Ein leeres Klassenzimmer einer Schule.
Für Schüler bedeutet der Lehrermangel Unterrichtsausfall (Symbolbild). Bildrechte: Colourbox

Unterrichtsausfall Land hat zu viele Lehrer gehen lassen

Rund 1.700 Lehramts-Absolventen wird es bis zum Jahr 2022 wohl geben, gebraucht werden allerdings mehr als doppelt so viele. Nach Ansicht von Wissenschaftsminister Willingmann hat die Landesregierung in der Vergangenheit Fehler gemacht. In Wernigerode haben derweil Eltern ihrem Ärger Luft gemacht.

Ein leeres Klassenzimmer einer Schule.
Für Schüler bedeutet der Lehrermangel Unterrichtsausfall (Symbolbild). Bildrechte: Colourbox

In Sachsen-Anhalt werden deutlich mehr Lehrer gebraucht, als im Land selbst ausgebildet werden. Eine Kommission im Bildungsministerium beschäftigt sich zurzeit mit dem Thema. Sie kommt zu dem Schluss: Bis zum Jahr 2022 ist mit rund 1.700 Absolventen an den Hochschulen zu rechnen. Gebraucht werden bis zu diesem Zeitpunkt aber etwa 3.500 neue Lehrer. Die jetzige Anzahl der Lehramtsstudenten könne nicht einmal zur Hälfte den Einstellungsbedarf decken, heißt es in einem Arbeitspapier.

Minister räumt Fehler ein

Aus Sicht von Sachsen-Anhalts Wissenschaftsminister Armin Willingmann (SPD) hat die Landesregierung in der Vergangenheit massive Fehler im Umgang mit Lehrern gemacht. Willingmann sagte MDR SACHSEN-ANHALT, wenn in den vergangenen Jahren kontinuierlich Absolventen übernommen worden wären, würde es jetzt nicht den hohen Bedarf an Lehrern geben.

Man sei in den letzten Jahren aber nur in der Lage gewesen, ein Drittel der Absolventen in das Referendariat zu übernehmen oder ihnen eine Lehrerstelle anzubieten. "Wir werden das in der Zukunft ändern", sagte Willingmann. In der schwarz-rot-grünen Landesregierung von Sachsen-Anhalt sei man sich "völlig einig", dass die Kapazitäten an Referendaren ebenso wie die Zahl der Lehramtsstudienplätze erhöht werden müssten.

Mir ist wichtig, dass wir in Zukunft den Fehler nicht wiederholen, den wir in der Vergangenheit gemacht haben – nämlich junge Menschen ins Studium des Lehramts zu locken, ihnen dann aber keine Perspektive in Sachsen-Anhalt zu bieten.

Wissenschaftsminister Armin Willingmann

Das Land bildet inzwischen mehr Referendare aus. Die Zahl der Ausbildungsplätze ist laut Bildungsministerium in diesem Jahr von 630 auf 780 gestiegen. Nächstes Jahr sollen es 830 sein.

Nicht jeder packt das Studium

Wichtig sei es auch, die Erfolgsquote der Lehramtsstudenten zu erhöhen, sagte ein Ministeriumssprecher. Demnach machen derzeit nur 61 Prozent der Studienanfänger einen erfolgreichen Abschluss. Zudem müssten weiterhin Lehrer aus anderen Bundesländern angeworben werden. 2017 seien rund 30 Prozent der neu eingestellten Lehrer nicht in Sachsen-Anhalt ausgebildet worden. Die meisten seien aus Niedersachsen und Sachsen gekommen.

Für Kinder und Jugendliche bedeutet der Lehrermangel Unterrichtsausfall. Die Koalition strebt bei der Unterrichtsversorgung einen Wert von 103 Prozent an. Das würde bedeuten, dass Krankheitsausfälle aufgefangen werden. Zum Stichtag 21. September 2016 hatte der Wert an den allgemeinbildenden Schulen allerdings nur bei 99,5 Prozent gelegen.

Protestaktion in Wernigerode

In Wernigerode haben Lehrermangel und Stundenausfälle am Montag Eltern, Lehrer und Schüler auf die Straße getrieben. Sie protestierten auf dem Marktplatz der Stadt. Die gut 100 Teilnehmer hatten kleine Tische aufgebaut und dort Unterricht abgehalten.

Mit dabei war unter anderem Andrea Scharipow, Mutter von zwei Kindern. Sie sagte MDR SACHSEN-ANHALT, Eltern müssten zu Hause immer mehr das nachholen, wozu eigentlich die Schule verpflichtet sei. Letztes Jahr sei an einer Grundschule in Wernigerode zwei Wochen lang Unterricht ausgefallen. Eine andere Erfahrung, die Scharipow und ihre Kinder gemacht haben: In einer sechsen Klasse seien nur drei Wochenstunden Mathe unterrichtet worden. Auf dem Stundenplan hätten aber eigentlich fünf gestanden.

"Bildung am Küchentisch" Protest gegen Lehrermangel in Wernigerode

Schüler, Eltern und Lehrer protestieren auf dem Marktplatz in Wernigerode gegen den Lehrermangel.
In Wernigerode haben am Montag Lehrer, Eltern und Schüler gegen denLehrermangel protestiert. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Schüler, Eltern und Lehrer protestieren auf dem Marktplatz in Wernigerode gegen den Lehrermangel.
In Wernigerode haben am Montag Lehrer, Eltern und Schüler gegen denLehrermangel protestiert. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Kinder sitzen auf dem Marktplatz in Wernigerode an Tischen.
Sie hatten kleine Tische aufgebaut und dort Unterricht abgehalten. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Kinder sitzen auf dem Marktplatz in Wernigerode an einem Tisch.
Das Motto lautete "Lehrermangel - Bildung am Küchentisch?!". Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Erwachsene und Kinder sitzen auf dem Marktplatz in Wernigerode an einem Tisch.
Die Teilnehmer sagen, dass wegen des Stundenausfalls immer mehr Schulstoff zu Hause vermittelt werden muss. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Eine Frau und ein Mädchen sitzen vor einem Transparent an einem Tisch.
Der Unterrichtsausfall betrifft auch die elfjährige Helena Sternitzke. Ihr Vater war einer der Organisatoren des Protestes. Sie hatte bisher nur drei von fünf Stunden Mathe pro Woche am Gerhart-Hauptmann-Gymnasium Wernigerode. Um den Unterricht für die Abiturklassen zu gewährleisten, wurden hier in den unteren Klassenstufen Pädagogen abgezogen. Aus der Elternschaft wurden mehrere Briefe an Bildungsminister Marco Tullner (CDU) geschickt.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 23.10.2017 | 17:30 Uhr

Quelle: MDR/kb
Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
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Auch Vater Mario Sternitzke fordert die Landesregierung zum Handeln auf. Die Politiker müssten daran arbeiten, "dass die seit Jahren bekannten Probleme endlich abgestellt werden". Unterrichtsausfall könne es jederzeit an jeder Schule im Land geben.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 23.10.2017 | 18:00 Uhr

Quelle: dpa,MDR/kb

Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2017, 21:53 Uhr

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10 Kommentare

25.10.2017 13:35 Demokrat 10

Da haben die "Fachleute" in den letzten Jahren eben völlig falsch geplant. Es wurde in der Vergangenheit stets davon ausgegangen, dass die Zahl der Schüler stetig sinken würde, so wie das ja auch nach der Wende jedes Jahr bis 2011 der Fall war. Nur hat man dann eben nicht sofort reagiert. Das war das Problem. Man hätte es allerdings erkennen können, denn die Geburtenraten hatten sich stabilisiert und der Abstand zwischen Weg- und Zuzügen nach Sachsen-Anhalt wurde immer kleiner.

25.10.2017 13:28 Bürger der früheren DDR 9

Das Schlimme ist, dass über Jahre, man kann schon formulieren, über Jahrzehnte die Warnungen in den Wind geschlagen worden sind. Das ist nicht mit eine Hau-Ruck-Aktion zu lösen, sondern bedarf weitsichtiger und kontinuierlicher Arbeit von Leuten, die nicht ständig von Wahltermin zu Wahltermin schauen.

24.10.2017 17:05 Ureinwohner 8

Willigmann Minister für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung des Landes Sachsen Anhalt.Die Dreifaltigkeit des Landes Sachsen Anhalt seit 16. November 2016. Aus Sicht von Armin Willingmann (SPD) hat die Landesregierung in der Vergangenheit massive Fehler im Umgang mit Lehrern gemacht. Willigmann der neue Messias in Magdeburg ?

24.10.2017 13:14 K.Morasch 7

@ (1) Heinrich Martin
Sehr schöner Kommentar. Vielen Dank. Wir wissen ja auch aus vielen anderen Beispielen, dass viele Politiker, so sie denn erstmal an der Macht sind, sehr gern mit den Methoden des Besserwissens und der Überheblichkeit arbeiten. So wird denn auch Schaden angerichtet und später heisst es dann: "Das konnte ja niemand voraussehen". Aber wenn man sich die Lebensläufe und beruflichen Qualifikationen vieler Politiker anschaut, kann das einen eigentlich auch nicht verwundern.

24.10.2017 11:09 Martina 6

Und ich dachte immer, Herr Tullner ist Bildungsminister. Aber er beteuerte ja kürzlich, er sei "erst 1 Jahr im Amt.

24.10.2017 10:31 K.Morasch 5

Das alte Dauerthema "Lehrermangel" und die daraus resultierenden Probleme wie Unterrichtsausfall, qualitative schlechtere Unterrichte durch fachfremde Vertretungen oder ausgebrannte Lehrer, sprechen doch eindeutig für die Kompetenz der Landesregierung unter Ministerpräsident Rainer Haseloff. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

24.10.2017 09:44 Nordharzer 4

Wenn man diese Aussagen von Willingmann hört, könnte man das Kotzen kriegen! CDU und SPD sitzen seit Jahren in der Regierung, das System Bullerjahn hat dazu geführt, dass in ALLEN Bereichen der Landesverwaltung Personal abgebaut wurde. Hauptsächlich durch Nichteinstellungen nach Altersteilzeit- und natürlichen Abgängen. ATZ sollte mal das Mittel sein für: Alte raus, Junge rein. Es war aber nur das Mittel zum systemlosen Stellenabbau. Jahrelang wurde alles gehen gelasssen, was einen Antrag gestellt hat, nach ein paar Jahren hat man dann festgestellt: huch, jetzt fehlen ja auf einmal so viele! Aber da war es zu spät. Ob Lehrer, Polizisten, Bauingenieure, Straßenwärter - überall fehlt Personal und ist nur mit jahrelangen, intensiven Bemühungen oder gar nicht zu ersetzen. Für Personal war angeblich kein Geld da, aber für millionenschwere Studien und Gutachten fand man immer etwas.

24.10.2017 09:28 pkeszler 3

Überall in Ostdeutschland haben wir das gleiche Problem - Lehrermangel. Erst lässt man die Lehrer wegen schlechterer Bezahlung als im Westen und Nichtverbeamtung ziehen und dann ist man mit den Seiteneinsteigern nicht zufrieden. Dabei ist eine Planung über 6 Jahre anhand der Geburtenzahlen durchaus möglich. Und das auch viele Lehrer in Rente gehen wußte man offensichtlich auch nicht.

24.10.2017 07:12 Beton 2

Der aktuelle Wissenschaftsminister stellt mit dieser Fehleranalyse seinen Parteikollegen der letzten Legislaturperiode Dorgeloh und Bullerjahn ein ganz schlechtes Zeugnis aus. Denn die steigenden Geburtenzahlen lassen selbst mit einfachen Mathematikkenntnissen eine Vorausberechnung der Schülerzahlen zu und über den Altersstand der Lehrer ist ebenso einfach deren Renteneintritt absehbar. Daraus folgend kann dann der Neulehrerbedarf berechnet werden. Und wenn bekannt ist, daß 31% der Lehramtsstudenten den Abschluß nicht erreichen, dann ist offensichtlich, wieviele Studienplätze wirklich benötigt werde, um die notwendige Zahl an Absolventen auszubilden.
Bloß gut, daß die zwei keine Regierungsverantwortung mehr haben. Leider werden vielen heutigen Schülern durch die aktuelle teils katastrophale Situation ihre Bildungschancen und damit Zukunftschancen genommen.

23.10.2017 01:02 Heinrich Martin 1

Seltsam oder etwa nicht?
Vor 10 Jahren weilten Kollegen einer Grundschule in Magdeburg im Kultusministerium. Schon 2007 konnte man als normaldenkender Lehrer erahnen, was im Alter auf einen zukommt, wenn reichlich Kollegen mit 58 o.ä. in den Ruhestand entlassen wurden, aber keine jungen Lehrer nachrückten.
Selbst Absolventen mit überdurchschnittlichen Leistungen fanden keine Anstellung im Lehramt, wanderten in besserzahlende und weiterdenkende (westliche) Bundesländer ab. Nicht wenige arbeiteten und arbeiten noch heute berufsfremd.
Damals wurde der "linken Hand" des damaligen Kultusministers also von einer Kollegin die spannende Frage gestellt, wie man dem Problem mit dem zukünftigen Lehrermangel auch in Hinblick auf die Demographie entgegentreten werde. Die Daten der Lehrergeburtstage sowie der daraus resultierende Altersquerschnitt seien ja bekannt. Mit überheblicher Häme wurde nur die Gegenfrage gestellt: "Woher wollen Sie das denn wissen?"
Heute weiß man es, sogar dort!!!

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