf der Ebene "Betrug"

Die AfD artikuliert in meinen Augen keinen Unmut sondern hetzt Menschen auf!

28.09.2017 21:01 aridus 31

Macht es wirklich so viel Sinn, Menschen erreichen zu wollen, die - wie einst die Kinder von Hameln - blaugewandeten Flötenspielern nachlaufen? Vor allem sollte man sich hüten, populistischen Forderungen nachzugeben, um die Populisten zu "besänftigen". Auch in dieser Beziehung sind die frühen 1930er Jahre ein warnendes Beispiel!

28.09.2017 20:17 Wolfis 30

Ich höre in den Medien nur das der Osten unzufrieden ist und die AfD gewählt hat. Die Wahrheit ist, das die Bayern am meisten AfD gewählt haben, vor den Sachsen. Warum wohl? Wo sind die Meisten Flüchtlinge angekommen? In Bayern!

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT: Man kann das nur prozentual unterscheiden und da haben die Bayern am meisten die CSU gewählt.

28.09.2017 19:31 Demokrat 29

In den letzten Jahren sind viele Menschen unter die Räder gekommen, werden Lebensleistungen nicht anerkannt und Menschen nicht geachtet. Die Flüchtlingskrise mit der Kölner Silvesternacht ist bloß der Funken am Pulverfass, setzt dem ganzen nur die Krone auf!
Da wäre endlich der Kontakt zur Basis, dem Volk, dringend wiederherzustellen! Die AfD versteht es immerhin den Unmut zu artikulieren. Parlamente sind für Kontroversen da, die wir jetzt mehr erwarten können. Inwieweit es gelingt, verloren gegangenes Vertrauen und unser Land zurückzugewinnen, bleibt abzuwarten.

28.09.2017 18:37 Mediator an böse-zunge(27) 28

Es ist doch dummes Zeugs so zu tun, als wäre die veröffentlichte Arbeitslosenstatistik ein Schwindel!

Wer so etwas behauptet, der will lediglich provozieren oder er plappert dummes Zeug nach.

Wer in dieser einen Statistik auftaucht und wer nicht, dass ist transparent dargelegt. Von daher ist müssen sie sich nur einlesen. Wenn sie interessiert sind, dann können sie auch detailliert nachlesen wie es bei Alleinerziehenden oder Menschen über 62 aussieht, bzw wie viele Menschen sich in Maßnahmen befinden.

Wenn ich die Wahl habe mich auf ihr Bauchgefühl zu verlassen oder meine Entscheidungen auf statistischen Daten abzustützen, dann wähle ich das Letztere. Im übrigen wurden heute aktuelle Konjunkturdaten veröffentlicht. Die Wirtschaft wird stärker als erwartet wachsen und man rechnet mit weniger als 2,5 Mio Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt 2018. Ist das alles auch nur Betrug?

28.09.2017 15:27 böse-zunge 27

Ja warum sollte denn eine Arbeitslosenstatistik ein Schwindel sein? Ja warum denn nicht?
Schließlich werden seit den späten 90ern speziell diese Statistiken "geschrödert" - höchst kreativ verfeinert bis auf den heutigen Tag.
Armutsforscher (Ja solche Berufe gibt es mittlerweile - und warum wohl?) können das in epischer Breite, und damit in mehr als 1000 Zeichen, erklären.
Und "Plus" kann ein Staat auch durch sinkende Ausgaben machen. Durch zunehmende Sanktionierungen von ohnehin im Armutsbereich Lebenden z. Bsp. - und wenn diese dann für Pensionsleistungen (BfA) eingesetzt werden (ü. 4 Mrd. EUR letztes Jahr) dann wird das "Plus" noch größer.
Eine staatl. Institution hat ein ökon. Eigeninteresse daran ihre "Schutzbefohlenen" zu sanktionieren ... das muss man sich mal langsam durch Hirnwindungen krabbeln lassen ... danach stellt man keine Fragen mehr.
Nur noch zurücklehnen und mit leisem Grinsen der Dinge harren, die da kommen werden.
Einigkeit und Recht und Freiheit ... :D

28.09.2017 12:05 Annemarie Liebholz 26

Du sprichst mir aus der Seele, liebe Kerstin. Aber die Entgleisung von Andrea Nahles, der neuen Regierung "in die Fresse zu hauen" gibt einem doch zu denken. Als SPD-Frau schäme ich mich für meine Partei, die hoffentlich bald aufwacht und zu ihren Wurzeln zurück findet. Dann funktioniert auch unser Zusammenleben und unsere Demokratie, für die meine Eltern und Großeltern gekämpft haben.

28.09.2017 11:51 Mediator an pudd'nhead(19) 25

Was angeblich jeder weis und was tatsächlich der Realität entspricht, dass sind doch meist grundlegend unterschiedliche Dinge.

Warum ist denn die Arbeitslosenstatistik in ihren Augen ein Schwindel? Wenn das so offensichtlich ist, dann können sie das ja sicher kurz und knapp erläutern. Erläutern sie bei dieser Gelegenheit bitte auch, woher die steigenden Einnahmen des Staates und der Sozialkassen herkommen.

Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass meine Nachbarn jeden Tag zur Arbeit gehen und sich nicht in einer Lagerhalle von 8 bis 17 Uhr verstecken müssen.

PS:
Eine Statistik bildet die Realität immer vereinfacht ab und lässt gewisse Fakten ausser acht. Deswegen werden ja jeden Monat Dutzende Statistiken veröffentlicht, in denen man dann auch Unterbschäftigung usw. herauslesen kann.
Trends lassen sich in jedem Fall aus den Statistiken ablesen.

27.09.2017 21:31 Mediator 24

@fischotter(23): Nun ja ähnliche Worte haben nicht immer eine ähnliche Bedeutung. Wenn die AfD zum Kampf und Widerstand aufruft, dann kann man schon manchmal auf die Idee kommen, dass diese Botschaften auch an Rechtsextremisten gerichtet sind und dort interpretiert man das doch deutlich anders.

@jochen(21): Gesetzesbrüche? Wovon redest du? Welche Strafe steht den angeblich darauf die Anwendung des Dublin Abkommens zeitweise auszusetzen? Ich bin gespannt! Ach ja: Das Maastricht Abkommen hat Deutschland jahrelang ignoriert, damit es u.a. auch in Ostdeutschland investieren konnte. Da hat kein Hahn danach gekräht. Wie wäre es mal damit konsequent zu sein bei Beschuldigungen?

@Mirko(11): Der Zweite Weltkrieg wurde von D in verbrecherischer Weise geführt und die Wehrmacht hat den Holocaust erst ermöglicht indem sie die Gebiete erobert und verteidigt hat, in denen die Menschen industriemäßig ermordet wurden. Irgendwie vermeidet Gauland es dies zu erwähnen!

27.09.2017 19:48 fischotter 23

Wie heute im Focus zu lesen ist äußerte sich Nahles abseits der Mikrofone folgendermaßen(Zitat): „…, aber ab morgen kriegen sie in die Fresse.“ Zuvor war bereits der Abgeordnete Kahrs mit folgender Entgleisung bzgl. der AfD aufgefallen (Zitat): „Haufen rechtsradikaler Arschlöcher“. Ja Mediator, mit derlei Gesprächskultur wird es die SPD noch weit bringen. Da ist die künstliche Aufregung über Gauland ein Klacks. Das findet übrigens auch Jan Fleischhauer vom Spiegel, der die Aussage eines Grünen namens Volmer aus dem Jahre 1994 ins Gedächtnis zurückruft der da lautete: „Wir werden den Kanzler jagen“. Erregung=Null. Sein Twitterkommentar dazu: „Schade, dass bei vielen die Erinn(er)ung nur zehn Jahre zurückreicht“ Eigenartig nicht wahr? Hilfreich zur Frustbewältigung ist auch das gestrige Interview von Michael Wolffsohn auf Phönix. Sollten Sie unbedingt probieren.